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Der Tod aus der Mücken-Perspektive.
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Der Tod aus der Mücken-Perspektive.

Carmen Stephan - Mal Aria

Das Lied vom Tod

Carmen Stephans „Mal Aria“ erzählt vom Sterben einer jungen Frau aus der Sicht der Anopheles-Mücke

Von Sabine Vogel

Warum erschuf Gott ein Insekt, das den Tod bringt? „Hört mich singen, aus der dunkelsten Ecke des Zimmers. Schlaft ein. Werdet wehrlos. Ich bin da.“ So magisch und unmittelbar betörend beginnt der Roman „Mal Aria“ von Carmen Stephan. Die in Rio und München lebende Schriftstellerin erzählt darin mit ungeheurem Sog vom Sterben einer jungen Frau. Sie heißt Carmen und wurde in den letzten Tagen ihrer Urlaubsreise am Amazonas von einer Mücke gestochen, die sie mit Malaria infiziert.

Aber die Ärzte diagnostizieren fälschlicherweise Dengue-Fieber und so breiten sich die Geißeln in ihrem Blut medizinisch ungehindert und unaufhaltsam aus. Sie nisten sich in ihrer Leber ein, befallen nach und nach die Organe und fiebern irrlichternd durch ihre Sinne, 13 Tage und Nächte lang, bis aller Lebenswille und Widerstand gegen die tobende Macht in ihr erschöpft sind. „Ein zerknüllter Mensch im Papierkorb. Das war sie.“

Eindringlinge in der Natur

Das wahrhaft verrückte an Stephans Roman ist nämlich, dass er aus der Perspektive der Mücke erzählt wird. „Pleased to meet you.“ Dieses winzige Insekt, dem wir den Namen Anopheles gaben, das griechische Wort für „Nichtsnutz“, ist so weise wie die Welt. Deren Dimension wir Menschen nicht mal im Ansatz begreifen. Und sie hasst uns, wegen unserer Arroganz, Falschheit und Dummheit, mit der wir unser Leben über das ihrige stellen. Könnte es nicht sein, dass wir die Eindringlinge in der Natur sind? Hat Gott uns doch am letzten Tag erst erschaffen.

Mit dem Stich vermischt sich das Blut der Mücke mit dem ihres zufälligen Opfers. Mücke, Mensch und ihre in ihm brütenden Geißeln werden ein universaler Organismus. Das Insekt und die durch sie Infizierte werden eins, ein gemeinsames Ein- und Ausatmen, eine Woge, deren Bestimmung allein die Bewegung ist. Die Mücke treibt in den Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen der durch ihren Überlebens- und Fortpflanzungsinstinkt Todgeweihten. Einmal war da die Angst in einem abgelegenen Hotel. Die Türklinke wurde heruntergedrückt „und dieses Hinunterdrücken war gerade so, als wollte sie jemand tief in den Boden drücken. Bis sie im Erdinneren verschwand.“

So empathisch wie die Mücke das auf den Tod zutreibende Innenleben ihrer „Wirtin“ ausforscht, so allwissend erzählt sie nebenher eine ganze Kulturgeschichte der Malaria.

Mücken und Nietzsche

Die Nazis wollten sich die Moskitos zu Verbündeten machen. Sie fluteten das italienische Ackerland, wo sie die Alliierten erwarteten. Im Sumpf würde eine Brutstätte des Todes entstehen, die Moskitos würden über die Feinde herfallen. Im Pazifik, im Balkan, in Holland, im Nahen Osten, überall Mücken. Dann kam das DDT des Kalten Krieges. Die Heilsbringer mit ihren silbern glänzenden Flaschen sprühten das Gift über die Hügel und Vorgärten und Pausenbrote, bis Katzen zugrunde gingen und Kinder ohne Augen geboren wurden.

Doch die Mücken hatten ihren Nietzsche gelernt. Was uns nicht umbringt, macht uns stärker. Sie wurden resistent gegen das Chloroquin und das Chinin. Nichts kann den tausend Verwandlungen der Geißeln, in jeder Anopheles und in jedem Menschen anders, folgen.

Die Bilder in Carmens Kopf werden weniger, als gingen sie dem Vorführer aus. Dann – man hat sie in der Röhre eines Kernspinatomographen vergessen – galoppieren weiße Pferde auf sie zu, weiße Spatzen in weißen Nestern, alles kommt aus einem tieferen größeren Weiß, und eine Tür öffnet sich in eine n golden beschienenen Park. Es sind die Verklärungen des Todes, überlagert vom Bild einer Infantin im Museum und von Carmen selbst, wie sie das Gemälde betrachtet, als 19-Jährige, als 26-Jährige, als Verliebte, als Zweifelnde, als alte Dame mit Stock.

Der Mensch lernt nicht

Sind wir der Spiegel, in den das Hoffräulein blickt? Kann man sich mit dem eigenen Sterben versöhnen? Alles verdichtet sich auf einen Punkt. Den Tod. „Außerhalb dieses Punktes ist der Irrtum.“

Die Mücke ist eine andere geworden, sie empfindet Mitleid, sie will den Menschen heilen von sich selbst. Aus Staub schreibt sie einen Psalm und flösst ihn der Sterbenden ein. Aber der Mensch wandelt sich nicht, wir lernen nichts. „Ihr fragt nach dem Warum. Ich kenne kein Warum. Es gibt kein Warum.“

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