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Polina Scherebzowa, 2011 in Moskau.

Tschetschenien-Krieg

Lieber sofort sterben

Polina Scherebzowa ist neun Jahre alt, als sie mit dem Tagebuchschreiben anfängt. Sie erzählt vom Tschetschenienkrieg und vom Gift der Gewalt.

Von Susanne Lenz

Es ist der 3. November 1999. „Sofort zu sterben ist bestimmt nicht so schlimm“, schreibt Polina Scherebzowa. Da ist sie 14. Als Leser hat man sie jetzt schon fünf Jahre lang begleitet. Man sieht sie vor sich, wie sie Zuhause sitzt, in dieser Wohnung ohne Heizung, ohne Fensterscheiben, ohne Klo, ohne Strom, über ihrem Tagebuch, das sie seit 1994 führt. In Grosny der Hauptstadt Tschetscheniens, lebt sie mit ihrer Mutter, der Tochter des russischen Dokumentarfilmers Anatoli Scherebzow. Polinas Vater, Sohn eines Tschetschenen, ist schon lange tot.

Ein Mädchen wächst auf, und wir lesen davon in ihrem Tagebuch. Aber wie sie aufwächst! Mitten im Krieg. Mit Ratten. Unter Beschuss. In Angst. Monatelang hat sie Granatsplitter im Bein, die wandern und schmerzen. Bei der Suche nach Essen kommt sie an einer schwarz verbrannten Leiche vorbei, der ein Hund Gesicht und Hände weggefressen hat. „Alle gehen vorbei und er liegt da“, schreibt sie. Krieg ist extrem, aber man kann nicht unentwegt extrem fühlen.

Polina Scherebzowas Krieg, das sind eigentlich zwei. Der erste Tschetschenienkrieg beginnt 1994, da ist sie neun Jahre alt und hat gerade angefangen zu schreiben. Der zweite Krieg folgt 1999 und dauert zehn Jahre lang. In Grosny, der hart umkämpften Hauptstadt des Landes, fallen die Bomben auch auf den Markt, auf dem Polina und ihre Mutter versuchen, sich ein bisschen Geld für einen Teller Makkaroni zu verdienen. Hier werden Flüchtlingskonvois und Krankenhäuser beschossen, auch Wohnhäuser.

9. September 1999: „Hier wird wahrscheinlich bald wieder Krieg sein. Die Dörfer um Grosny werden schon von der russischen Luftwaffe bombardiert. Ich habe mir eine Haarnadel gekauft, damit das Kopftuch schöner am Kopf anliegt.“ Dieser Eintrag sagt viel über die Qualität dieses Buches. Neben den Bomben geht es immer auch um die Haarnadel, der Schrecken steht neben dem Alltäglichen. Denn Polina Scherebzowa und die anderen dort sind ja Menschen.

Und so macht dieses Buch, dass man die Nachrichten im Radio wieder mit Empörung hört. Die Nachrichten aus Syrien, in den von der IS oder den Taliban besetzten Gebieten, aus Libyen, Nigeria, der Ukraine oder einem der anderen Kriegsgebiete auf dieser Welt. Man denkt an die Mädchen dort. „Wie kommt es, dass wir noch leben?“, schreibt Polina Scherebzowa. Sie verändert unseren Blick auf die Welt.

Überall Gewalt

Dieses Buch handelt von der Gewalt. Sie ist ein Gift. Es dringt sogar in die ein, die keine Soldaten sind, die nicht kämpfen müssen. In die Opfer. Es wirkt in Polinas Mutter. Sie schlägt ihr Kind, wann immer es ihre kriegsversehrten Nerven strapaziert. Als „Seuche“ beschimpft sie ihre Tochter, als „undankbares Vieh“. Das Gift wirkt auch in Polina. Sie prügelt sich mit den Klassenkameraden, die sie, die eine russische Mutter hat, als „russisches Biest“ beschimpfen, als „Sklavin“, die ihr ins Gesicht schlagen. Es wirkt in denen, die davon lesen. Los, knall ihr eine, Polina, wehr dich, denkt man als Leser, und erschrickt über sich, so als hätte man etwas Schlechtes gedacht. Es ist ja wirklich leichter davon auszugehen, dass Gewalt immer und unter allen Umständen falsch ist, und dass jeder Gewalttäter das im Grunde auch so empfindet. Aber so ist es nicht. Gewalt geht gerade von denen aus, die sich moralisch im Recht fühlen. Und diese Moral ist eine höchst subjektive Angelegenheit. Man lernt es von diesem Buch.

Von Polina Scherebzowa erfahren wir, wie schon von Anne Frank, dass erste Liebe auch unter den furchtbarsten Umständen möglich ist, dass man auch im Krieg Teenagersorgen hat. Dass Schreiben Selbstvergewisserung sein kann, Lebenszweck.

10. August 1996, Polina Scherebzowa ist elf: „Detonationen im Hof. Ich sitze in der Küche. Unser Haus brennt. (...) Ich sitze in der Küche. Ich weiß nicht, wann der Tod kommt, und nur wenn ich schreibe, habe ich keine Angst. Ich glaube, ich tue etwas Wichtiges. Ich werde schreiben.“ Dieses Wichtige, das ist ihre Zeugenschaft. Sie selbst gibt sich diese Aufgabe. Viele ihrer Altersgenossen halten ihr Leben mit dem Tod nur mit Alkohol, mit Drogen aus. Aber sie muss einen klaren Blick behalten, damit sie berichten kann. Man hat mit diesem Buch ein unschätzbares Zeugnis aus der Hölle in Händen und einen Rettungsring.

Die aufwühlende Chronik hat große literarische Kraft. Paulina Scherebzowas umstandslose Lakonie entfaltet eine Anziehungskraft, der man sich trotz des permanenten Grauens, dem man in ihren Aufzeichnungen begegnet, nicht entziehen kann. „Bald ist Frühling“, schreibt sie im Februar 2002. „Zeit der leeren dummen Hoffnungen.“ Hat man schon einmal eine solche Beschreibung dieser Jahreszeit gelesen?

Im Jahr 2002 endet das Tagebuch. Polina ist 17 Jahre alt. Sie studiert dann Journalistik, zieht 2004 mit ihrer Mutter nach Stawropol. Nach einem Brief an Alexander Solschenizyn ermöglicht ihr dessen Stiftung 2006 den Umzug nach Moskau. Es kommt zu Lesungen, doch Scherebzowas Darstellung des Krieges, in dem Zivilisten nicht geschont wurden, erregt offenbar das Missfallen der Regierung, sie erhält Drohungen und beantragt Asyl in Finnland. Dort lebt sie mit ihrem Mann. Tagebuch schreibt sie noch immer.

Polina Scherebzowa: Polinas Tagebuch. Aus dem Russischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin 2015. 592 Seiten, 22,95 Euro.

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