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Als letzter geht der Wind hindurch

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Von: Jürgen Verdofsky

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Wo ich wohne / sind die Berge aus / Wasserdampf ... .
Wo ich wohne / sind die Berge aus / Wasserdampf ... . © epd

Das eigene Schattenreich in schattenloser Abgeklärtheit: Neue Gedichte von Günter Kunert.

Den Gedichtband „Aus meinem Schattenreich“ tragen Halbtöne der Ironie. Aber alles Groteske ist bei Günter Kunert abgewandelte Schrecknis. Das ist seine Art auszudrücken, was er als origineller Melancholiker an der Welt missbilligt. Der Dichter weiß, wie die Dinge stehen. Ein ganzes Leben hat er – bei höchst ansehnlicher Urheberschaft – auf Worte gebaut. Aber die Worte wollen gefunden und neu aufgestellt sein, wie schon immer für jedes neue Gedicht. „Die Schwierigkeit besteht ja darin, dass man nicht eine vorgegebene Form ... lange nutzen kann, sondern etwas Hybrides schafft, das gerade darum schwer am Leben zu erhalten ist ... stets in Gefahr, ... zu erstarren und damit nichtig zu werden“, schreibt der sonst so selbstgewisse Kunert an den Herausgeber Wolfram Benda. Wie heraus aus dem zur Gewohnheit Gewordenen? „Die Wörter / klammern sich an mich, / altgewordene Verwandte, / um Beachtung bittend: / Magst du uns nicht mehr, / wo doch erst wir dir / Leben gaben? / Wir sind eine Familie / unauflösbarer Bindung. / Dabei sind sie ja selber / unzuverlässig und verräterisch / als sei ich tatsächlich / von ihrer Art.“

Gedichte aus den letzten beiden Jahren, nur wenige sind älter. Aber auch für einen fast neunzigjährigen Kunert heißt es weiter, wie einfach, wie tragisch oder grotesk darf man schwierige Sachen betrachten? Es gilt immer wieder, den noch nicht gefassten Augenblick wahrzunehmen, mit Wörtern zu bannen, zu raffen, ihm eine Drehung zu geben. Reduktion und Destruktion, ja Dekonstruktion. Bis auch der Ton, der vorschwebt, seine nachhallende Schwingung hat. Auf den Punkt gebracht in unverhoffter Gestalt. Und mit dem nächsten Gedicht beginnt alles von vorn.

Bei aller Melancholie, dieser höchst schwankenden Stufe der Unbestimmbarkeit, ist die Metapher keine Herausforderung. Sie ist für den Dichter wie das tägliche Brot, selbst dunkelste Sarkasmen sind wie Schwarzbrot. Kunert zeigt sich gern als deutlicher Überbringer. Und sei es um den Preis des skandalös Attraktiven: „Hier geht es / um die Sache. Baumstumpf. / Alraune. Scherbe, darauf / ein Reiter rücklings, das Gesicht / der Kruppe zugewandt. Da geht es / um die Sache, vom Maulwurf / ans Licht gebracht. Der / Metaphernhäusler. Wir kommen / nur selten ans Licht des Tages / wie die Wahrheit. Um die es / nie geht. Es geht / nur um die Sache. Baumstumpf. / Astgabel. Rost / auf einer einsamen Klinge, / die nie einen Körper / für sich fand. Darum geht es.“ Aber auch in solch einem Metapherngestöber suchen die Verse, versteckt oder offen, immer einen letzten Sinn.

Vieles hat eine Vorgeschichte, verborgen unter den Tiefen der Herkunft. Im Gedicht „Epilog“ alarmiert der Vers auf lakonische Art: „...das alte Pflaster unter den Füßen / und unter dem Pflaster / nur versteinte und versandete / Ewigkeit? Holpersteine, Stolpersteine ...“. Anderes tritt aus einem ereignislosen Alltag in den Weiten Holsteins, erfrischend banal oder auch leise im Mangel an Überhöhung, aber mit einem evokativen Grund hinter der schwebenden Aufmerksamkeit. „Wo ich wohne / sind die Berge aus / Wasserdampf und oftmals / auf der Flucht aus windigen / Gründen. Trotz der Ferne, / in die der Blick fliegt, regiert / Nähe das Dasein. Hier geht man / mit einem Schritt von Dorf / zu Dorf, manchmal in Nebel / gehüllt, damit uns die Natur / nicht bemerkt und stillehält.“

Im Gedicht „Zur Nacht“ dann der Kontrast aus dem Herkunftskanon Berlin und Brecht in schattenhafter Auf- und Abgeklärtheit. „Die Städte stumm und geisterhaft, / nur Lichter rollen oder stehen still. / Bloß Schemen sind noch unterwegs, / von denen jeder heimwärts will. / Wie ausgedacht, wie fantasiert / die Stadt zur Nacht als Fiebertraum / und ahnungsvoll, wer sie passiert, / als schwände bald wie bloßer Schaum / solch ein Gebild aus Menschenwahn, / das firmamentnah hochgeragt. / Als letzter geht der Wind hindurch, / wie es der Brecht vorausgesagt.“

Kunert hat alle Fortschritts-Utopie fahren lassen. Aus dem Vorleben ruft er in einer Mischung aus Erinnerung und Parabel die Statisten der Ideologie als Zählvorgang auf. „Einstmals zogen Kolonnen / mit roten Fahnen durch / die Straßen, Fanfarenklänge, / Marschtritt, aus Lautsprechern / unverständliche anfeuernde Worte./ Hinter der nächsten Ecke jedoch / nahmen die Menschen / ihre wahre Gestalt an, rollten / die Fahnen zusammen und / trollten sich.“

Kunert liebt inverse Vorführeffekte, sein „Schattenreich“ ist voll davon. Stets im hohen Wechselton eines Skeptikers und Melancholikers. Aber dieser Dichter ist auch der vom Leben entlastete Schalk mit einem leicht entfessselbaren Gedächtnis, das sich gegen jede Extraktion und Bilanz sperrt. „Erstarrt und damit nichtig“ ist bei dieser Selbstvergewisserung nichts. Das bedeutet, die Straße ist frei und „als letzter geht der Wind hindurch“.

Gedichte schreiben ist für Günter Kunert vielleicht nichts anderes, als mit sich selbst zu reden – unangestrengt elegant, leichthin kunstvoll.

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