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Antonio Gramsci (1891-1937) jenseits des Romans.
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Antonio Gramsci (1891-1937) jenseits des Romans.

Nora Bossong „36,9°“

Die Liebe eines Revolutionärs

Ein großer Liebender: Schriftstellerin Nora Bossong nähert sich in ihrem neuen Roman „36,9°“ originell und lebhaft dem italienischen Philosophen, Politiker und Journalisten Antonio Gramsci.

Von Katrin Hillgruber

Eine tiefrote Nelke prangt auf dem Umschlag. Durch ihre Blütenblätter scheint ein Augenpaar. Es ist der intensive, nachdenkliche Blick Antonio Gramscis.

Der Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens wurde 1891 auf Sardinien geboren. Als Kleinkind ließ ihn ein Kindermädchen fallen, was eine extreme Verwachsung der Wirbelsäule zur Folge hatte. Nach der Verhaftung des Vaters wegen angeblicher Veruntreuung fielen dessen Frau und Kinder in bitterste Armut, die sich in Antonios Turiner Studienzeit fortsetzte. Seiner schwächlichen Konstitution und den insgesamt zehn Jahren in faschistischer Haft rang nicht einmal 1,60 Meter große Mann ein bedeutendes theoretisches Werk ab, das er als „Philosophie der Praxis“ bezeichnete. Knapp dreitausend Seiten umfassen die „Gefängnishefte“, die er bei seinem Tod mit nur 46 Jahren hinterließ.

Nora Bossong hat ihren neuen Roman, der als zweiter nach „Webers Protokoll“ (2009) in Italien spielt, ihrem Vater gewidmet. Das Interesse an Antonio Gramsci sei ihr quasi in die Wiege gelegt worden, erläuterte sie in einem Gespräch mit der Autorin: „Meine Großmutter blickte als eifrige Katholikin stets nach Rom, und mein Vater orientierte sich den Siebzigern politisch stark an der italienischen Linken. Während Italien-Urlauben sind wir immer zum Grab von Antonio Gramsci gepilgert, damals war ich zwölf und habe mich noch weniger dafür interessiert. Aber es war irgendwie so eine feste Erinnerung aus meiner Kindheit und frühen Jugend, und als ich in Rom studiert habe, habe ich angefangen, die Bücher und die Biographie von ihm zu lesen.“

Der Hunger seiner Kindheit

Dass der Journalist, Politiker und Philosoph allen Widrigkeiten zum Trotz auch ein großer Liebender war, zeigt Nora Bossong auf ebenso originelle wie berührende Weise. Der Roman als Ganzes vollzieht eine sinnliche Annäherung an den überragenden Theoretiker und blendet dazu immer wieder in vollendeter personaler Erzählweise in Gramscis Kindheit und Jugend zurück. Etwa im Winter 1923, als ihn die Komintern nach Wien entsendet: „Auf den Straßen kommt es ihm düster und überheblich vor, die Noblesse trägt man wie eine Totenmaske, und das Hotel Sacher versinkt in großbürgerlicher Dekadenz. Er denkt an den Hunger seiner Kindheit, der ihn beinahe umgebracht hat, an den sardischen Frühling, der mild und gelassen über dem Land hängt, und ahnt nichts von den Ekstasen, die ein Stück Torte auslösen kann.“

Zu diesem Zeitpunkt fühlte sich Gramsci, der nie auf Liebesglück zu hoffen gewagt hatte, längst verwandelt, glaubt man „36,9°“. Denn 1922 war der 31-Jährige erstmals als italienischer Delegierter der Kommunistischen Internationale in die Sowjetunion gekommen. Doch wegen seiner labilen Gesundheit musste er sich in ein Sanatorium begeben. Dort lernte er die Geigerin Eugenia Schuch kennen, ein „strenges Revolutionsflämmchen“ – und verliebte sich in deren Schwester Julia, als diese zu Besuch kam: „Wie man das macht, einer Frau, überhaupt einem Menschen näherzukommen, das kann er sich nicht erklären. Er ist überzeugt, und das seit Jahren, dass es für ihn absolut und auf schicksalhafte Weise unmöglich ist, geliebt zu werden.“

Wie nähert man sich einer historischen Persönlichkeit vom Schlage Gramscis an, um die ohnehin Legenden und Gerüchte kursieren? Bossong entwirft ihre höchst lebendigen und plastischen Dialoge anhand seiner Gefängnisbriefe, der „Lettere dal Carcere“, nicht zu verwechseln mit den „Quaderni“, den Gefängnisheften. Gramsci sah Frau und Söhne nie wieder, da sie in Moskau blieben. So werden Julias Briefe für Mussolinis wichtigsten Häftling zu „seinem Japan“, wie er schreibt, „diesem fernen Punkt, der ihm noch etwas Welt versprach“.

Jedoch ist „36,9°“ kein historischer Roman, denn Nora Bossong entwirft eine nicht durchweg plausible Parallelhandlung in der Gegenwart: Ihr Ich-Erzähler, der Göttinger Historiker Anton Stöver, reist nach Rom, glücklich, seiner scheiternden Ehe zu entkommen. Im Umkreis des „Istituto Gramsci“ macht er sich auf die Suche nach dem ominösen 34. Gefängnisheft. Es sei, heißt es in der Forschung, eventuell aus politischen Gründen verschwunden.

Wie sein Namenspatron Antonio ist Anton eher klein geraten. Wie ein Schatten habe Gramsci über seiner Kindheit gehangen, klagt er. Nora Bossong, mit 33 Jahren eine auffallend versierte Lyrikerin und Romanautorin, hat den Schwerenöter Stöver als Spiegelfigur Gramscis entworfen. Das impliziert viel Komik, ist aber auch riskant. Zwar absolviert Bossong die Gegenüberstellung mit Leichtigkeit und Charme, doch hat das Buch eine gewisse Schlagseite hin zur historischen Figur. Antons tragikomische Liebesnöte wirken etwas aufgesetzt.

Man merkt diesem römischen Roman erfreulich stark an, dass die Autorin vor Ort recherchiert und die Atmosphäre aufgesogen hat, bis hin zu den roten Plastikabsperrungen und Bauzäunen im Hof des Istituto Gramsci. Die humane Normaltemperatur 36,9 Grad Celsius steht dabei als Chiffre für das Menschlich-Allzumenschliche und verbindet die Erzählebenen: Anton Stöver ist süchtig nach Körpern. Antonio hingegen vermeldete in seinen Briefen aus der Haft stets seine Körpertemperatur: Es war die einzige Konstante, die ihm am Ende blieb.

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