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Lisa Krusche. Foto: Charlotte Krusche
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Lisa Krusche.

Debütroman

Lisa Krusche: „Unsere anarchistischen Herzen“ – Die Hölle, das sind die Eltern

  • VonStefan Michalzik
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Papa war mal Autonomer: Lisa Krusches Debütroman „Unsere anarchistischen Herzen“ blickt auf die nächste Generation und meidet weder Satire noch Klischee.

Charles, ein Mädchen in den Jahren der Adoleszenz, ist aufgewachsen in Berlin. Großstadt, pralles Leben. Nun sieht sie sich angesichts einer Entscheidung, die ihre Eltern über ihren Kopf hinweg getroffen haben, in eine Hippiekommune in einem Kaff im niedersächsischen Flachland verschleppt. Da gibt es keinen Trost. Zumindest fürs Erste. Später dann über alle Maßen.

Lisa Krusche, geboren 1990 in Hildesheim, lebt heute in Braunschweig und gewann im vergangenen Jahr beim (digital übertragenen) Wettbewerb in Klagenfurt den Deutschlandfunk-Preis. In ihrem nun vorliegenden Debütroman „Unsere anarchistischen Herzen“ arbeitet sie mit dem steten Wechsel der Perspektive zweier Ich-Erzählerinnen in zumeist eher knappen episodischen Abschnitten. Gleich auf den ersten Seiten treibt Charles einen Uber-Fahrer zur Eile an bei der Verfolgung ihres Vaters, der nackt durch Berlin rennt. Der Polizei darf er nicht in die Hände geraten: „Papa war mal Autonomer“.

Charles’ Eltern gehören der Generation nach den 68ern an, Selbstverwirklichung ist auch ihr Lebensprogramm. Der Vater, einst ein vielversprechender Maler, ist inzwischen, in Charles’ Worten, ein armer Irrer; er fabriziert Skulpturen aus Müll, hat sich mit seinem ihm zufolge zu pekuniär orientierten Galeristen verkracht und setzt schließlich sein gesamtes Werk in Brand. Die Mutter ist Yogalehrerin und esoterisch orientiert und betrachtet sich nach politisch kämpferischen jungen Jahren immer noch als Anarchistin. Beide sind in erster Linie mit sich selbst beschäftigt. Die Hölle, paraphrasiert Charles Sartre, sind nicht einfach die anderen, es sind die Eltern.

Das Buch

Lisa Krusche: Unsere anarchistischen Herzen. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2021. 448 S., 23 Euro.

Der Autorin gelingt es sehr gut, Zeitstimmungen aufzugreifen. In der Schule wird Charles gepredigt, alles sei möglich bei entsprechender Anstrengung. „Mit alles meinen sie den Versuch, den eigenen Arsch zu retten.“ Dabei sei die Gesellschaft, nicht anders als ihre Familie, kurz vorm Abschmieren. Krusche meidet Klischees keineswegs, etwa jenes von der ungeniert hedonistischen Großmutter, die ihr Geld auf Kreuzfahrten vergeudet, einer der platteren Fälle.

In der Mitte des Buches erst begegnen sich Charles und Gwen, die ihre Fühllosigkeit in Schlägereien zu kurieren versucht. Gwens Eltern sind derart „normal“, dass es ganz bestimmt nicht besser ist. Zwei Welten, hier die antibürgerliche, da die wohlsituiert-bieder-mondäne. Was die beiden – auch in ihrem Erzählton – so unterschiedlichen neuen Freundinnen eint: Sie spüren keine Wärme in ihrem Elternhaus.

Und sie stellen zunächst Gegenmodelle zu den engagierten Jugendlichen der Fridays-for-Future-Bewegung dar. „Mit großem Optimismus“, heißt es bei Charles, lasse sich „hoffen, dass vielleicht noch ein bisschen Zukunft für uns übrig bleibt“. Aber die Politik sei nun einmal nicht Tom Booker – Protagonist in der Fernsehserie „Der Pferdeflüsterer“ –, „sie hat kein Interesse daran, uns wieder aufs Pferd zu helfen“. Alles ist möglich, heißt es ein paar Seiten weiter, dieses trügerische Versprechen zwinge die Kritik in die Knie.

So ausgehorcht wie pointiert zitiert Lisa Krusche die Sprache der unterschiedlichen Milieus wie den Jargon der Jugendlichen. Das geht immer wieder an die Grenze zur Satire. Dieser Roman hat seinen Humor, er ist kurzweilig. Die mobile Kommunikationstechnologie spielt eine stete beiläufige Rolle, über längere Strecken werden Kurznachrichten-Wechsel protokolliert.

Am Ende, nachdem Charles zuvor schon Bündnisse mit Objekten und Tieren wie einem Plüsch-Oktopus, einer Bananenpalme, einem Pony und einem Hund eingegangen ist, löst sich alles in einer Feier von Frauenfreundschaft und Aufbruchsstimmung auf, gemalt mit ganz fettem Pinselstrich. Literarisch betrachtet hat das einen banalen Zug. Allerdings gelingt es Krusche doch, Charles’ Entwicklung plausibel zu machen – als verantwortungsbewusst ist sie schließlich vom ersten Augenblick an gezeichnet. Auch dass man angesichts des arg glücklichen Ausgangs die Verfilmung schon vor sich sieht, ist kein Einwand gegen dieses in der Summe bemerkenswerte Debüt. Die Richtung, die Lisa Krusches Talent nimmt, wird sich noch zeigen müssen.

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