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Zum Ausdiskutieren trifft man sich auf dem Land.

Roman von Bernhard Schlink

Der linke Psycho-Gau

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Bernhard Schlinks Roman versammelt Zeitzeugen zum "Wochenende". Ein Versuch, die zeitgenössische Diskussion über die RAF-Jahre nicht einem selbstgefälligen Geschichtspotpourri zu überlassen. Von Harry Nutt

Im Herbst des Jahres 2007 waren die Gespenster wieder da. Zum 30. Jahrestag des "Deutschen Herbstes", der mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback bereits im April begann, leistete sich die bundesrepublikanische Öffentlichkeit eine seltsame Mischung aus klammer Erinnerungsarbeit und nervösem Medienjubiläum.

Das Vergangene war wieder gegenwärtig und erzeugte neben neuen Nachrichten eine schrille Debatte über Wesen und Wirkung der Roten Armee Fraktion (RAF). Zum diskussionsfütternden Personal gehörten inhaftierte Terroristen, die auf linken Kongressen Grußadressen verlesen ließen, aber auch ein Schauspielintendant, der einen Praktikumsplatz zu vergeben hatte.

Das große Es-war-einmal

Vergangenheit, Verstrickung und Schuld sind Themen, die den Berliner Rechtswissenschaftler Bernhard Schlink 1995 zu einem weltberühmten Schriftsteller gemacht haben. Sein Roman "Der Vorleser", der Jungmännerphantasien mit einer NS-Geschichte verknüpft, wurde in 39 Sprachen übersetzt, eine Verfilmung des Stoffs mit Kate Winslet in der Hauptrolle soll demnächst folgen. Es spricht einiges dafür, dass sich die Drehbuchschreiber bald auch mit Schlinks neuem Roman befassen werden, aber wahrscheinlicher als das Interesse Hollywoods dürfte diesmal die Produktion eines deutschen Fernsehfilms sein.

"Das Wochenende" geht von Freitag bis Sonntag, und berichtet wird von der Zusammenkunft in die Jahre gekommener Politakteure, die sich noch einmal der unruhigen Zeit ihrer Biographien vergewissern. Nach 20 Jahren Haft ist der RAF-Terrorist Jörg, vom Bundespräsidenten überraschend begnadigt, aus der Haft entlassen worden. Seine Schwester Christiane holt ihn aus dem Gefängnis ab und bringt ihn zu sich aufs Land, wohin sie Freunde und einstige Weggefährten eingeladen hat.

Was als resozialisierende Unterstützung gedacht war, entwickelt sich zum Psycho-Gau, in dem alte Lebenslügen und neue Selbstgerechtigkeit aufeinanderprallen. Bernhard Schlink gibt den zahlreichen Sprechern der nicht-fiktionalen Sommerdebatte über die Haftentlassung von Brigitte Mohnhaupt und das Begnadigungsgesuch von Christian Klar eine fiktionale Gestalt und ermöglicht es so, die bizarre Mediendebatte im Rahmen eines psychologischen Kammerspiels noch einmal anders zu erzählen.

Der Journalist Henner und die Lehrerin Ilse, der Geschäftsmann Ulrich, die Bischöfin Karin und die anderen sind aus Neugier und schlechtem Gewissen gekommen. Ihre politisierte Vergangenheit haben die meisten hinter sich gelassen, aber nicht vergessen können. Jörgs Gegenwart ruft unterschiedliche Erinnerungen an frühere Naivität, politischen Rigorismus und Unerbittlichkeit wach.

Bernhard Schlink hat sich einmal mehr in die Beobachterposition begeben, die nicht entlarven will, sondern verzeichnend zur Kenntnis nimmt. Eine Abrechnung müssen nicht einmal jene Figuren fürchten, die sich wie Marco, der Jörg zur Wiederaufnahme des Kampfes bewegen möchte, noch immer nicht von ihrer kruden Staatsfeindschaft gelöst haben. "Das Wochenende" ist kein Generationen-Roman, eher öffnet es ein Fenster zum Hof verborgener Gefühle.

Stilistisch ist Schlinks Sittenbild der RAF-Generation erstaunlich konventionell geraten. Wie ein Krimi-Autor hat er kleine Spannungsbögen eingezogen, die die "talking heads" in eine Handlung verstricken. Neben den großen Fragen nach moralischer Rechtfertigung und dem Leid der Opfer gibt es Lücken im Plot des Vergangenen.

War es Henner, der Jörg damals an die Polizei verraten hat? Wie stand die Schwester zu ihrem in die Gewalt abdriftenden Bruder? Wer ist der geheimnisvolle Fremde, der als Architekturfreund brandenburgischer Herrenhäuser in die Runde hereinschneit? Eine Art Roman im Roman bilden die Aufzeichnungen der Lehrerin Ilse, die dem Terroristen Jan, der Selbstmord begangen hat, eine neue Version seiner tödlichen Terror-Biographie schreiben möchte.

Du fühlst dich gut an

Es wird auch geliebt an diesem Wochenende, aber dabei gerät der Autor in schwere Kitsch-Gefahr. Die Tochter Ulrichs versucht den Haftentlassenen zu verführen, weil sie ihm "gut tun" will, und wenn sich Henner und Margarethe nach all den Jahren näher kommen, gestehen beide einander mit dem diskreten Charme der Alterssexualität, wie gut sie sich anfühlen.

Das klingt weniger nach der vielfach gerühmten Einfühlung Schlinks in seine Charaktere als nach erzählerischem Ungeschick. Was den Roman dennoch lesenswert macht, ist der Versuch, die zeitgenössische Diskussion über die RAF-Jahre nicht einfach einem selbstgefälligen Geschichtspotpourri zu überlassen.

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