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Welches Werk wird zum Beststeller? Möglich, dass Elke Heidenreich mit ihrer Sendung "Lesen" dabei künftig ein Wörtchen mitzureden hat.
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Welches Werk wird zum Beststeller? Möglich, dass Elke Heidenreich mit ihrer Sendung "Lesen" dabei künftig ein Wörtchen mitzureden hat.

Lesen ? Mal sehen !

Heute startet Elke Heidenreichs Bücher-Show - andere Literatursendungen machen derweil dicht

Von Jutta Heess

Wer liest, schaut nicht fern. Zumindest nicht gleichzeitig - es sei denn, es handelt sich um den Videotext. Noch kein Grund für eine Unvereinbarkeit von Literatur und Fernsehen, denn auch wer Sport treibt, kann nicht gleichzeitig fernsehen - es sei denn, er tut's im Fitnessstudio.

Sportberichterstattung ist unbestritten teletauglich. Der Literatur hingegen wird immer wieder bescheinigt, sie passe nicht so richtig in das Medium, das hauptsächlich mit Bildern arbeitet. Weil sich Literatur im Kopf abspiele. Weil Lesen so wahnsinnig kontemplativ sei. Weil im Streit zwischen Schrift und Bild das geschriebene Wort den Kürzeren ziehe. Literatur ist offenbar ein bedrohtes TV-Kulturerbe - glaubt man den Fernsehmachern, die Büchersendungen absetzen oder den Feuilletonisten, die darüber klagen, dass Fernsehmacher Büchersendungen absetzen.

Die Wahrheit könnte aber auch so aussehen: Literatur kann genauso gut im Fernsehen auftreten wie alle anderen Themen, die bildstärker daher kommen. Was auch - allem Kulturpessimismus zum Trotz - regelmäßig in unterschiedlicher Form passiert. Nur eins sind diese Sendungen normalerweise nicht: quotenträchtig. Womit man bei der These angelangt wäre - vorausgesetzt man glaubt unerschütterlich daran, dass alles möglich ist, auch Literatur im Fernsehen - dass bisher schlicht vieles falsch gemacht wurde. Muss das gute, wahre, schöne Literatur-TV-Konzept noch erdacht werden ? Vielleicht. Es kommt darauf an, was man erwartet.

Den Sendern wäre sicherlich ein Format wie "Das Literarische Quartett" herzlich willkommen. Seit 1988 stritten Marcel Reich-Ranicki und seine Komparsen im ZDF über Literatur. Die Quote stimmte, und der Buchhandel freute sich, da etliche der teils mehr als eine Million Zuschauer viele der vorgestellten Bücher kauften. Am Anfang sprach gar nichts gegen das Format, denn das Gespräch der Drei mit einem Experten konnte informativ und unterhaltsam sein. Am Ende nervte jedoch immer mehr die Selbstgefälligkeit und der Absolutismus des Literaturpapstes, womit er Sigrid Löffler und manchen Quartettanhänger vergraulte.

Seiner Dominanz vertrauend schickte ihn der Mainzer Sender im vergangenen Jahr mit einem "Solo" an den Start, in dem Reich-Ranicki allein vor Studiozuschauern Bücher vorstellte und über Verlags- und Pressewesen monologisierte. Leider ist es im Fernsehen oft wie im richtigen Leben: Wenn bloß einer redet, ist es langweilig; die One-Man-Leser-Show funktioniert nicht gut.

Aber was spricht gegen einen flotten Zweier: das Expertengespräch, wie es die meisten Kulturmagazine praktizieren ? Moderator befragt Fachmann oder Autor: eine Konstellation, die gelingt - wenn nur die Kenner nicht allzu oft die Zuschauer vergessen würden, die nicht Germanistik oder vergleichende Literaturwissenschaft studiert haben. Für Leute vor dem Schirm sind hochgeistige Expertendispute nur dann interessant, wenn die Fachkenntnis auch Platz lässt für ein bisschen Leidenschaft, für vielleicht schlichte, aber effektive Bekenntnisse über die Freude, die dem Leser bevorstehen könnte.

