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Leseprobe aus „Leise Leute“ von Frankfurter Schriftsteller Jürgen Roth

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„Leise Leute – Erzählungen“, Haffmanns Verlag bei Zweitausend-eins, 120 Seiten, gebunden, 18 EUR.
„Leise Leute – Erzählungen“, Haffmanns Verlag bei Zweitausend-eins, 120 Seiten, gebunden, 18 EUR. © Haffmanns Verlag

In seinem neuen Buch „Leise Leute“ widmet sich der Frankfurter Schriftsteller Jürgen Rothall jenen, an denen die Blicke meist vorbeigehen – und die es doch wert sind, gesehen zu werden.Menschen wie der Maler in diesem Auszug

Kam. Schleppenden, schlurfend-schiebenden, zugleich ungenau schwebenden Schrittes. Ein kleiner, schmaler Mann. Fransiger rötlicher Bart. Leicht hervorquellende Augen, wäßrig und von der Farbe eines alten Waldsees, dem niemand mehr Beachtung schenkt.

Die Arbeitshose hing nachlässig am schmächtigen Körper, seine Schuhe waren mit Farbsprengseln übersät. Er zog eine Schachtel Zigaretten aus der Brusttasche seiner Jeansjacke, setzte sich auf die Bierbank vor dem Haus und zündete sich eine an.

Hie und da hieß es, er sei ein Künstler. Viel war über ihn nicht bekannt. Ende vierzig mochte er sein, das wenigstens legten gewisse Hinweise aus bestimmten Kreisen nahe, er wirkte älter. Nichts schien ihn zu bedrängen, und er schien sich nach nichts zu drängen.

Ihm eilte ein Ruf voraus, nur welcher, das ließ sich nicht exakt sagen. Manche, soviel war immerhin in Erfahrung zu bringen, sahen in ihm einen Zeitkünstler. Sie betrachteten ihn als jemanden, der gegenüber der Zeit in einem nicht näher zu beschreibenden Sinne souverän war.

Kam, setzte sich und rauchte. Er äugte in den Himmel und schien etwas zu taxieren. Ruhig führte er die brennende Zigarette zum Aschenbecher und klemmte sie in einer der Kimmen fest, so behutsam, als wäre sie aus Mürbeteig.

„Das wird“, sagte er. Er sagte es langsam, regelrecht gemessen, mit einer Stimme ohne Färbung. Dann lachte er vulkanisch auf. „Das wird! Kein Problem, das kriegen wir hin!“

Er griff zur Zigarette, zog sie vorsichtig aus der Kimme, hob bedächtig den Arm, führte die Zigarette zum Mund und legte den Kopf schief. „Doch, doch, keine Sorge“, murmelte er, während seine linke, faltige Hand über die lackierte Oberfläche des Biertisches strich. Es war nun nichts außer einem leisen Wischgeräusch zu hören.

Wir hatten ihn engagiert, damit er ein paar Arbeiten erledigte. Keine großen Geschichten. Die würde er dazwischenschieben, zwischen das „Projekt“, wie er es nannte, in der Südstadt und eine Unternehmung in Höchst, die sich noch im Anfangsstadium befand. „Da muß erst mal was austrocknen“, sagte er, „und in Höchst wird sowieso erst noch vermessen, da hab‘ ich ab nächster Woche locker Zeit, und hier sind wir ja in einem oder in anderthalb Tagen durch.“

Van Gogh, wurde uns zugetragen, wurde in den folgenden Wochen weder in der Südstadt noch in Höchst gesehen. Allerdings beruhten die Aussagen über seinen Verbleib beziehungsweise seine Abwesenheit nur auf Gerüchten. Auch später konnte nie geklärt werden, wann sich van Gogh wo aufgehalten oder wohl doch nicht aufgehalten hatte. Eine Behörde, die hilfreich hätte sein können, hatte niemand eingeschaltet.

Als wir soweit waren, van Gogh trotz seiner Reverenzen fallenzulassen, und begannen, uns nach anderen Möglichkeiten umzusehen, meldete er sich. „Sicher“, lachte er krächzend ins Telephon, „das ist nicht optimal gelaufen, suboptimal, doch, ja. Aber es ging nichts voran. Was willste machen?“ Ob es uns nächste Woche passe, fragte er, und wir vereinbarten erleichtert einen Termin.

