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Lewis Grassic Gibbon (1901-1935).
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Lewis Grassic Gibbon (1901-1935).

Schottischer Romanzyklus

Lewis Grassic Gibbon: „Wind und Wolkenlicht“ – Aber sie folgt keiner Wolke

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Übersetzt von Esther Kinsky, liegt nun auch der zweite Band vor von Lewis Grassic Gibbons großer, großartiger „schottischer Erzählung“.

Der Schotte Lewis Grassic Gibbon, geboren 1901 als James Leslie Mitchell, gestorben 1935, wurde leider kein alter weißer, Berge von Romanen schreibender Mann – wer weiß, mit was für wunderbaren, weil wunderbar lebensvollen Frauenfiguren er die Literatur nicht nur seines Landes noch bereichert hätte. Aber es ist das Verdienst des kleinen, umso feineren Guggolz-Verlags, Grassic Gibbons „große schottische Erzählung“, eine Trilogie um die Bauerstochter Chris, vor einigen Jahren nicht nur aufgestöbert, sondern die Schriftstellerin Esther Kinsky mit der Übersetzung beauftragt zu haben. Diese hatte sich für „Lied vom Abendrot“ (dt. 2018) am Plattdeutschen orientiert, aber auch einen kleinen Schatz an Wörtern neu erfunden, um dem ländlich-rauen Sound der Scots-Vokabeln gerecht zu werden. Diesmal, für „Wind und Wolkenlicht“, das in der Kleinstadt Segget unter eher wenig Dialekt Sprechenden spielt, nutzt sie Schattierungen der Umgangssprache.

Einen wilden, dunklen, manchmal gewalttätigen Jungen heiratet die Bauerntochter Chris Guthrie in „Lied vom Abendrot“. Ewan Tavendale fällt im Ersten Weltkrieg, da sind sie noch nicht sehr lange zusammen und muss sie sich allein um das Kind kümmern. Jahre später stellt sie ihn sich in der flandrischen Erde vor, „tot, still und stumm, nicht mal ein Körper mehr“. Jahre später, in „Wind und Wolkenlicht“, ist Chris verheiratet mit Robert Colquohoun (gesprochen Ca-huun), einem Pastor. Er erhält die Pfarre in der (fiktiven) Kleinstadt Segget, in der die in der Textilindustrie arbeitenden Spinner fast einen eigenen, armen und störrischen Stamm bilden.

Auch Robert war im Krieg, seine Lungen waren dem Gas ausgesetzt. Eine Angst sitzt ihm nun in den Knochen, begreift Chris, eine Angst, die ihn bisweilen abweisend macht, seine Laune widrig, seine Miene schwarz. Doch ist er in den ersten Jahren ihrer Ehe trotzdem meist ein guter, ein liebevoller und liebevoll scherzender Mann. Öffentlich zeigt er seine Zuneigung – die Seggeter finden, das schickt sich nicht für einen Pastor. Und dann sympathisiert er auch noch mit den Sozialisten.

Aber nicht er ist in „Wind und Wolkenlicht“ die modernste Figur, es ist seine einerseits verständnisvoll und geduldig mit ihm lebende (denn schuldet sie ihm nicht was?), andererseits sehr eigenständig denkende Frau.

Das Buch

Lewis Grassic Gibbon: Wind und Wolkenlicht. Roman. A. d. schottischen Engl. v. Esther Kinsky. Guggolz 2021. 342 S., 26 Euro.

Was ist los mit dir, Robert, fragt Chris ihn, als er verändert ist, fanatisch und durchglüht nach einer Pastorenversammlung in Stonehaven. Und er erzählt, wie ihm auf dem Rückweg, am Rand der Straße und „ganz aus der Nähe“ ER erschienen sei. Sie versteht, warum er sich daran klammert. Aber mit seiner Einbildung wird er ihr zunehmend fremd. Denn Religion ist für die tatkräftige, praktisch veranlagte Chris nur noch „eine traurige Geschichte in wüsten, düsteren Zeiten, sie war vorbei und abgeschlossen“. Roberts Glaube, dass Jesus ihm erschienen sei, empfindet sie als „Schmuddel“, als Wolke, als eine Illusion: „doch sie folgte keiner Wolke, sei sie benannt oder unbenannt“.

Grassic Gibbon setzt sein ungleiches Paar in eine so bunte wie derb gezeichnete Kleinstadt-Gesellschaft. Es gibt Ag Moultrie, die jeden Klatsch weiterträgt und den Beinamen „Seggeter Bote“ hat. Der Polizist am Ort wird Patten genannt wegen seiner großen Füße, ungerührt schmeißt er Spinner-Familien aus ihren elenden Hütten, wenn sie nicht zahlen können.

Der junge Mowat besitzt die Fabriken, in denen die Leinenspinner arbeiten, er spricht ein geziertes Englisch und ist „ganz fojn, wieaklich“. Der Bauer Dalziel vom Meiklebogs ist eine brutale Masse von Mann, lässt seinen Rotschimmel elendig krepieren, vergewaltigt Else Queen, Hilfe im Pastorenhaushalt.

Grassic Gibbons Sprache (und die Übersetzung Esther Kinskys) packt zu, ob jemand „fuchtich wie ein Frettchen“ ist, ein Gesicht hat „wie ein stiller brauner Tümpel“ oder ein falsches Lächeln, schnell „abgezogen wie die letzte Rübe aus einem gefrorenen Feld“. Die Hauptfiguren, Chris und ihren lungengeschädigten Pastor, aber zeichnet der Schotte immer wieder mit Zartheit, gar Poesie, zeigt ihnen Mitgefühl.

Dazu gehört auch Magd Else, die erstmal nichts übrig hat für ihre Arbeitgeberin „mit ihrem schmolligen stolzen Gesicht“. Die aber zur ehrlichen, menschenfreundlichen Chris Zuneigung fasst. Dazu gehört auch Chris’ Sohn Ewan, der so dunkel und still ist wie sein Vater, so stolz und gelassen wie seine Mutter. Und auch so unabhängig – er mag es nicht, wenn sie ihm übers schwarzglänzende Haar streicht, er mag keine Umarmungen, aber wenn es irgendwo zu helfen gilt, dann hilft er. Mehr als der Pastor ist er irgendwann der Mann in Chris Colquohouns Leben.

Chris Guthrie/Tavendale/Colquohoun selbst, die Frau, „die alles überstand, was sie heimsuchte“, muss am Ende das Seggeter Pfarrhaus verlassen und weiterziehen, da Robert tot ist. Man wird dank Guggolz irgendwann ein drittes Mal von ihr lesen können, sicher wieder mit Interesse und Freude an dieser feinen Frauenfigur. Und nicht nur an ihr.

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