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Weiterhin maßstabsetzend: Der Philosoph Plato vor der Athener Akademie.

Otfried Höffe

Die List des Bewährten

Und was kommt dann? Und wollen wir dabei sein? In seiner „Geschichte des politischen Denkens“ holt der Philosoph Otfried Höffe in Porträts und Miniaturen souverän aus.

Von Otto A. Böhmer

Otfried Höffes ?Kritik der Freiheit?, 2015 erschienen, überzeugte nicht zuletzt durch die klare Sprache, in die der Autor sein stupendes Wissen umzusetzen verstand. Dieses Lob gilt auch für Höffes „Geschichte des politischen Denkens“. In „zwölf Porträts und acht Miniaturen“ werden politische Denker vorgestellt, die uns heute noch etwas zu sagen haben. Das Spektrum ist breit gefasst; es reicht von Platon und Aristoteles über Dante, Machiavelli, Rousseau, Kant, Hegel; Marx, Nietzsche bis zu John Rawls.

Höffe macht klar, dass unser Nachdenken über das Politische immer wieder neu ansetzt, dabei jedoch auch an Bewährtem hängt, dessen Aktualität sich auf listige Weise, manchmal sogar nahezu unbemerkt, zu erkennen gibt. Insofern sind die Klassiker der politischen Philosophie klassisch, haben aber noch lange nicht ausgedient: „Die entscheidenden Fragen können die gleichen bleiben, auch wenn sie sich (…) mit unterschiedlichem Schwerpunkt anders darstellen: Was ist ein Gemeinwesen, wie funktioniert es, welche Strukturen, welche Institutionen mit welchen Hierarchien und welcher Art von Regierenden herrschen vor: tatsächlich, sinnvollerweise oder idealiter?“

Was ist Fortschritt?

Dabei kommt auch die Frage nach Fortschritten auf, die wir gemacht oder eben nicht gemacht haben: Politik ist, zumindest was die Meinungsbildung des Einzelnen angeht, den man gern übersieht, vor Wahlterminen aber bereitwillig wiederentdeckt, eine Ansichtssache mit tieferer Bedeutung, in der „Visionen“ eine Rolle spielen: „So gut wie alles politische Denken beruht nämlich letztlich (…) auf dem Entwurf einer besseren sozialen und politischen Welt.“

Von einer besseren Welt scheinen wir heute weiter entfernt zu sein als je zuvor; eine Klage allerdings, die sich zu allen Zeiten aufrufen ließ. Die Motive des politischen Denkens, die im Wesentlichen nach der Idee des „guten Lebens“ fragen, scheinen sich, vordergründig betrachtet, zu wiederholen, was aber damit zusammenhängen könnte, dass unser Leben immer lebensgefährlich ist und, generationenübergreifend, nachhaltiger Zuwendung bedarf; nur so kann es weitergehen, aber auch das ist, mit oder ohne Politik, keineswegs ausgemacht.

Der Kreisgang des Denkens, in dem wir uns bewegen, ohne es wahrhaben zu wollen, gehört eher der traditionellen Philosophie an, die nichts dagegen hat, Wissensdienst nach Vorschrift abzuleisten; in der politischen Reflexion, zumindest solcher mit Anspruch, darf man jedoch mehr wagen und sich am Großen und Ganzen versuchen, an dem wir alle teilhaben.

Höffe, der große realitätsgeschulte Idealist der Freiheit, mag auch in seiner überaus lesenswerten „Geschichte des politischen Denkens“ nicht von seinem Leitgedanken lassen, der sich, im Kontext des bisher Erreichten, so formulieren lässt: „Aus zweieinhalb Jahrtausenden politischen Denkens ist eine Errungenschaft von weltgeschichtlichem Rang hervorgegangen: eine Verbindung der ‚Freiheit der Alten‘ mit der ‚Freiheit der Moderne‘. Diese Errungenschaft, der demokratische Rechts- und Verfassungsstaat mit seinen Grund- und Menschenrechten, der Volkssouveränität, der Gewaltenteilung und den damit verbundenen Institutionen (…), bedarf der internationalen, sogar globalen Fortsetzung.“ Und Höffe weiter: „Die Grundrichtung, so die Hoffnung, sollte unstrittig sein: eine Weltordnung, die auch in internationaler und globaler Perspektive von dem bestimmt wird, was der sonst nüchterne Aufklärer Kant den ‚Augapfel Gottes‘ nennt: vom Recht.“

Was daraus erwächst und auf uns zukommt, wissen wir nicht; die Konturen allerdings zeichnen sich ab: „Man mag sie schließlich, nach einer langen Phase vor- und umsichtiger Entwicklungen, eine (…) Weltrepublik nennen. Aus Anerkennung eines Rechts auf Differenz hält sich diese Weltrepublik für die Vielfalt menschlicher Persönlichkeiten und Gesellschaftsformen offen.“ Sollten wir dann, womöglich sogar im Kreise unserer Nachfahren, noch mit dabei sein, hätten wir nichts dagegen.

Otfried Höffe: Geschichte des politischen Denkens. Verlag C.H. Beck, München 2016. 416 S., 27,95 Euro.

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