Letzte Ausfahrt Hollywood

Der Politikwissenschaftler Frank Niess beschäftigt sich mit der amerikanischen Traumfabrik in der unseligen McCarthy-Ära

Von MATTHIAS PENZEL

Die Aufräumarbeiten in New York und Washington waren noch nicht abgeschlossen, da nutzte US-Justizminister John Ashcroft die Anschläge vom 11. September 2001, um im Schnellverfahren den Kongress für den "Patriot Act" zu mobilisieren. Keine zwei Monate nach den Anschlägen verabschiedete das Parlament ein Gesetzespaket, dessen Abkürzung so schön griffig nach Vaterlandsverteidigung klingt, ausgeschrieben umso erschreckender: "Providing Appropriate Tools Required to Intercept and Obstruct Terrorism" ("Patriot Act").

Präzise lässt sich nicht übersetzen, was schon im Original diffus ist, trotzdem ein ungefährer Versuch: "Bereitstellung angemessener notwendiger Mittel zum Unterbinden und Verhindern von Terrorismus". Ein Unmensch muss sein, wer dagegen Einwände vorbringen würde, der etwas dagegen hätte, Terrorismus zu unterbinden, der sich auflehnen würde gegen Mittel, die hier angemessen und nötig sind.

Die Schwarze Liste der Filmindustrie

Dass das Gesetz Misstrauen erregte, auch bei vielen US-Amerikanern, liegt sowohl an der Praxis der Regierung von George W. Bush als auch an schlechten Erfahrungen mit solchen Vollmachten aus der Vergangenheit. Der Patriot Act weckte Erinnerungen an die Hexenjagd der McCarthy-Zeit. Der konservative Senator Joseph McCarthy gilt als spiritus rector einer unseligen Hatz auf angebliche Kommunisten Ende der vierziger Jahre in den USA. Auch damals geriet Hollywood ins Visier der Fahnder - allem Anschein nach als letzter Hort der wahrlich freien Denker des Westens. Diese Selbststilisierung gehört allerdings zur Illusionsmaschine, zu den ganz kalten kommerziellen Gesetzen des Marktes, vieles im Showbusiness mit melodramatischem Tamtam aufzuplustern. So ist es eine spannende und kluge Frage, was genau eigentlich in der "Traumfabrik" zu Zeiten der McCarthy-Ära geschehen ist.

Als Redakteur und Politikwissenschaftler versteht Frank Niess wenig vom Showgeschäft, doch hat er viel Hintergrundmaterial studiert: Memoiren und bereits veröffentlichte, meist englischsprachige Werke zur "Blacklist" - jener ominösen Aufzählung von "verdächtigen" Schauspielern, Autoren und Regisseuren, die in Hollywood zeitweise nicht mehr engagiert wurden. Bevor das "Komitee für unamerikanische Aktivitäten" zu seiner ersten Schwarzen Liste kam, war viel passiert. "McCarthy wäre undenkbar gewesen" ohne FBI-Chef J. Edgar Hoover, schreibt Niess.

Die Bundespolizei "war das bürokratische Herz" der Kampagne. In derem Zentrum standen "kommunistische Umtriebe", die bereits Jahre vor Hoover und McCarthy, wie Niess wunderbar nachzeichnet, die logische Reaktion auf die Wirtschaftsdepression, auf fortschreitende Industrialisierung und später den Faschismus in Europa waren. Ins Blickfeld der Kommunistenjäger gerieten Immigranten wie die Schriftsteller-Brüder Thomas und Heinrich Mann, Schauspieler und Regisseur Charly Chaplin, der Dramatiker Bertolt Brecht oder der Komponist Hanns Eisler. Die Beweisführung war oft dürftig, doch ein wachsender Stab von FBI-Mitarbeitern versorgte das System mit Informationen aus Illustrierten und dem Who's Who - Hoovers Macht wuchs.

Geschichtsschreibung im Zorn

Obwohl die Datenlage dünn war, entschloss sich der FBI-Chef kurz nach Kriegsende zur Aufstellung einer ersten Schwarzen Liste, um seine eigene Position nicht zu gefährden. Eine Lachnummer. Autoren und Regisseure, die daraufhin nach Washington zu einer Befragung geladen waren, reagierten mit Klamauk. Doch ihnen verging das Lachen schnell. Einige landeten im Gefängnis, Karrieren endeten - in vielen Fällen, weil die Bosse der Filmindustrie keinen "Verdächtigten" von der FBI-Liste mehr anstellten.

Es folgten weitere, längere Listen und noch mehr Anhörungen. Schließlich änderten viele Beschuldigte ihre Verteidigungsstrategie, beriefen sich fortan auf den fünften Verfassungszusatz ("Keine Selbstinkriminierung") anstelle des ersten Zusatzes ("Meinungsfreiheit"). So wehrte sich ein Schauspieler wie Humphrey Bogart zunächst lautstark gegen die Hetze, machte kurz darauf aber eine Kehrtwende und berief sich auf uramerikanische Grundwerte.

Die Sache wurde kompliziert - und Niess' Arbeit wird unübersichtlich. Der Autor verweigert eine chronologische Erzählung, lässt (zwangsläufig) viel weg, wiederholt anderes aber gleich auf derselben Seite, verwirbelt Zitate und indirekte Rede, unterschlägt Quellenangaben. Seine Wortwahl unterstreicht seinen Abscheu vor den Mächtigen, klingt stellenweise aber zu persönlich; Fakten fallen unter den Tisch, andere werden übertönt. Geschichtsschreibung und Zorn? Die Melange kann nicht überzeugen.

Gut, aber nicht gut genug, muss das Fazit lauten. Überdies finden sich einige ärgerliche Fehler: Zwar wurde der von der Sowjetunion protegierte Sänger Paul Robeson in den USA geschnitten, doch Folk-Ikone Pete Seeger und Sänger Harry Belafonte unterstützten ihn. Und im April 1938 bekundeten tatsächlich 150 Künstler ihre Unterstützung für Schauprozesse der KPdSU. Und noch eine Bemerkung zum Fall der Dichterin Dorothy Parker: In den dreißiger Jahren trat sie mehr als 30 Organisationen bei, darunter der Anti-Nazi-League oder der Abraham-Lincoln-Brigade; Networking war für Freischaffende auch schon vor Erfindung von After-hours-Clubs von Bedeutung.

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