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Wladislaw Chodassewitsch, fotografiert von Pierre Choumoff, Paris um 1926.
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Wladislaw Chodassewitsch, fotografiert von Pierre Choumoff, Paris um 1926.

Wladislaw Chodassewitsch

Lieben und hassen

Wladislaw Chodassewitsch in seinen brillanten Erinnerungen und schnellen Zeitungsessays.

Von Oleg Jurjew

Wladislaw Chodassewitsch (1886, Moskau – 1939, Paris) stammt von einem der berüchtigsten Renegaten der jüdischen Geschichte ab, Jakob Brafman (1824 – 1879), der sich taufen ließ und zahlreiche antisemitische Bücher verfasste. In seinen „Expertisen“ für den Staat bekräftigte er u.a. die Ritualmordbeschuldigung gegen die Juden. Eine seiner Töchter war Chodassewitschs Mutter. Der Vater, ein polnischer Edelmann, betrieb in Moskau ein Fotoatelier. Chodassewitsch wurde zum Lyriker, anfänglich keinem herausragenden, zog nach der Revolution nach Petrograd, von dort mit seiner Geliebten Nina Berberowa in den Westen. Seine Gedichte wurden immer besser, heute zählt sein Spätwerk zu den Juwelen der russischen Moderne, und das muss etwas heißen bei der Fülle der großen Namen aus der Zeit.

Und selbstredend gehört auch „Nekropolis“ zu den Säulen seines Nachruhmes. „Nekropolis“ ist glänzende – melancholische und böszüngige – Erinnerungsprosa über die Menschen der russischen Moderne – große Dichter, wie Block oder Gumiljow, oder kleine Literaten, Freunde des Autors, über die Intrigen und Liebesgeschichten, über Selbstmorde und Hinrichtungen. Und selbstverständlich über die Poesie.

Das Buch ist 1939 in Paris auf Russisch erschienen (vor seinem Tod konnte Chodassewitsch das Manuskript noch zum Druck freigeben), erlebte seither viele Wiederauflagen und ist auch heute beim russischen Leser sehr beliebt. In der Regel wird das eigentliche „Nekropolis“ durch unterschiedlichste Formate von Chodassewitschs Zeitungsartikeln ergänzt. Selbstverständlich ist das jedes Mal die Auswahl eines Herausgebers aus dem Ozean der Notizen, Nekrologe, Erinnerungen, deren Ursprung die Brotarbeit eines Exilliteraten im Paris der 20er bis 30er Jahre ist.

Leidenschaftliches Ekeln

Dies bestimmt die Art und Weise der Texte „neben Nekropolis“. Am häufigsten ist ihr Anlass der Tod eines bekannten Menschen, am liebsten eines, zu dem der Feuilletonist einen persönlichen Bezug hat oder etwas Interessantes berichten kann. Ist niemand verstorben, passen andere Anlässe auch. Man musste viel publizieren, um zu überleben.

Dieses schnelle und viele Schreiben führt naturgemäß zu einer gewissen Luftigkeit und Oberflächlichkeit. Ein anderer Grund dafür war die Entfernung von Moskaus und Petersburgs Bibliotheken und Archiven. Aber Chodassewitsch war kein Philologe und Literaturhistoriker – wenn er über seine verstorbenen Zeitgenossen schrieb, schrieb er wie über Lebende, mit der Liebe und dem Hass, die er für sie empfunden hatte – damals, in Russland. Im Grunde ist er mental im Russland der 10er bis 20er Jahre geblieben.

In unserem Band kann man als Beispiel dieser Unversöhnlichkeit Texte über Majakowskij oder den Formalismus nennen. Sie demonstrieren ein leidenschaftliches Ekeln, aber kaum einen Versuch, eine kulturpolitische Entwicklung zu begreifen, die aus den Grenzen der russischen Moderne hinaus führt. Doch ist auch dies lehrreich. Kurz: „Nekropolis“ ist ein Muss für jeden, der sich für die russische Literatur des beginnenden 20. Jahrhunderts interessiert!

Wladislaw Chodassewitsch: Nekropolis. A. d. Russ. v. Frank Göbler. Verlag Helmut Lang, Münster 2016. 435 S., 28 Euro.

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