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Virginia Woolf war eine britische Schriftstellerin und lebte von 1882 bis 1941.

Buchbesprechung Virginia Woolf

Die Liebe und die Algebra

Virginia Woolfs "Nacht und Tag" in trefflich bearbeiteter Übersetzung: In dem Roman will die Autorin vor allem ihre eigene vollständige Genesung beweisen. Von Renate Wiggershaus

Von Renate Wiggershaus

Als 1919 der zweite Roman Virginia Woolfs erschien, deutete wenig darauf hin, dass sie zur bedeutendsten modernen Schriftstellerin Englands werden würde.

In ihrem ersten Roman, "Die Fahrt hinaus", hatte sie in der Figur der Rachel Vinrace ihre eigene Adoleszenz geschildert - eine Adoleszenz im Zeichen schmerzlicher Schicksalsschläge der Familie und der Erfahrung des Mangels an Entfaltungsmöglichkeiten für junge Frauen.

Als "Die Fahrt hinaus" kurz vor dem Ersten Weltkrieg erschien, hatte die Autorin schwere psychische Zusammenbrüche, die in einem Selbsttötungsversuch kulminierten. "Nachdem ich krank war und unter jeder Form und Abart von Alptraum und extravaganter Intensität der Wahrnehmung gelitten habe", so Virginia Woolf im Rückblick, sei sie von einer solchen Angst vor ihrem "eigenen Wahnsinn" gepackt worden, dass sie sich mit einem weiteren Roman, eben "Nacht und Tag", ihre vollständige Genesung beweisen wollte.

Dieser zweite Roman, ganz in der Tradition klassisch realistischer Prosa stehend, bedeutete Therapie, Rekonvaleszenz und Rückgewinnung von Energie und Selbstvertrauen.

Im Zentrum steht die 27-jährige Katharine Hilbery: freimütig, schön, aufrichtig. Sie ist Virginias Schwester, der Malerin Vanessa Bell nachgezeichnet, der das Buch gewidmet ist. Katharine Hilberys Leidenschaft ist die Mathematik. Nur nachts in ihrem Zimmer hat sie die Ruhe, sich dem mit äußerster Konzentration betriebenen Studium algebraischer Gleichungen hinzugeben. Ihrem Vater, einem Literaten, und ihrer Mutter, der sie beim Schreiben der Biographie des berühmten Großvaters hilft und bei Teegesellschaften assistiert, könnte sie nie verraten, "wie unendlich sie die Exaktheit, die sternengleiche Unpersönlichkeit von Zahlen der Unordnung, Unruhe und Ungenauigkeit der besten Prosa vorzog".

Für die Eltern, die zu jenen viktorianischen Familien gehören, deren Sprösslinge als Richter oder Admirale in den Zentren der Macht tätig sind, ist ausgemacht, dass Katharine einmal einen dieser jungen Männer heiratet. Die Eheschließung stellt sie sich als einen Torbogen vor, "der durchschritten werden musste, um ans Ziel ihrer Wünsche zu kommen": ein Studium der Mathematik und der Astronomie in großer Einsamkeit. Den Erwartungen ihres sozialen Milieus entsprechend verlobt sie sich mit dem zehn Jahre älteren William Rodney, einem auf Etikette bedachten Regierungsbeamten. Bei einer Teegesellschaft lernt sie den jungen Rechtsanwalt Ralph Denham kennen. Sie sehen sich wieder bei einem der Diskussionsabende ihrer Freundin Mary Datchet, die in einem Suffragettenbüro mitarbeitet und sich für Frauenstimmrecht und bessere Arbeitsbedingungen für Arbeiterinnen einsetzt.

Und schon hat ein klassisches Beziehungsdrama begonnen. Ralph Denham verliebt sich heillos in Katharine. Doch da sie mit Rodney verlobt ist, macht er nicht ihr, sondern Mary Datchet einen Heiratsantrag. Mary liebt ihn, ist sich aber darüber klar, dass seine Liebe Katharine gilt. So verzichtet sie lieber und widmet sich ganz dem Kampf für eine gerechtere Gesellschaft.

Auch Katharine Hilbery entdeckt schließlich ihre Liebe zu Denham. Beide schätzen Einsamkeit, beide fragen sich: Kann man lieben, ohne sich aufzugeben? Sie ahnen: Ein Zusammenleben könnte über gegenseitige Ergänzung hinaus zweifache Entfaltung bedeuten. Mitten in diesem betont konventionell gehaltenen Roman taucht auf diese Weise ein Motiv auf - die Dialektik von gesteigerter Zweisamkeit und gesteigerter Individualität -, das dann zu einem zentralen Thema in Woolfs Büchern wird.

Das ist nur ein Strang eines reichen Handlungsgeflechts, in dem es ebenso um Generationenkonflikte und die Überwindung von Klassenschranken geht. Wir erleben London im Gaslicht, in Nebel und Nässe, das Hin und Her der Droschken, die Wege schlendernder Romangestalten, ihre neugierigen Blicke in die Fenster von Kerzen erleuchteter Wohnzimmer. Dichte Stimmungsschilderungen wechseln mit subtilen Charakterskizzen und intensiven Natureindrücken.

Bei der im Rahmen der Gesammelten Werke erschienenen deutschen Übersetzung von "Night and Day" handelt es sich um eine Neubearbeitung durch Michael Walter, den Übersetzer auch der ersten, 1983 publizierten deutschen Ausgabe - eine seltene Konstellation, die dazu geführt hat, dass die Neubearbeitung ein großer Gewinn ohne Verluste ist.

Denn all das, was dieses Buch auch sprachlich auszeichnet - Witz und Ironie, Denkschärfe und Prägnanz, Lust am Fabulieren und eine gelegentlich verwegene Ausdrucksweise - ist nun adäquater wiedergegeben. Wenn Ralph Denham verärgert auf die Straße tritt und ihm "raw fog" entgegenschlägt, trifft der "raue Nebel" das Spezifische besser als der "frische Nebel" der alten Übersetzung. Der seine Verachtung für die Helden der Vergangenheit zum Ausdruck bringende Satz "I hate great man" wird durch "Ich verabscheue große Männer" besser wiedergegeben als das klanglich nähere "Ich hasse große Männer". "Amount of sound" ist nun ein "Geräuschpegel", nicht mehr nur vage "Geräusche". Und "to graze down" heißt nun präziser "abgrasen" statt "abfressen".

So ist die überarbeitete Fassung nicht nur geschmeidiger, trifft nicht nur besser den Ton des Originals. Sie macht auch deutlich, dass selbst dieser konventionellste Roman Virginia Woolfs ein Woolfscher Roman ist. Dankbar nimmt man auch zur Kenntnis, dass die aufschlussreichen und erhellenden Anmerkungen der englischen Ausgabe nun mitübersetzt sind.

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