Er kam, wie er immer kam, wenn er kam. Das Wetter sei ja nun auch derart miserabel gewesen, da sei ja nicht im Ernst daran zu denken gewesen, die hiesigen Arbeiten in Angriff zu nehmen, erklärte van Gogh und rutschte ganz leicht auf der Bierbank hin und her, wie um zu prüfen, ob sie seinen federleichten Körper tatsächlich trage. Er schien diesen Platz durchaus zu schätzen, doch er schien sich immer wieder vergewissern zu müssen, ob alles seine Ordnung habe.

Wir fragten ihn, ob er heute, gleich heute noch fertig werde. Nun, sagte van Gogh, er habe ja noch nicht richtig begonnen mit der Arbeit, aber es sei noch früh am Tag, und es sei damit zu rechnen, daß er heute fertig werde, er schätze das sehr optimistisch ein.

Er hatte zwei Eimer mitgebracht, in einem steckten Rollen, Pinsel, Hölzer. Die Farbe, das Teppichmesser, das Klebeband, das Vlies, alles lag bereit.

Zum Autor & Buch

Jürgen Roth , 1968 in Bad Berleburg geboren und in Franken aufgewachsen, lebt als Schriftsteller und Journalist in Frankfurt am Main. Schwerpunkte seiner Publikationen sind Kulturkritik, Satire und Fußball. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, etwa „Benehmt euch!“, zusammen mit Stefan Gärtner, und „Kritik der Vögel“, gemeinsam mit Thomas Roth, illustriert von F.W. Bernstein. Überdies publizierte er mit Hans Well den Hörbuchbestseller „Stoibers Vermächtnis“. Aus seiner Kolumne für das FR-Wochenendmagazin FR7 ist das Buch „Der Jackel Hans – Eine Trinkhalle und ihre Geschichten“ entstanden. osk

Den Textauszug entnehmen wir seinem neuen Buch „Leise Leute – Erzählungen“, Haffmanns Verlag bei Zweitausend-eins, 120 Seiten, gebunden, 18 EUR.

Als zwei Tage später die Leisten abgeklebt waren, es waren etwa achtzehn Meter, die van Gogh hatte abkleben müssen, sagte van Gogh, morgen müsse er für einige Tage in die Südstadt und zwischendurch nach Höchst, in der Küche in Höchst müßten Vorbereitungen getroffen werden, bei denen er unabkömmlich sei.

Nun hatten wir ein paar Tage Zeit, um nachzudenken. Daß van Gogh ein Meister der Pause war, war uns klargeworden. Daran war nicht zu rütteln. Wir fragten uns jedoch, ob ausschließlich seine außerordentliche Fähigkeit, den Tag als Archipel aus Ruheinseln zu gestalten, sein Talent, den Tag zu nutzen, indem er die Fortschritte seiner Arbeit wiederholt bei einer genüßlich weggerauchten Zigarette betrachtete, ob allein diese Fertigkeit maßgeblich oder eben ausschließlich zu seinem Ruf beigetragen hatte.

Einen Teil seiner Werkzeuge hatte er bei uns gelassen, sie lagen, wie arrangiert zu einem Stilleben, in der Ecke am Fuß der Treppe. Bisweilen erfaßte uns das Gefühl, sie in die Hand nehmen und die Arbeit, die van Gogh erledigen sollte, gegen ein faires Entgelt natürlich, vielleicht sogar selber zu Ende bringen oder vielmehr zunächst einmal mit ihr beginnen zu müssen. Aber wir wichen vor den Pinseln und Rollen zurück, wir wagten es nicht, van Goghs Werkzeuge zu berühren.

„Wie ist die Stimmung heute?“ Zwei Wochen später, um die Mittagszeit, rief van Gogh an. Er habe eine weitere Baustelle hinzubekommen, erzählte er, das habe niemand vorhersehen können, und man stelle sich ja kaum vor, wieviel Zeit es in Anspruch nehme, mit der Bahn von hier nach dort zu fahren, bald sei er übrigens soweit, daß ihn die Baumärkte am Arsch lecken könnten.

