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Die Autorin und Übersetzerin Anne Weber.

Literatur

„Liebe Bindestriche“

  • vonMarcus Hladek
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Anne Weber löst Anja Kampmann als 47. Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim ab.

Wer gern wüsste, wie ein Stadtparlament aussehen muss, damit es jährlich 20 000 Euro plus Wohnrecht dafür bewilligt, dass die Bürger am Ende eins über die Rübe bekommen, erhielt von der neuen Stadtschreiberin Anne Weber Auskunft zur genau so von ihr gestellten Frage. Den Rahmen auf dem Berger Markt bot am Freitag Abend das Stadtschreiberfest, das anders ausfiel als üblich, denn wie sagte die scheidende Kollegin Anja Kampmann: „In diesem Jahr war alles anders.“

Es hätte regnen können, was das Open-Air-Fest mit nummerierten Tischen und Maskenzwang gefährdet hätte. Tat es aber nicht, sodass man das große Bierzelt kaum vermisste und dem geschrumpften Covid-19-Format ohne Volksfest-Charme gewogen blieb. Die Moderation besorgte Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese. Die Laudatio hielt der Literaturkritiker und Celan-Kenner Helmut Böttiger. Mit Stella Sommer hatte Anja Kampmann eine Songwriter-Begleitung für Intermezzo und Festkonzert erwählt, die für ihre melancholische Stimme und diffuse Gefühlslage beste Kritiken gewohnt ist.

Von Anja Kampmann in ihrem Schreiberamt war weniger zu sehen, als sie wollte, denn drei Monate lang verwehrten die Corona-Regeln es ihr, aus Leipzig anzureisen. Auch als Rednerin zeigte sie lyrische Neigung und beschrieb ihren Abschied als Moment, „in dem man sich erhebt wie hier in der Wetterau die Falken über dem überreifen Korn. Man steht und rüttelt und die Bilder ziehen vorbei...“

„Gewoge im Kopf“

Was schön gesagt war, an den Urmel-Klassiker Ping in seiner Mupfel („Und der Mond zieht vorüber“) erinnerte und obendrein Kampmanns Corona-Zentralbild ankündigte. Statt lang über die Natur oder den Vogelblick auf die FRA-Landebahn mit ihren schlafenden Jets zu schreiben, fasste sie den Corona-Riss mitten durch die Menschen ins Auge. Er habe aus uns allen zersägte Jungfrauen gemacht.

Böttiger stellte Anne Weber als deutsche und französische Schriftstellerin aus Offenbach und Paris vor sowie anhand ihrer Einzeltitel. Ihr Essay „Ahnen“ widmet sich ihrem Urgroßvater Florens Christian Rang, der ein Freund Walter Benjamins war. Ihrem neuen Buch „Annette, ein Heldinnenepos“ attestierte Böttiger, es verbinde „Form und Inhalt zu einer immer wieder überraschenden ästhetischen Erkenntnis“.

Anne Webers Gewitztheit zeugte von einer sprachspielerischen Lust, die etwas charmant Frotzelndes annehmen konnte, so in ihrer Anrede: „Liebe Berger, liebe Enkheimer und liebe Bindestriche!“ Mit sicherem Instinkt habe man sie in einem Moment eingeladen, da ihre Miesepetrigkeit der Altersmilde weiche: „Chapeau!“ Sie habe nur noch „Ja!“ ins Telefon hauchen müssen, nun könne die Liebesgeschichte losgehen. Dabei mache das verrückte Corona-Jahr die Anne Weber, die ihre Rede im Mai verfasste, heute bereits zur „Neanderthalerin aus dem Mai-Zeitalter“ und das Volksfest zum „Maskenball“. Unmöglich zu sagen, woran sie nun schreiben werde, also sage sie nur: „Ich sitze gerade an Schrott.“ Vielleicht treibe sie das „Gewoge im Kopf“ dann ja zum „längsten Roman des Jahrhunderts“: jeder Satz eine revidierte Fassung des vorigen.

Welchen Nutzen könne sie im Stadtschreiber-Amt bringen? Nach Kafka solle ein Buch uns wie ein Faustschlag auf den Schädel wecken, doch Kopf hoch: „Es besteht Hoffnung, dass Sie unbeschädigt aus dieser Sache herauskommen.“ Ihr alternativer Vorschlag: ein Jour fixe für Bürger bei ihr, an dem sie ihr Geschichten erzählen mögen, die ihnen zu Gehör kamen und unvergesslich blieben. Ein Anfang ist gemacht.

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