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Pillen: Im Roman „Blutwunder“ von Lisa McInerney kommen sie aus Italien.

Irischer Krimi

Lisa McInerney: „Blutwunder“ – Und sein Vater sieht weg und geht

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Lisa McInerneys „Blutwunder“, ein Roman über einen jungen Dealer in Cork.

Ich kenne mich aber nur mit Gras und Sex aus“ – dann fällt Ryan Cusack immerhin noch die Musik ein. Seine italienische Mutter hat ihm einst das Klavierspielen beigebracht, und er hat Talent. Aber er macht nichts aus sich und der Musik, er kriegt es nicht hin, sein Leben auch nur einen Zentimeter zu ändern, im Gegenteil. Ryan ist 20, aber er verkauft Pillen, seit er 14 ist, mit 16 hat er die Schule verlassen, jetzt seine Freundin Karine geschwängert. Und das Dealen führt dazu – da macht Ryan sich nichts vor, denn ehrlich ist er irgendwie schon –, „dass man rastlos ist, den ganzen Tag mit einer Scheißangst rumläuft, Müll redet“.

Zum zweiten Mal stellt die Irin Lisa McInerney den jungen Dealer Ryan Cusack in den Mittelpunkt eines Romans, nach „Glorreiche Ketzereien“ nun „Blutwunder“ („The Blood Miracles“, 2017). Ryan „betreibt das Geschäft junger, wilder Kerle überall auf der Welt“, er tut es in Cork. Aber da er ziemlich gut Italienisch spricht, kann er mit der Camorra reden im Auftrag von Daniel Kane, einem der Bosse in Cork: Der möchte expandieren mit besonders wirkungsvollen neuen Pillen aus Italien. Der zweite, härtere, ältere – und nicht nur in Drogen machende – „Raubritter“ in Cork ist Jimmy Phelan, genannt J. P., weil man seinen Namen besser nicht zu oft und laut ausspricht.

Rastlos wie der junge Dealer ist dieser Roman. Er begleitet Ryan in einen Musikclub, es ist Dan Kanes neuer Club, in dem er in Zukunft sein Geld waschen will. Die Geschichte begleitet Ryan auf eine Brücke, er ist so zugedröhnt wie depressiv, kann keineswegs mehr richtig denken; denkt aber daran, sich das Leben zu nehmen. Da klaubt ihn eine alte Frau – als Hexe erscheint sie ihm zunächst –, aus seinem Elend und Selbstmitleid und nimmt ihn mit nach Hause. Maureen, die „etwas kaum Verheiltes“ hat, hilft – auf ihn einredend, dies scharf und klug. „Was nützt dir deine Wut“, sagt sie, „wenn du entschlossen bist, nichts damit anzufangen.“ Sie wird ihn freilich in Schwierigkeiten bringen, ohne dass sie es möchte.

Das BuchLisa McInerney: Blutwunder. Roman. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Liebeskind 2019. 334 S., 22 Euro.

Ein paar Mal begleitet die Leserin Ryan zu Karine, die Schluss macht mit ihm, dann doch noch einmal mit ihm Sex hat. Dann Schluss macht. Oder vielleicht ... Ein paar Mal geht es quer durch Cork auch zu Natalie mit dem reichen Elternhaus, die ziemlich heiß ist auf den authentischen Jungen mit der harten Kindheit. Apropos harte Kindheit: Selten schaut Ryan bei seinem Vater Tony vorbei, einem Säufer, er tut es vor allem, weil der Dachboden seines Elternhauses ihm als Geldversteck dient. Doch manchmal wünscht sich Ryan, seinem Vater würde auffallen, wie schlecht es ihm geht und dass er gern in den Arm genommen oder einfach nur berührt werden würde. Aber Tony „sieht weg und geht“.

Lisa McInerneys Figuren klebt ihre Vergangenheit an den Fersen. Ihre Schwächen dazu. Kaum wahrscheinlich, dass einer den Absprung schaffen wird, Tony nicht von der Flasche, sein Sohn nicht von den anderen Drogen. Cork ist wie ein Sumpf, in dem sie feststecken, in dem die Optionen sehr beschränkt sind. McInerney nennt die Dinge, nennt all die von der Sucht lebenden Gestalten beim Namen. Dabei hat Ryan erstaunlich viel Selbsterkenntnis, schafft es ab und zu, gleichsam scharf zu stellen auf sich selbst und sich als die traurige, fahrige Gestalt zu sehen, die er ist.

Wie „Glorreiche Ketzereien“ ist „Blutwunder“ ein erstaunlicher Roman. Wenig an eigentlicher Handlung passiert, dafür nehmen Dialoge viel Raum ein, auch Ryans ewig kreisende Gedanken und innere Monologe, die sich immer wieder an seine lange schon tote Mutter richten.

Man könnte durchaus meinen, dass irgendwann der Moment kommt, in dem man genug hat von diesem „verspannten kleinen Wichser“. Bei dieser Leserin ist der Moment nicht gekommen. Und sie würde nicht ganz ausschließen, dass das selbst bei einem dritten Ryan-Cusack-Roman noch so sein könnte.

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