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Linn Penelope Micklitz „Abraum, schilfern“: Wie die Ilm sich neu ihren Weg bahnt

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Von: Eberhard Geisler

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Menschenwerk Abraumhalde.li
Menschenwerk Abraumhalde.li © imago images/CHROMORANGE

Der Raubbau an der Natur, die glücklosen Menschen und doch wieder ein Anfang: Ein literarisches Experiment von Linn Penelope Micklitz.

Eine junge Frau, die aus einem kleinen thüringischen Ort stammt, an dem ihr Großvater als Obersteiger im Bergbau tätig war, und die am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert hat, beginnt ihr erstes Buch und gelangt, nachdem die ersten Seiten geschrieben sind, zu folgender Skizze: „Die Landschaft gleicht einem offenporigen Papier. Alles durchdrungen voneinander. Autos, Fahrräder und Gesichter, die sich nicht einfügen, immer aussehen, wie eben erst abgestellt in ein Experiment. Blasse Häuser, die weit auseinander stehen. Kein Mittelpunkt, nur Hingestreutes ... Niemand hatte daran gedacht, ein großes Ganzes zu schaffen, die Gebäude scheinen ohne Bezug zueinander.“

Äußerste Verknappung, größte Eindringlichkeit: Die Landschaft hat sich geöffnet, ist empfindsam, gar verletzlich; die Menschen wollen eigensinnig sein, bleiben dabei aber isoliert, ohne nach dem gesellschaftlichen Zusammenhang zu fragen, den sie latent doch verspüren; noch bleiben die Häuser blass, noch ist nichts miteinander verbunden und nichts zu fröhlicher Farbigkeit gelangt. Und trotzdem ist die Situation völlig neu, insofern sie unverkennbare Züge eines offenen Experiments trägt.

Den Himmel erklimmen

Die Autorin Linn Penelope Micklitz, 1992 in Ilmenau geboren, ist sich bewusst, dass sie der Geschichte ihrer Heimat und Familie nachgehen muss, um die Gegenwart zu verstehen und sich auf deren experimentellen Charakter einzulassen. Ihr Rückblick skizziert einzelne Stationen vom 13. Jahrhundert bis in das Jahr 2022, das Jahr der Niederschrift. Der Raubbau an der Natur, den die Menschen von damals bis zur Wende von 1989 betrieben haben, wird ebenso hervorgekehrt wie – als Fiktion – das Bild einer Frau entworfen, Sidonia Hedwig Zäunemann, die im Jahre 1737 ihre Träume notiert, in denen sie einmal den Himmel erklimmen will, und dafür nur den stummen Notizblock als Gesprächspartner findet: „wie sehr es mich bedrückt, niemandem etwas sagen zu können“. 30 Jahre zuvor ist Johann Sebastian Bach Organist im thüringischen Arnstadt gewesen; ob Sidonia von seiner Musik gehört hat?

Das Buch:

Linn Penelope Micklitz: Abraum, schilfern. Trottoir Noir, Leipzig 2022. 152 S., 12 Euro.

Es ist vor allem Großvaters Geschichte, der Genüge getan werden muss. Er hat mitansehen müssen, wie nach der Wende der Schacht, in dem er ein Leben lang gearbeitet hat, stillgelegt und zugemauert wird. Er muss sich nach Gelegenheitsarbeiten umsehen. Aber es ist seine Liebe zu edlen Mineralien, die sich unter dem Abraum verbergen und die er ehedem freischlug und sammelte, derer hier gedacht wird.

Und auch vom stets betrunkenen Fridolin wird berichtet, der mit anderen Arbeitslosen in einer Kneipe hockt. Die Kumpel fassen einen Plan, „von dem niemand glaubte, dass er sie würde retten können, in dem sich aber alle Ängste und die Wut auf die Ungerechtigkeit und ihr glückloses Treiben sammelten“, und richten ihn ebenso verzweifelt wie blutrünstig hin.

Die Verfasserin selbst findet freilich zur Zuversicht und vertraut der lebendigen Kraft der Natur. Eine der letzten Passagen ist dem Flüsschen Ilm gewidmet: „lange dauerte es, bis sie sich ein neues bett gegraben hatte, bis sie genug land verdrängt hatte, um sich einzupassen in die erde, bis alles beräumt war, was ihr entgegenstand.“

Der Autorin gelingt es, einen sich öffnenden Text zu schreiben. Das ist wahrhaft viel für ein Debüt. Nun sind wir an der Reihe. Die Autorin hat es vorgemacht, erweist sich als des Großvaters würdige Enkelin und versteht zu schilfern (dieses Wort lernt man staunend hinzu): aus der erinnerten Vergangenheit steigt das Bild einer gesunden Häutung empor, und es streuen sich viele und trefflich beschriebene Blätter hinaus in die Lande.

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