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Sucht die „stille Alternative“ des Buchs: Autor Franzen.

Jonathan Franzen

Letzter Held der Gutenberg-Galaxis

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Schriftsteller Jonathan Franzen kämpft für die Buchkultur - zur Not auch via Youtube im Internet. Ganz nebenbei wirbt er so auch für seinen neuen Roman "Freedom".

Jonathan Franzen fühlt sich sichtlich unwohl, wie er dort vor der Kamera sitzt. „Das ist vielleicht der beste Ort für mich“, sagt der Autor des Erfolgsromans „Die Korrekturen“ im Internet-Werbefilm seines Verlages, „meinem Unwohlsein über die Notwendigkeit Ausdruck zu verleihen, solche Videos zu drehen.“ Die Welt der Bücher – seine Welt –, klagt er weiter, sei „eine stille Alternative, eine dringend benötigte Alternative in unserem zerstreuten Dasein“. Auf YouTube habe er eigentlich nichts verloren.

Franzen ließ die Tortur dennoch über sich ergehen, um Werbung für seinen neuen Roman „Freedom“ zu machen, der am 31. August in den USA und wenige Wochen später auch in Deutschland erscheinen soll. Er „begreife, dass heutzutage viele Geschäfte im Internet gemacht werden“, erklärte der Schriftsteller, warum er eine halbwegs verträgliche Miene zum bösen Spiel gemacht habe. Daran, dass das Internet nicht seine Welt ist, ließ er jedoch keinerlei Zweifel.

Der 51-Jährige ist stockkonservativ, wenn es um die Erhaltung der Buchkultur geht. „Ich glaube nicht, dass jemand, der einen Internetanschluss an seinem Arbeitsplatz hat, ein gutes Buch schreiben kann“, hat er einmal gesagt. Und diese Haltung macht Franzen nun zum Helden der langsam erlöschenden Gutenberg-Galaxis.

Die neueste Ausgabe des Time Magazines hat Franzen auf seinem Titel – eine Ehre, die als letztem Schriftsteller Stephen King vor zehn Jahren zuteil wurde. Die Septemberausgabe der Vogue, das auflagenstärkste und dickste Magazin der Welt, hat Franzen ebenfalls ein großes Feature gewidmet. Beide Hefte, einst führende Institutionen der Geschmacks- und Meinungsbildung, ächzen schwer unter dem Konkurrenzdruck der Blogs und Nachrichtenwikis.

Gefeiert wird auf den Hochglanzseiten ein Ereignis, das so anachronistisch ist wie die Magazine selbst: Ein mehr als 500 Seiten starker, handlungsarmer Familienroman, der von der kunstvollen Zeichnung seiner komplexen Figuren lebt, von sozialem Realismus und vor allem von der Sprachgewalt des Autors.

„Das Buch wäre wahrscheinlich unerträglich langweilig, wäre es nicht das Werk eines Genies“, schrieb das New York Magazine – noch so ein Dinosaurier – über „Freedom.“ „Es erinnert uns an den noch immer vorhandenen Zauber des altmodischen literarischen Romans.“

Mit „Freedom“ etabliert sich Franzen endgültig als Chronist seiner Epoche. Geduldig untersucht er, wie die Menschen in Zeiten extremer politischer Polarisierung, drohender Klimakatastrophe und der entropischen Beschleunigung der Kommunikation zu überleben versuchen. Ein Projekt, für das nach dem Freitod seines Freundes David Foster Wallace sonst kaum jemand mehr Geduld hat.

Weil diese beinahe schon sture Beharrlichkeit von den Mainstream-Medien gewürdigt wird, feiert seine Zunft Franzen nun schon Wochen ehe „Freedom“ bei Amazon zum Versand vorliegt, als ihren Messias.

Die Tatsache, dass es Franzen auf den Titel von Time geschafft habe, schrieb der Thriller-Bestseller-Autor Jason Pinter auf dem Nachrichtenportal Huffington Post, sage der Welt, „dass Bücher noch immer bedeutsam sind und Schriftsteller noch immer die Seele der Kultur“.

Ob sich mit „Freedom“ allerdings tatsächlich das kontemplative Universum des gedruckten Wortes mit Macht aufbäumt, bleibt abzuwarten. Bislang gibt es nur Vorschusslorbeeren von Angehörigen desselben Universums. Die Wahrheit über den Zustand der Welt wird sich wohl erst herausstellen, wenn Amazon die ersten Verkaufszahlen für „Freedom“ veröffentlicht.

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