Eva und Erwin Strittmatter

Es war einmal

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„Du bist mein zweites Ich“: Liebesbriefe, die sich Eva und Erwin Strittmatter schrieben.

Erwin schreibt am 17. März 1952: „Ach, weißt Du denn, wie ich um Dich bin mit all meinen Gedanken und Gefühlen? Du sollst einem anderen Menschen kein Wort, kein Lächeln geben, weil es doch mir gehört.“ Eva antwortet zwei Tage später: „Ich hab Dich lieb und möchte mit Dir alles erleben, was Menschen überhaupt erleben können.“ So klingen Liebesbriefe: Er redet sie als „Liebste, liebste, Liebste“ an oder als „Meine Traumfrau“, während er für sie „Mein liebster Mensch“ ist oder „Lubko Liebherz“.

Eva (1930–2011) und Erwin (1912–1994) Strittmatter waren das berühmteste Schriftstellerpaar der DDR, Eva war als Lyrikerin, die in den Alltag blickte, Bestsellerautorin, Erwin Strittmatter schrieb mit Romanen wie „Der Laden“ und „Wundertäter“ anekdotenreich von den einfachen Menschen. Als sie sich Anfang 1952 kennenlernen, hat er bereits seinen ersten Roman veröffentlicht: „Ochsenkutscher“. Die 22-jährige Eva arbeitet als Lektorin. Beide sind verheiratet, er bereits zum zweiten Mal, er hat drei Söhne, sie einen. Eva und Erwin werden von ihrer Liebe geradezu überwältigt. Weil sie noch an unterschiedlichen Orten wohnen, schreiben sie sich Briefe. Die kann man jetzt nachlesen.

Denkt Erwin an Eva, verklärt sich der Blick auf seine Umgebung: „Die Luft scheint übers Eis gestrichen zu sein, ehe sie hier her kam. Wenn ich vor die Tür trete, stürmen die Hunde die Gartentreppe herauf. Das Mondlicht silbert ihre aufgerollten Schwänze, und sie legen ihre warmen Schnauzen in meine Hände.“ Und sie säuselt: „Mein Liebchen Zarthaut, bist Du noch so schön, lieb und gut wie früher? Ist alles noch da – Augen, Mund, Hände und die Gebrüder Fuß? Wenn ich doch wenigstens einen Herrn Fuß hätte, mich mit ihm zu unterhalten, ihn zu streicheln und zu drücken!“

Was geht uns das an? Das sind private Zeichen eines Glücks, das zwar in eine lange Ehe führte, dessen Gefühle jedoch nur wenige Jahre Bestand hatten. Erwin Strittmatter ordnet die neue Familie seinem Werk unter und hat auch bald andere Frauen nebenher. Das steht nicht in diesem Buch, das bis Mai 1958 reicht. „Du bist mein zweites Ich“ handelt nur vom kaum getrübten Anfang.

Eva Strittmatter wollte es so. Erwin Berner, der erste gemeinsame Sohn des Paares, erzählt im Vorwort, dass seine Mutter selbst geplant hatte, den Briefwechsel zu veröffentlichen. Sie wollte „anscheinend alles aufspüren lassen, was ihr als Beweis der großen Liebe der Eltern galt“. Schließlich war sie zu krank, um sich noch darum zu kümmern, sie hatte zunächst mit der Journalistin Irmtraut Gutschke ihre Autobiografie geschrieben („Leib und Leben“). Inzwischen liegen auch Erwin Berners Erinnerungen vor, eine zweibändige Edition der Tagebücher Erwin Strittmatters – und es gibt seit 2012 die gründliche, den Widersprüchen nachspürende Erwin-Strittmatter-Biografie von Annette Leo.

Sie nennt Eva den großen „Glücksfall für Strittmatter und sein Werk“. In den über vierzig Jahren habe Eva intensiv an jedem seiner Texte mitgearbeitet, Leo nennt sie „seine Mitautorin, auch wenn ihr Name auf den Buchtiteln niemals erschien.“ Wenn man die frühen Briefe liest, kann man bereits ahnen, wie sehr er auf ihren Einsatz in dieser Funktion hofft.

Die junge Frau verspricht ihm literarisch die Treue, er zitiert sie im April 1952: „,Ich werde nicht schreiben, ich werde Dich lieber liebhaben.‘ – Das war so unüberbietbar groß, daß ich stumm wurde.“ Noch wohnen sie nicht zusammen, noch kümmert er sich auch selbst um den Alltag. Auch von Treffen mit anderen Autoren und der Schriftstellerverbandsarbeit ist hier die Rede. Beide sind bemüht, den Sozialismus als Lösung vieler Probleme zu sehen. Doch als zeitgeschichtliche Dokumente sind die Briefe zu dünn. Sie zeigen Erwin Strittmatter von einer ungeahnt weichen Seite. Bald wird er die gemeinsamen Kinder als Krachmacher aus dem Haus verbannen. Im Juli 1975 notiert er in sein Tagebuch: „Deine Frau, die du einst liebtest, denkt nur an sich und die Ausstattung ihrer Dichterinnen-Rolle.“

Erwin Strittmatter, Eva Strittmatter:Du bist mein zweites Ich. Der Briefwechsel. Hrsg. Erwin Berner, Ingrid Kirschey-Feix. Aufbau Verlag Berlin 2019. 377 S., 24 Euro.

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