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Lilith will keine Zukunft

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Die dunkle Seite der lebhaften Fantasie: Lilith malt Falter, die sie in ihren Nächten verfolgen.
Die dunkle Seite der lebhaften Fantasie: Lilith malt Falter, die sie in ihren Nächten verfolgen. © REUTERS

Lisa Kränzler, Jahrgang 1983, erzählt in ihrem dritten Roman „Lichtfang“ von der letzten gefährlichen Ecke der Kindheit.

Lisa Kränzlers neuer, dritter Roman heißt „Lichtfang“ und ist zuerst ganz überschaubar. Der Schüler Rufus ist in seine Mitschülerin Lilith verliebt, aber vielleicht hat er ja sogar Glück. „Er weiß nicht, ob er bereit ist. Er weiß nur, dass er’s wagen will.“

Lilith hat eine Essstörung, aber so schlimm scheint es nicht zu sein. Sie guckt allerdings Fotos an, auf denen sie ein kleines Kind und eine Sportlerin ist. „Lilith will keine Zukunft. Sie will in eine dieser Fotografien kriechen, mit ihr verschmelzen, im ewigen Eis der bunt schillernden Spiegelglätte erstarren. Die Zeit soll anhalten, sofort, bevor noch mehr schiefläuft.“ So kann man zwar schon auf Seite 18 auf den Gedanken kommen, dass diese Situation leicht zu unterschätzen ist. Aber erst einmal kommen Rufus und Lilith zusammen.

Er ist ein rigider Außenseiter und glänzender Schüler. Sie hat ein Abstandsproblem, das an eine Borderline-Störung erinnert, und sie ist bodenlos schlecht in Mathe. Nicht nur in Mathe. „Die anderen schreiben. Schreiben, rechnen, verstehen, begreifen und werden schlauer, besser, gebildeter. Sie reifen heran zu allgemeingebildeten Mitbürgern, mündigen Wählern, wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft ... Nur sie, Lilith Zerl, sie nicht. Sie sitzt hier, umzingelt von den Speerspitzen der Mittelschicht und versteht nichts. Rein gar nichts.“

Denn zunächst verläuft das nicht ungewitzt, sprachlich lebhaft, manchmal überbildert und symbolschwanger, aber trotzdem lässig. Kränzler, Jahrgang 1983, hat schon in „Export A“ und „Nachhinein“ (2012 und 2013, beide noch im Verbrecher Verlag) dokumentiert, dass sie einen Ton trifft, der bisweilen an Manier grenzt, aber es ist die Manier, mit der die Figuren sich notdürftig vor der Verzweiflung schützen.

Auch in „Lichtfang“ bleibt der Ton eng bei Lilith und Rufus, die nicht auf den Mund gefallen und keine Kinder mehr sind, volljährig sogar, nur eine Ecke noch vom Erwachsensein entfernt. Die Schüler werden zum Sinn des Lebens befragt. Er schreibt: „durchkommen“. Sie schreibt „Ausweg finden und gehen“. Kränzler schreibt: „Das ,Aus‘ wurde im Nachhinein geschwärzt, ist aber noch lesbar.“

Die Perspektive wechselt quasi rhythmisch. Zwischendurch gibt es „O-Töne“ braver schwäbischer Eltern. Sie sind sehr klassisch und dadurch komisch. Beim zweiten O-Ton ist es aber bereits so, dass Lilith sich einfach von der Schule abgemeldet hat. Sie ist neunzehn, sie darf das. Über zwei Seiten sind die Eltern verzweifelt. „,Ich fass es nicht ...‘ ,Das kann doch nicht dein Ernst sein!‘ ... ,Kommt gar nicht in Frage! Ich erlaube es nicht! Ich –‘.“ Und schließlich: „,Sie war so ein glückliches Kind ... hat nie geschrien.‘ ,Andere Väter sind Alkoholiker ...‘ ,Bei uns war immer alles harmonisch.‘“

Tatsächlich kann die Leserin nur ahnen, was mit Lilith nicht in Ordnung ist. Sie war Austauschschülerin in Kanada, offenbar glücklich dort. Wann ist etwas schiefgegangen? Hat ihr jemand etwas getan? Auch Rufus kann ihr nicht helfen. Manchmal holt er ihr Drops von der Tankstelle. „Wenigstens diesen Wunsch kann er ihr erfüllen.“ Lilith fängt an zu malen, fanatisch. Es hat den Anschein, dass sie nichts einfach bloß so machen kann. Die Falter, die sie malt, suchen sie überlebensgroß in ihren Nächten heim. Es geht Lilith nicht gut.

Einfach und drastisch wendet Kränzle die Geschichte in eine Tragödie. Es wird uns nicht erspart, zwanzig Jahre später darüber nachzudenken, warum das eine Leben darauf hinausläuft und das andere Leben auf etwas völlig anderes. Aber so ist es.

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