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In Delphas Zeit fällt Watergate, hier Proteste Anfang 1974.

Krimi

Lisa Sandlin: „Family Business“ – Notfalls spült sie auch Geschirr

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Lisa Sandlins zweiter Kriminalroman mit Delpha Wade, eine entschlossene Miss in den 70er Jahren.

Jetzt hat sie’s schon wieder getan: einen Mann getötet. In Notwehr. Delpha Wade saß 14 Jahre im Knast, bloß, weil sie ihr Leben verteidigte. Und nur der junge Privatdetektiv Tom Phelan gibt ihr, als sie 1973 rauskommt, einen Job als Sekretärin, auch deswegen, weil der Bewährungshelfer Miss Wades halt ein Kumpel von ihm ist. Diesmal hat sie gewissermaßen mehr Glück als vor Jahren: Der Mann, der ins Büro von „Phelan Investigations“ kommt, ist von Delphas Boss bereits als Serienmörder enttarnt.

Selbst die Polizei kann nicht wirklich etwas dagegen haben, dass sie sich entschlossen wehrt. Und auch ihr Bewährungshelfer kann nichts dagegen haben, denn sie tut es nicht mit einem Messer (das darf sie laut Bewährungsauflagen nicht in ihrer Nähe haben, noch nicht einmal ein ordentliches Küchenmesser), sondern mit einer Whiskeyflasche. Trotzdem besorgt ihr Tom Phelan zur Sicherheit einen Anwalt.

Das Buch

Lisa Sadlin: Family Business. Ein Fall für Delpha. A. d. Engl. von Andrea Stumpf. Suhrkamp, Berlin 2020. 358 S., 10 Euro.

So darf also eine der ungewöhnlichsten Ermittlerinnen der Kriminalliteratur nach diesem Zwischenfall weiterarbeiten („Family Business“ ist ohnehin erst der zweite „Fall für Delpha“), als sie aus dem Krankenhaus entlassen wird und sich erholt hat. Ermittlerin? Selbstverständlich ist Lisa Sandlins Hauptfigur mehr als jemand, der Kaffee kocht, Unterlagen abheftet, Rechnungen schreibt: Lebenserfahrung bekommt man auch im Knast, eine entschlossene und auch kluge Person dürfte sie vorher schon gewesen sein. Tom Phelan weiß das zu schätzen. Und die Leserin sowieso.

Lisa Sadlin: Family Business. Ein Fall für Delpha.

Da möchte also ein ziemlich seltsamer alter Typ, dass sein zwei Jahre jüngerer Bruder gefunden wird: Damit er sich mit ihm versöhnen kann vor seinem Tod. Sagt er. In Beaumont, Texas – wo Autorin Sandlin geboren wurde und sie „Phelan Investigations“ angesiedelt hat -, habe sein Bruder sich wahrscheinlich unter falschem Namen vor kurzem ein Haus gekauft. Aber auch der seltsame Klient, so finden Miss Wade und Phelan bald heraus, hat wohl nicht seinen richtigen Namen genannt. Und sein Bruder sieht die Dinge später doch etwas anders. Na ja, sehr anders eigentlich. Wem sollen sie glauben? Und zu was verpflichtet sie der Vertrag mit ihrem Klienten?

Lisa Sandlin hat eine ganz eigene, eigenwillige Art zu erzählen; so dass die Handlung zwar ausreichend vertrackt ist, aber die Auflösung am Ende keine allzu große Rolle spielt. Sandlin macht viel aus der von ihr gewählten Zeit, den Siebzigern, den Blumenkinder- und Watergate-Jahren. Als Nixon, US-Präsident und Gauner (wie heute ein anderer), noch versuchte, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Als man Telefonbücher stapeln oder die Auskunft anrufen musste. Als unverheiratete Frauen automatisch „Miss“ genannt wurden. Als überall, auch im Büro, geraucht und getrunken wurde – zum Glück, könnte Miss Wade mit Blick auf die rettende Whiskeyflasche in der Schreibtischschublade ihres Chefs sagen. Und als alles noch mehr Zeit brauchte: In einer Telefonzelle (!) muss Tom Phelan einmal geduldig auf einen Anruf warten.

Mit ein bisschen Grusel und Elementen des amerikanischen Privatdetektiv-Noir würzt Lisa Sandlin nach „Ein Job für Delpha“, 2015, auch ihren zweiten Kriminalroman. Aber ihre Heldin lässt sie nicht nur pfiffig und irgendwie cool, sondern vor allem auch den Menschen zugewandt sein. Und welchen männlichen private eye würde man regelmäßig beim Geschirrspülen antreffen, damit er sich was dazuverdient? Der Kerl würde lieber in Texas tot überm Zaun hängen. Delpha Wade jedoch ist eine Kämpferin, notfalls mit der Spülbürste, notfalls mit einer abgebrochenen Flasche. Am Ende von „Family Business“ muss sie allerdings nicht schon wieder handgreiflich werden; so dass sie hoffentlich bald gesund und munter ihren nächsten Fall löst – und okay, der nette Tom darf mitermitteln.

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