Das könnten wir verstehen, sagten wir, Baumärkte seien wirklich das Allerletzte, aber wie schaue es denn aus? Könne er es demnächst vielleicht einrichten? Es müsse hier doch möglicherweise einmal weitergehen, es müsse die Sache ja zum Abschluß gebracht werden. „Ab übermorgen sieht es hervorragend aus“, erwiderte van Gogh, „dann machen wir das. Ist ja nicht die Welt. An einem Tag sind wir durch. Wäre doch gelacht! Wenn das Wetter hält!“

Das Wetter hielt, vier Tage, fünf Tage. Am sechsten Tag rief van Gogh an. Es tue ihm leid, aber bei einem solchen Sauwetter habe es überhaupt keinen Sinn, das Haus zu verlassen, und morgen sei Samstag, und am Wochenende mache er natürlich gar nichts, da laufe nichts, meinte der Meister.

Am nächsten Abend sprachen wir in der Gastwirtschaft einen Bekannten an. Er erledige das in drei, vier Stunden, sagte er. „Ich bin gelernter Maler, ich komme morgen, ruft mich um zehn noch mal an.“

Leider stellte sich in der Folgewoche heraus, daß der Ersatzmann ein Vielversprecher mit einem lädierten Kopf war.

Wir waren zurückgeworfen auf van Gogh, dessen Utensilien in der Ecke am Fuße der Treppe standen. Wir schauten sie jeden Morgen an, verharrten kurz vor dem Eimer mit den Pinseln und Rollen, schwiegen und gingen anschließend hinauf ins Obergeschoß, wo wir warteten.

Heute weiß von uns niemand mehr, wann wir van Gogh wieder erreichten. Immerhin können wir sagen, daß von uns eine nicht recht zu benennende Last abfiel, als er abnahm. Die Tätigkeiten, die Arbeiten in Höchst seien eine Jahrhundertaufgabe, sagte er. Von der Sache in der Südstadt war keine Rede mehr. Wir fragten nicht nach. Noch ein Job sei ihm angetragen worden, im Westen, erzählte van Gogh, hustete scheppernd ins Telephon, aber aus seiner Sicht spreche nichts dagegen, am kommenden Donnerstag unsere Angelegenheit endlich abzuschließen. „Das kriegen wir hin. Wir kriegen das hin. Kein Problem.“

Am späten Nachmittag des folgenden Donnerstages rief er zurück. Er sei gestern nach allen Regeln der Kunst abgestürzt, das könne passieren. Manchmal müsse man sein Fleisch betrunken machen, erklärte der Meister. Wenn allerdings das Wetter passe, sei er am Montag spätestens um zwölf bei uns.

Wir versuchten in bestimmten Kreisen Hinweise einzuholen, was eventuell noch zu tun wäre. Der Sprecher eines dieser Kreise, die sich vor Jahren rund um den Meister gebildet hatten, verwies uns an den Sprecher eines anderen Kreises. Der sei der richtige Mann. Der wisse, wie man es anzustellen habe. Der würde uns dahingehend unterrichten, welche Maßnahme einzuleiten wäre und schließlich griffe. Es handele sich dabei nicht um eine irgendwie geartete Drohung, genausowenig um einen Appell, einen eindringlichen, oder eine anderweitig drängende Vorgehensweise, mit dergleichen sei nichts zu holen. Aber den Schlüssel in der Sache van Gogh halte jener Sprecher in der Hand.

Dieser bestimmte Sprecher eines der van-Gogh-Kreise konnte und wollte aber keine Auskunft geben. Wir vermochten ihn auch gar nicht erst zu erreichen. Wir saßen im Obergeschoß und dachten nach.

Geraume Zeit später erinnerten wir uns in fahlen Umrissen an ein Telephonat, das wir mit dem Meister, bevor er gekommen war, zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt geführt hatten. Er hatte von einem „Nervenriß“ und dem „Wurm“ und „Wespennestern“ und davon gesprochen, daß er uns, meine Frau und mich, diesmal leider enttäuschen müsse, weil er nach Höchst müsse, wo sie die Küche just an diesem Tag einbauen wollten, und dann hatte er gesagt, bevor er, abermals später, gekommen war, wie er immer gekommen war: „Und wozu braucht man überhaupt eine Armbanduhr? Oder einen Regenschirm?“

Er war ein Meister, in allem.

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