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Gedenkstätte Börneplatz in Frankfurt a. M. an der Außenmauer des jüdischen Friedhofs.
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Gedenkstätte Börneplatz in Frankfurt a. M. an der Außenmauer des jüdischen Friedhofs.

Eike Geisel Essays

Die letzten Illusionen

Der Band „Die Wiedergutwerdung der Deutschen“ erinnert an den wichtigen Essayisten und unerbittlichen Polemiker Eike Geisel.

Von Oleg Jurjew

Dieses Buch, von Klaus Bittermann zum siebzigsten Geburtstag des Autors sorgfältig und mit Liebe zum verstorbenen Freund eingerichtet, ist vielleicht die letzte Möglichkeit (ich würde mich freuen, in dieser Hinsicht falsch zu liegen!) sich an eine schillernde Persönlichkeit, an einen unbequemen Denker und Menschen zu erinnern – an Eike Geisel, 1945 geboren in Stuttgart, gestorben 1997 in Berlin. Es ist wichtig, ihn nicht zu vergessen, mehr noch: im kollektiven Bewusstsein zu verankern, denn er sprach das aus, was heute, in Zeiten fortgesetzter medialer Vereinnahmung durch eine vereinheitlichte Ideologie, kaum vernehmbar ist.

Schon zu seiner Zeit, in den 70-80er Jahren, wurde es für Geisel zunehmend schwieriger seine giftigen Pamphlete und brillanten Analysen zu veröffentlichen. Darüber mehr im Vorwort von Klaus Bittermann, das unbedingt gelesen werden muss, sogar von den prinzipiellen Vor-/Nachwortmuffeln, weil es die Geschichte eines Linken, der sein Linkssein, und eines Deutschen, der sein Deutschsein kompromisslos ernst nahm, knapp und gleichzeitig angemessen erzählt.

Geisel sprach vom westdeutschen Staat und von der westdeutschen Gesellschaft in deren Beziehung zu Juden, dem Staat Israel und der Katastrophe des europäischen Judentums. Über die Spezies des „guten Deutschen“, der sich allmählich selbst als „besserer Jude“ fühlte als die real existierenden Juden, die bei der „Wiedergutwerdung der Deutschen“ einfach störten. Nicht nur darüber schrieb Geisel, bei weitem nicht – aber es war eines seiner Hauptthemen.

Und wie er schrieb! Furioser polemischer Stil, angesiedelt irgendwo in der Mitte zwischen dem Kaltblutgang eines Karl Marx mit seinem etwas umständlichen Witz (wie im berühmten „Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte“ zum Auftakt: „Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.“ Zudem ging er vor mit den giftigen Elfenpfeilen eines leichtfüßigen, obwohl unbeweglich in seinem Matratzengrab liegenden Heinrich Heine.

Alle Wunden Nachkriegsdeutschlands

Eike Geisel legte seine Finger in alle Wunden Nachkriegsdeutschlands – beginnend mit dem vermeintlich edlen Anschlag auf Hitler von einer Gruppe hochgestellter Militaristen und Nationalisten, die im Nazi-Regime nur einen Mangel sahen: Dass es am Ende nicht erfolgreich war im Bau seines „Neuen Europa“. Und nicht endend mit dem leisen Judenhass der Linken und der offiziell verordneten und nicht ganz uneigennützigen Judenliebe: „Je heftiger sie sich mit jüdischen Toten beschäftigten, desto lebendiger wurden sie selbst. Je gründlicher sie erforschten, was jüdisch sei, desto fundamentaler erfuhren sie sich als Deutsche; kurz: am 9. November 1989 wurde ein kollektives Bedürfnis befriedigt, das der manischen Beschäftigung mit den Juden logisch von Anbeginn zugrunde lag. Seit alle wieder Deutsche sind, müsste es deshalb bei ihnen in unbefangener Umkehrung eines alten Grundsatzes nationaler Selbstvergewisserung heißen: ,Die Juden sind unser Glück.‘“

Will jemand begreifen, in was für einer Welt er tatsächlich lebt, muss er auch zu Eike Geisels Büchern greifen, in erster Linie zu diesem Buch, einem beinahe fünfhundertseitigen Band, in dem Geisels wichtigste Texte gesammelt sind.

Am 6. August 1997, nach zwei Jahren im Koma, starb Eike Geisel. Wir können uns nur vorstellen, wie er die menschliche und gesellschaftliche Komödie der 1990er bis zu den heutigen unrühmlichen Tagen gesehen hätte. Sein Leben lang hatte er immer die Hoffnung, den Menschen etwas erklären zu können, ihnen die Augen zu öffnen, sie zu überzeugen, zu ändern. Die letzten Illusionen, praktisch etwas erreichen zu können, waren bei ihm, so zu lesen, bereits zu Zeiten der alten Bundesrepublik gestorben.

Liebe Deutsche! Denkt an Eike Geisel, vergesst ihn nicht! Er war einer der Gerechten und ist an den Versuchen, uns die Augen ein wenig zu öffnen und auszuspülen, zu Grunde gegangen. Lest ihn, wenn Ihr Euer Land und seine Geschichte und noch mehr seine Gegenwart begreifen wollt. Alles, was er beschrieben, ausgelacht und angeprangert hat, existiert heute noch. Es wird ja auch morgen existieren. Eike Geisel, der als Mensch leider nicht alt geworden ist, wird als Schriftsteller nie, oder sagen wir vorsichtiger: nicht bald veraltet sein.

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