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New York City in schönem Licht.

Salman Rushdie: "Golden House"

Liebe zu einer schrecklichen Welt

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Salman Rushdies neuer Roman "Golden House" ist ein hellsichtiges, heiteres Buch über das Böse in New York City ? und als Kunstwerk ein Mutmacher.

Am heutigen Dienstag erscheint „Golden House“, der neue Roman von Salman Rushdie. Die hervorragende deutsche Übersetzung von Sabine Herting kommt gleichzeitig mit der englischen Originalausgabe in die Buchhandlungen. Salman Rushdie ist einer der meistgelesenen Autoren der Welt. Sein neues Buch ist innerhalb von nur zwei Jahren entstanden. Es schildert die Jahre von Obamas Wahl bis zu der von Donald Trump. Es ist die Geschichte von Nero Golden und seiner drei erwachsenen Söhne, schwerreicher Einwanderer, die 2009 aus Bombay nach New York kamen. Der alte Mann heiratet eine russische Schönheit, die er ergreift, die sich ihn krallt. Zum Ärger der Söhne.

Der Plot wendet sich immer wieder neu. Ein Abenteuer hinter jeder Ecke. Salman Rushdie kann das und er macht freudig Gebrauch von seinem Können. Der Leser hechelt dem Autor hinterher. Mit beschleunigtem Pulsschlag. Er schwitzt. Er ist dankbar.

„Das hat er für mich geschrieben“, dachte ich begeistert von der ersten Seite an. Rushdie hat ein Buch geschrieben wie heute kein anderer Autor es tut. Keiner folgt so hemmungslos seinen Assoziationen, aus Literatur, Musik, Film und Showgeschäft wie er. Keiner spielt mit Adorno und Gorbatschow, mit Bollywoodmelodien, mit Finanzpaketen, mit buddhistischem Judaismus und Asperger-Syndrom, mit Chili Peppers und Sextus Empiricus. Bei einer solchen Aufzählung könnte man den Eindruck haben: Rushdie stopft alles rein. Der Eindruck ist nicht falsch. Aber hier beleben Tote und Lebende einander. Manchmal sitzt der 70-jährige Rushdie wie ein kleiner Junge zwischen all seinen Legosteinen und greift mit süßen Patschhändchen schnell nach dem nächstliegenden.

Dann wieder schaut man Rushdie beim Denken zu. Man sieht, wie er unentwegt Schach gegen sich selbst, gegen vier, fünf Selbsts spielt. Rushdies Lust am Denken und Gegendenken steckt an. Einem Leser geht es bei Rushdie wie einem Sportfan, der einem Fußballspiel zuschaut. Er kann nicht ruhig sitzenbleiben. Seine Beine zucken, seine Muskeln werden von den Bildern im Fernseher in Bewegung gesetzt. So reizt Rushdie unsere kleinen grauen Zellen. Wenn sie anfangen, sich auszuruhen, es sich bequem zu machen in einer Szene, dann kommt Rushdie mit einem Umschwung, einem Perspektivwechsel.

Für den hat Rushdie einen Zauberer kreiert: den alles andere als erfolgreichen Drehbuchautor und Filmemacher René Unterlinden. Er ist Nachbar der Goldens. Er erkennt sehr schnell, was für einen großartigen Stoff ihm die exotischen Herrschaften bieten. Mit Unterlinden ist der Autor selbst eine Figur seines Romans. Der Leser liest nicht nur die Geschichte, sondern auch die Perspektive, aus der heraus sie geschrieben wird.

Unterlindens Eltern sterben bei einem Autounfall. Unterlinden erzählt davon. Es fällt ihm schwer. Er kommt nicht weiter. Er stoppt. „Ich nähere mich dem Grauen und muss eine Pause einlegen, um mich zu sammeln und vielleicht später weiterzuschreiben. Nein. Es gibt kein Später. Jetzt.“ Unterlinden erzählt weiter. Es ist ein auf der Straße liegendes Metallrohr, das in einer grotesken Verknüpfung von Zufällen dem den Wagen lenkenden Vater in den Kopf fährt.

In diesem Kapitel zeigt Rushdie, zu welchen Wundern er fähig ist. Die Katastrophe, von der wir wissen, dass sie kommen wird, wird immer wieder hinausgezögert. Unterlinden erzählt, was die Eltern wohl im Auto gehört haben mögen auf ihrer Fahrt durch die Nacht. Er bleibt in immer neuen Anläufen in immer wieder neuen Details hängen. Der Leser spürt seine Angst, in der nächsten Minute sagen zu müssen, was passiert.

Der Leser bewundert aber auch den kühlen Witz, mit dem Rushdie die Ergriffenheit seines Erzählers Unterlinden einsetzt, um Ergriffenheit beim Leser zu erzeugen. Er lässt uns einen Blick tun in den Zauberkasten der Literatur. Er zeigt uns die Vorteile doppelter Böden, unterschiedlicher Handlungsstränge und eines gut – also konfliktreich – ausgestatteten Personals. Wer die Tricks durchschaut, kann das Schauspiel nicht genießen, sagen nur die, die es auch undurchschaut nicht genießen. Wer weiß, wie schwer Tennis ist, wird die souveräne Leichtigkeit eines Roger Federer mehr genießen. Rushdie ist der Roger Federer der Romankunst. Er kann alles.

Salman Rushdies Buch ist ein Buch der Hoffnung

Die ergreifende Schilderung des Unfalltodes ist eingebettet in die Frage nach Gut und Böse, nach unserer Glücksfähigkeit, die auf vertrackte Weise verbunden ist mit unserer Bereitschaft zur Erkenntnis. Die Freude am Leben, das ja nur eine winzige Passage auf einem winzigen Planeten in einem unendlichen Universum ist, ist nicht einfach da. Sie muss immer wieder errungen, gewonnen werden mitten in der Verzweiflung und der Wut darüber, dass die Welt sich nicht kümmert um uns und die, mit denen wir glücklich sind.

Salman Rushdies Buch ist ein Buch der Hoffnung. Er zitiert dafür – ohne ihn zu nennen – Thomas von Aquin, der in seiner Abhandlung über das Gewissen unterscheidet zwischen „Conscientia“, der Instanz, die moralische Urteile über konkrete Situationen fällt, und „Synderesis“, der jedem Menschen grundsätzlich gegebenen Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Das ist – wenn man so will – eine philosophische Begründung für die Hoffnung, dass das Böse auf Dauer nicht siegen wird. Eine mich nicht sehr überzeugende, geschweige denn motivierende Weltsicht.
Mir macht dagegen die Kunst Rushdies Hoffnung. Wenn er Roman und Drehbuch mischt, wenn er Filmszenen mitten in seinen Roman hineinschneidet, wenn er zeigt, dass Grenzen dazu da sind, überschritten zu werden, dass auch das Schlimmste erzählt werden kann, dann entsteht im Leser so etwas wie Liebe zu dieser schrecklichen, mörderischen Welt.

Die Freiheit und sei es nur die der Erzählung hat ihre eigene Schönheit. Sie bewegt nicht nur den Leser, sondern auch den Menschen in ihm. Er verliert die Angst vor dem Unbekannten, vor dem Unverständlichen. Er lernt von ihm zu singen, zu tanzen womöglich, auch wenn er es nicht versteht. „Synderesis“ ist ein von Unterlindens gebildeten Eltern angeführtes und von Rushdie uns verschwörerisch zugeblinzeltes Beispiel. „Golden House“ ist ein Mutmacher.

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