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Connie Palmen.

Buchmesse: Open Books

Lesen und Straßenbahn fahren

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Das Karussell ist angelaufen: Bei den „Open Books“ steht schon einmal das schöne Wort „dichterlich“ im Raum.

Ein gutgelaunter und befriedet wirkender Buchpreisträger Bodo Kirchhoff erzählte am Abend danach davon, wie der Deutsche Buchpreis „weitgehend meine Idee“ war. Das ist nicht neu, aber vielleicht etwas aus dem Blick geraten: 2001, nach dem Roman „Parlando“, von der Kritik gelobt, aber vom Publikum nicht so viel gelesen, wie Kirchhoff es sich vorstellen konnte, sei ihm klar geworden, dass Bücher „stärkeren Rückenwind als nur das Feuilleton“ bräuchten. Ein außergewöhnlich fruchtbarer Ehrgeiz, dann trefflich ausgestaltet, so Kirchhoff, vom Börsenverein. Der Titel seiner am Montagabend ausgezeichnete Novelle, „Widerfahrnis“, machte auch zur Eröffnung der innerstädtischen Buchmessen-Lesereihe „Open Books“ im Chagall-Saal des Schauspiels Frankfurt Furore. Widerfahrnis sei ein Neutrum, informierte Kirchhoff.

Nur Angebote machen

Was kann der Schriftsteller ausrichten in der modernen Welt? Er sei kein politischer Autor, betonte Bodo Kirchhoff. Er könne bloß Angebote machen und sprachlich zum Beispiel der Tatsache etwas entgegensetzen, dass sich eine ganze Generation mit anderen Dingen als mit dem Lesen von Büchern beschäftige. Kirchhoff empfahl zu Demonstrationszwecken eine Fahrt mit der Straßenbahn.

Den offiziellen Gästen der Buchmesse, den Niederlanden und Flandern, ist wiederum das Wort „dichterlich“ zu verdanken. Es steht ebenfalls nicht im Duden, aber indem Connie Palmen es vielfach benutzte, offenbarte sich seine Eigenständigkeit. Dichterlich zu schreiben, erklärte Connie Palmen, sei einfach gewesen, womit sie aber keinen Dichter beleidigen wolle. In ihrem neuen, dichterlich geschriebenen Buch „Du sagst es“ erzählt sie von der symbiotischen Beziehung des tragischen Dichterpaares Sylvia Plath und Ted Hughes. Symbiotische Beziehungen, damit kenne sie sich aus. Selbstverständlich hätte sie sich selbst sofort in Hughes verliebt, so Connie Palmen.

Marcel Beyer, der Anfang November in Darmstadt mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wird, hat eine namhafte Plattensammlung, jedoch keine Platte von Bob Dylan. Das habe aber nichts zu sagen, sagte Beyer. Eine Welt, in der Bob Dylan gehört werde, könnte dadurch zweifellos besser werden, so Beyer. Er selbst las einige fulminante Gedichte aus dem Band „Graphit“ vor, darunter das mit der fast prophetischen Anfangszeile „Ich hörte, dein iPhone brennt“.

Sibylle Lewitscharoff, mit ihrem Roman „Das Pfingstwunder“ angereist, brach noch leidenschaftlich eine Lanze für den Originalklang von Dantes „Göttlicher Komödie“. Der „teuflisch gut klingende“ Text sei einer der letzten, der bei Lesungen das italienische Publikum noch daran hindere, mit dem vor Ort offenbar inzwischen üblichen Quasseln und Handy-Hantieren fortzufahren.

Allen vieren werden Sie dieser Tage noch öfter in Frankfurt begegnen. Das Karussell ist angelaufen.

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