Neben dem literarischen TV-Selbstgespräch und dem Experten-Talk gibt es eine weitere Methode, um Literatur fernsehzweckdienlich zu machen: der Filmbeitrag. Hier kommt am ehesten der Vorbehalt zum Tragen, dass es Literatur schwer hat im visuellen Medium Fernsehen. Anders als bei einer Print- oder Hörfunk-Besprechungen von Büchern muss der Filmautor Bilder zu seinem Text finden. Und schnell kann das Bild zu elegisch geraten - und genauso schnell zu platt, zugegeben. Aber dass man imstande ist, so eine schwierige Aufgabe zu lösen, zeigen die Kulturmagazine zwar nicht jedes, aber so manches Mal.

Dennoch wird vielerorts gestoppt und gekürzt. Nach dem "Bücherjournal" im NDR, der "Leselust" im WDR und der "SWR-Bestenliste" soll auch die Traditionssendung "Bücher, Bücher" im Hessischen Rundfunk Ende des Jahres abgesetzt werden. In den 70er Jahren hatte Wilfried E. Schoeller das Format, das Film und Gespräch kombiniert, erfunden. Derzeit wird es im Wechsel von Iris Radisch und Gert Scobel moderiert. Der HR begründet den langsamen Tod der Sendung mit einem zu geringen Interesse der Zuschauer. So füllt sich nach und nach das TV-Antiquariat. Ist die klassische Literaturverfilmung bald das letzte Exemplar von "Bücher auf dem Bildschirm" ?

Nicht ganz: Im Zuge von Streichen und Sparen scheint Platz für Neues zu entstehen. Die ARD schickte kürzlich den Literaturkritiker Denis Scheck als Buchreporter ins Rennen. In "Druckfrisch" ist er ganz Protagonist: Scheck interviewt Autoren beim Spaziergehen, im Café, auf der Straße, Scheck fährt Rolltreppen rauf und runter, Scheck stellt Neuerscheinungen im Schnelldurchgang vor. Und alles inszeniert in einer schicken Wackelästhetik - was die Geister scheidet und entweder als wahnsinnig originell oder als unheimlich störend empfunden wird.

Eine bescheidenere Variante startet heute Abend das ZDF. Ohne Videoclipambitionen wird Elke Heidenreich in unregelmäßigen Abständen eine halbe Stunde "Lesen !" präsentieren. Der Titel der Sendung ist programmatisch: Tätigkeitsverb mit Aufforderung durch Ausrufezeichen. "Ich möchte Bücher empfehlen, die ich für wichtig, unterhaltend, spannend, bewegend halte", erklärt Elke Heidenreich, die in jeder Sendung einen Gast zum Gespräch begrüßt. Kein Experte, aber ein Viel- und Gernleser soll es sein - Kriterien, die Harald Schmidt, der die erste Ausgabe schmücken wird, locker erfüllt. Dazu kommen ein netter Schauplatz, die Kölner Kinderoper, eine vergleichsweise gute Sendezeit (22.15 Uhr) und zwei Einspielfilme - fertig ist eine halbe Stunde Literaturfernsehen. Das klingt viel versprechend.

Vergleicht man das Konzept von "Lesen !" mit anderen Formaten, könnte es bald die Bücherfernsehen-Bestenliste anführen: Sicher wird die Sendung weder ein Special-Interest-Seminar noch eine durch zwei geteilte Quartett-Posse - Elke Heidenreich ist zwar kompetent und unterhaltsam, aber leidenschaftlicher als studierte Bücherwürmer und natürlicher als pensionierte Literaturpäpste. Und deshalb kann "Lesen !" auch um einiges lebendiger werden als ein TV-Buchmagazin. Die Entscheidung, nur gute Leseware zu empfehlen, kommt dem Bedürfnis der Zuschauer entgegen - immerhin geben 18 Prozent der Buchkäufer an, die Informationen über Literatur aus dem Fernsehen zu beziehen. Und schließlich hat "Lesen !" den Promi-Bonus, sprich: Chance auf Quote. Ist das vielleicht das gute, wahre, schöne Literaturkonzept ? Bleibt nur eins bis heute Abend: "Hoffen !"

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