Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Liebe und Leiden des Kommissars Fabio Montale

Marseille in der Bensheimer Buchhandlung Schlapp: Lesung aus Krimis von Jean Claude Izzo mit Dias und Heinrich Spagl

Von Diebold Maurer

Marseille ist keine Stadt für Touristen und lässt sich auch nicht fotografieren. Edwin Gantert, Buchhändler und Marseillekenner, hat es trotzdem probiert. Nach diesem Abend in der Buchhandlung Schlapp in Bensheim weiß man, es ist ihm gelungen. Auf Jean Claude Izzos Spuren hat er sich begeben, hat Orte aus den drei Romanen der Marseille-Trilogie von Izzo aufgesucht. In einer Kombination aus Lesung und Diashow hat er mit dem Schauspieler Heinrich Spagl den Versuch unternommen, Izzos Kriminalromane Total Cheops, Chourmo und Solea in einen atmosphärischen Zusammenhang zu bringen - mit dieser Stadt, die manche die erste Stadt der Dritten Welt in Europa nennen, deren Altstadt den deutschen Nationalsozialisten so unübersichtlich und unkontrollierbar schien, dass sie sie fast komplett zerstörten. Eine Stadt im Würgegriff von Korruption, Rassenunruhen und Drogen, Hochburg der rechtsextremen "front national". Eine Stadt, in der die Schilder der Metro auch in arabischer Schrift verfasst sind. Außenposten des Maghreb und eben Wirkungsstadt des Fabio Montale, des Polizisten wider Willen, Izzos Helden.

Montale lebt und liebt in Marseille, ist das Alter Ego des Schriftstellers, der in seinem einsamen Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung auch ein Hohelied anstimmt: auf diesen Schmelztiegel der Kulturen, diese Stadt, die auch eine sanfte und zurückhaltende Aura hat. Hat auch die Buchhandlung Schlapp versucht mit südfranzösischem Rosé oder mit Lavendel parfümierter kalter Gemüsesuppe ein atmosphärisches Pendant zu vermitteln, so ist dies doch nur dem Schauspieler und Vorleser Spagl gelungen. Der las die Ausschnitte aus den Romanen Izzos so dicht, so lautgemalt und textbezogen, dass Zuhörer (auch Izzo-Leser) hineingesogen wurden in diese Welt des Fabio Montale. So betonte Spagl völlig anders als der Selbstleser und vermittelte so Aspekte, über die der Selbstleser, sei er eigenen Assoziationen oder dem Plot erlegen, hinwegliest. Spagl rappte, wenn Izzo maghrebinische Rapper beschreibt, wurde aggressiv, wenn Montale sich mit Jugendlichen in der Metro fetzt, und emphatisch betroffen, wenn dieser seine Liebe zur Stadt formuliert.

Und da helfen die Bilder des Edwin Gantert, keine touristischen Beutefotos oder Urlaubserinnerungen. Es sind sensible Bilder, die Marseille und seine Menschen nicht voyeuristisch beäugen, sondern helfen, die Stadt des kleinen Polizisten Montale zu verstehen. So haben sich Schauspieler und Buchhändler nicht in die Höhen der Interpretationstheorien begeben, sondern in die Niederungen der Leiden und Lieben Izzos und seines Helden.

So eindrucksvoll war das, dass bei der späten Heimkehr die Hand automatisch die Romane des Jean Claude Izzo aus dem Bücherregal zog und der Schlaf lange auf seinen Leser warten musste.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare