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Lieber keine Katzen

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Kleine Phänomenologie der Widersprüche: Bernhard Kathan zeigt den Menschen beim Umgang mit dem Tier

Der Einsatz gegen das Leid der Tiere ist im 19. Jahrhundert überwiegend Sache nicht von Tierrechtlern, sondern von Tierschützern. Der bürgerliche Tierschutz, von Marx und Engels Mäßigkeitsvereinsstiftern und philanthropischen Gefängnisreformern an die Seite gestellt, etabliert sich als gesellschaftlich angesehenes Spartenprogramm. Die anthropologische Sendung dahinter ist optimistisch: Je mehr der Mensch die Reichweite seines Mitleids auf die Tiere ausweitet, umso menschlicher wird er.

So weit die Idee. Wie es um diesen Gedanken in der Realität bestellt ist, ist die leitende Frage in den Studien des Künstlers und Sozialwissenschaftlers Bernhard Kathan über das Verhältnis von Mensch und Tier. In siebzehn Bildern kreist er die Frage des Tierleids ein, fragt nach Schmerz und Tod, Ritus und Erfahrung, Schoßtieren und Trophäen. Das Fazit ist ernüchternd. So sehr sich die Menschen der westlichen Gesellschaft in der Tierfrage sensibilisiert haben, die Leidensfähigkeit anerkennen, sogar von der Existenz einer Tierseele ausgehen mögen, so grausam spricht auf der Gegenseite die mörderische Praxis industrieller Tierverwertung dem Argument der moralischen Sensibilisierung durch Tierliebe Hohn.

Schon Horkheimer und Adorno hatten vorgeführt, inwieweit gerade die Entfremdung vom Tötungsprozess die industrielle Tiernutzung möglich macht. Doch Bernhard Kathan geht tiefer ins Detail, untersucht Schlachthöfe, in denen es stinkt, und hochherrschaftliche Tafelfreuden, bei denen es duftet. Hier wird ausgeweidet, dort weiden sich die Augen. Kathan schlachtet Kochbücher aus und reflektiert über das schöne Landleben. Nebeneinander gestellt und gedanklich immer wieder überblendet entsteht eine kleine, aber sehr genau gezeichnete Phänomenologie all der Widersprüche, die im Kopf des Normalmenschen gemeinhin nicht aufeinander treffen. Was aber, so lautet die Frage, geht eigentlich in einem Bewusstsein vor sich, das keine Schwierigkeit damit hat, das eigene Kaninchen zu verzärteln und jenes aus der Metzgerei zu verspeisen?

Doch Kathans Buch führt keine philosophische Diskussion auf der Höhe der gegenwärtigen Tierethik-Debatten. Die systematischen Probleme und Widersprüche des Mensch-Tier-Verhältnisses werden mitunter gestreift, aber nicht allzu gründlich analysiert. Nur sporadisch bezieht er die umfangreiche neuere Literatur zum Thema mit ein. Kathans Stärke liegt vielmehr in den oft spitzfindigen psychologischen Beobachtungen und Unterscheidungen, minutiöse Gedankenversuche, etwa zum Thema, wie groß ein Tier mutmaßlich sein muss, dass uns sein Todeskampf noch bewegt. Überlegungen, die mitunter an Gustav Theodor Fechners "Psychophysik" erinnern; den Versuch, die subjektiven Anteile objektiver Bestimmungen zu erforschen und umgekehrt das Objektive im Subjektiven. Kein anderes Buch als das von Kathan dürfte sich der Frage nach dem widerspruchsvollen Verhältnis von Mensch und Tier auf vergleichbar ungewöhnlichen Pfaden genähert haben.

Zwar bleibt der Widerspruch am Ende erhalten, doch zumindest der Autor selbst hat seinen Erkenntnissen eine Tat folgen lassen. Von nun an verzichtet er darauf, weiterhin Katzen zu halten. Seine persönliche Alternative zur Tierhaltung ist die Pflege eines Gartens: "Zum Glück halten sich bei einem Garten alle moralischen Diskurse (zumindest heute noch) in engen Grenzen."

Die breite Diskussion um das Empfindungsleben der Pflanzen, die philosophisch wohl schwierigste Frage der Bioethik überhaupt, ist für den Autor augenscheinlich kein Thema. In seinem klugen Kapitel über die Grammatik des Mitleidens beim Tierversuch hat Kathan den Kurzschluss von den verhinderten Empfindungslauten eines Hundes mit durchtrennten Stimmbändern zu seinen vermeintlich fehlenden Empfindungen kritisiert. Doch Pflanzen haben immer durchtrennte Stimmbänder. Ob höhere Tiere leiden, lässt sich zumindest erahnen, bei Pflanzen bleibt alles im Dunkel. Die Verhaltensmaßregel für den Menschen gegenüber Pflanzen folgt der Pragmatik, wenn man die Konsequenzen der Empathie nicht nur mit dem Tier, sondern auch mit der Pflanze bedenkt. Radikaler noch als alle Sozialethik des materiellen Totalverzichts führt der Ernährungsverzicht den Menschen an die Grenze seines moralischen Selbstverständnisses, die Gretchenfrage aller Ethik: Wie gut will ich sein?

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