Manfred Deix

Aus Liebe zum Nasenhaar

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Heute wäre der Zeichner Manfred Deix 70 Jahre alt geworden.

Wie sehr Manfred Deix uns fehlt, sieht man an den Ohren. Was hätte er – der „Star-Karikaturist“, der „Ausnahmekünstler“, das „Enfant terrible der Zeichnerszene“ – aus diesen Ohren gemacht! Rechts und auch links (man glaubt es kaum) stecken sie am Kopfe von Sebastian Kurz, Österreichs tückisch bubenhafter Bundeskanzler, und es ist unvorstellbar, dass Manfred Deix ihm diese Ohren, hinter denen es gewiss noch grün ist, nicht langgezogen hätte.

Oder den Strache! Einen „Aufpudler“ hätte er ihn geheißen, den Vize vom Kurz, einen „Bettbrunza“ oder auch einen „Gschissana“. Vielleicht hätte er ihm ein Hitlerbärtchen gemalt und zwei beträchtliche, das Laufen erschwerende Beulen in der speckigen Lederhose. Oder er hätte ihn auf den Schoß einer nonnenhaften Mutter gesetzt – die grinsend das Zahnfleisch entblößt – und ihn an ihren monströsen Brüsten nuckeln lassen. Man sieht sie vor sich, diese Bilder, obwohl es sie nicht gibt und niemals geben wird.

Dabei bräuchten wir sie, vielleicht dringender denn je, diese fratzenhaften, entlarvenden und oft auch schwer erträglichen Bilder. Die Welt, wie der Österreicher Deix sie sah – in ihrer obszönen Dummheit, ihrer unheilvollen Ignoranz, ihrer liederlichen Doppelmoral –, sie wirkt immer mehr wie eine von Deix gemalte Prophezeiung: der Irre in Washington, der sexuelle Missbrauch in der katholischen Kirche, der Zuspruch für Rechtspopulisten, die Nationalstaaterei, die Hetze und die zügellose Selbstdarstellung im Netz. Zu der Welt, wie Deix sie sah, gehörte sicher auch, an ihr zu verzweifeln. Und sich ihr zugleich völlig aufzuliefern, sie offenzulegen bis ins letzte Detail – und mit aller Hingabe, zu der er fähig war, ein Nasenhaar, einen Eiterpickel, eine Pofalte zu zeichnen.

67 Jahre hat er sie ausgehalten, diese Welt, unter Zuhilfenahme von sehr vielen Katzen, noch mehr Zigaretten und enormer Liebe zu seiner großen Liebe Marietta. Am heutigen Freitag hätte er seinen 70. Geburtstag gefeiert. Laudationen hätte es gegeben auf den „Rotzbub“ und das „Allroundgenie“ und den Erfinder der „Deixfigur“, die es längst in den Duden geschafft hat als Synonym für die „ins Lächerliche verzerrte Darstellung eines Menschen“. Ja, lächerlich hat er sie gemacht, die Politiker, die Kleriker und auch all die namenlosen, teigig-bleichen Krönungen der Schöpfung, die Kleingeister und Großtuer. Ja, bös war er, unversöhnlich, schonungslos. Jede Welt hat eben den Satiriker, den sie verdient. Und diese Welt hätte es verdient, dass Manfred Deix noch am Leben ist.

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