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Die russische Zarin soll ein ausgeprägtes Liebesleben geführt haben.

Katharina die Große

Das Liebesleben der russischen Kaiserin

Die mächtige Kaiserin Katharina die Große fasziniert die Menschen noch heute: Denn sie war nicht nur eine geschickte Politikerin, sondern soll auch eine zügellose Liebhaberin gewesen sein.

Von OLGA MARTYNOVA

Die mächtige russische Kaiserin Katharina die Große, die im Jahr 1729 geborene Tochter des verarmten Fürsten Christian August von Anhalt-Zerbst, eines Generals im preußischen Dienst, war eine geschickte Politikerin, eine glanzvolle Gönnerin der Künste und Wissenschaften, aber auch eine raffinierte Intrigantin und eine zügellose Liebhaberin - ganz im Sinne des 18. Jahrhunderts übrigens.

Sie heiratete den 1728 geborenen Sohn der jüngeren Tochter Peters I. und des Herzogs von Holstein-Gottorp. Dieser fühlte sich fremd in Petersburg und sagte, dass er in Russland zugrunde gehe. Damit hatte er verdammt Recht. Im Unterschied zu ihm versuchte Sophie Friederike Auguste, nach ihrer Konvertierung zum russisch-orthodoxen Glauben Katharina (Jekaterina) genannt, das Land zu verstehen, weil sie es unbedingt regieren wollte. So hatte Peter III. in der Konkurrenz mit seiner Gattin keine Chance und wurde von ihr ziemlich kaltblütig beseitigt.

Widersprüchliches und skandalöses Bild der Zarin

Auf dem Postament des 1782 errichteten Denkmals zu Ehren Peters des Großen ließ sie die Inschrift "Für Peter I. von Katharina II." einmeißeln. Damit behauptete die Herrscherin über die Köpfe aller Blutsverwandten hinweg, dass eine tiefe geistige Verwandtschaft zwischen ihr und dem Lebenswerk Peters bestehe.

Das Bild, das Katharina II. der Nachwelt von sich hinterlassen hat, ist widersprüchlich. Und etwas skandalös. Es vereint historische Anekdoten frivoler Art und feierliche Verehrung in den Tempeln der Klio. Jedes Mal, wenn ich über sie nachdenke, vergleiche ich sie unwillkürlich mit einer Tochter eines anderen preußischen Offiziers, die ebenso über einen starken Willen und über herausragende Disziplin und Zielstrebigkeit verfügte, die ihre Zeitgenossen ebenfalls mit erotischen Abenteuern schockierte, die auch alles erreichte, was sie wollte: Marlene Dietrich. Hätte es im 18. Jahrhundert schon Hollywood gegeben, vielleicht hätte keine Katharina die Große in Russland geherrscht und hätte am amerikanischen Himmel ein Star namens Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst gestrahlt.

Alexander Puschkin, ein nervöses Genie, beschrieb Katharina II. in seinem Roman "Die Hauptmannstochter" als eine Weisheit, Gutmütigkeit und Anmut ausstrahlende Person. Er relativiert damit, was er über sie in seiner Jugend sagte: "...die Geschichte wird mit der Zeit den Einfluss, den ihre Herrschaft auf die Sitten hatte, richtig einschätzen, sie wird die grausame Tätigkeit ihres Despotismus, der unter dem Deckmantel der Sanftmut und Toleranz verborgen war, lüften... Dann wird die Stimme des verführten Voltaire sie nicht vor dem Fluch Russlands retten".

"Roman" über das Liebesleben der Kaiserin

"Glücklich wird der Historiker sein, der in hundert Jahren die Geschichte von Katharina II. schreiben wird", sagte jener verführte Voltaire, mit dem Katharina in regem Briefkontakt stand.

Mehr als zweihundert Jahre später ist diese Geschichte immer noch nicht geschrieben, aber viele Federn haben sich bemüht. Ein kunstvolles und böses Porträt der Kaiserin ist beispielsweise in Anatoli Marienhofs Roman über Katharina die Große zu finden (auf Deutsch im Kindler-Verlag).

Auch das neue Bilderbuch des 1963 in Russland geborenen und seit 1992 in Deutschland lebenden Künstlers Alexander Pavlenko ist kein geschichtliches Werk. Pavlenko zeichnet in schwarz-weißen, Scherenschnitten nachempfundenen grafischen Blättern einen, wie er es nennt, "Roman" über das Liebesleben der Kaiserin - "Schattenspiel der Katharina der Großen". Seine frivolen Bilder flankiert Pavlenko mit Ausschnitten aus Katharinas Autobiografie, ihren Memoiren, Briefen und kolportageartigen Berichten ihrer Zeitgenossen.

Pavlenkos ästhetisches Vorbild ist der gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Russland entstandene Künstlerverein Mir iskusstwa (Welt der Kunst) mit seiner historisierenden Stilistik. Seine kapriziösen Linien und theatralisch gestalteten Kompositionen hatten nicht nur auf die russische Kunst des 20. Jahrhunderts erheblichen Einfluss. Wegen der überaus starken Sexualisierung der Bilder kann man Pavlenko mit dem englischen Grafiker Aubrey Beardsley, einem skandalumwobenen Meister der Schwarz-Weiß-Kontraste, vergleichen. Daher sei das Album nur denjenigen empfohlen, die sich nicht schockieren lassen von einer an den Grenzen zum Obszönen balancierenden Kunst. Und auf keinen Fall sollte man das Album als Informationsquelle über Katharina II. ansehen. Als eine starke weibliche Persönlichkeit bleibt sie in der von Männern geschriebenen Geschichte als liebestolle Frau halb verachtet und halb bewundert.

Katharina selbst wäre mit diesen Bildern, in denen sie als eine reizvolle, geschmeidige Schönheit dargestellt wird, wohl höchst zufrieden gewesen. Und sie würde wahrscheinlich verschmitzt darüber lächeln, dass wieder einmal ein naiver Mann das Wesentliche mit dem Unwesentlichen vermischt hat.

Katharina würde es in ihr "Erotisches Kabinett" aufnehmen

Wesentlich ist, dass ihr Liebesleben der Erfüllung ihrer politischen Ziele nicht im Weg stand, sondern eher im Gegenteil: Die unfähigen Favoriten jedenfalls hatten nie die Möglichkeit, Staatsgeschäfte zu beeinflussen (wie es die Mätressen der großen männlichen Monarchen des 18. Jahrhunderts immer wieder taten). Die - nicht nur in diesem Sinne - Begabten konnten sich hingegen profilieren, wie beispielsweise Fürst Potjomkin, dessen Bedeutung sich keineswegs darin erschöpft, dass nach ihm die berühmten, aber nie existiert habenden potjomkinschen Dörfer benannt wurden. Er, den viele Historiker als geheimen Ehemann der Kaiserin bezeichnen, war ein sehr begabter Administrator, Städtebauer und Heerführer.

Manche Bilder Alexander Pavlenkos sind so stark an den typischen Männerklatsch, um nicht zu sagen, an die typischen Männerphantasien gerichtet, dass sie nur als Parodie auf die maskuline Sicht auf die siegreiche Frauenwelt angesehen werden können. Aber verzeihen wir das, wie es Katharina verzeihen würde. Pavlenkos Bilder sind elegant, das Buch ist lustig. Katharina würde es in ihr berühmt-berüchtigtes "Erotisches Kabinett" aufnehmen, das allerdings nie gefunden wurde und deshalb vielleicht, vielleicht auch nicht, nur im Reich der Phantasie existierte.

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