1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Leona Stahlmann: „Diese ganzen belanglosen Wunder“ - Poetischer enden

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Die Tiere verschwinden nach und nach, aber Austernfischer gibt es noch im Marschland.
Die Tiere verschwinden nach und nach, aber Austernfischer gibt es noch im Marschland. © Imago

Leona Stahlmann erzählt in „Diese ganzen belanglosen Wunder“ vom fortschreitenden Untergang der uns bekannten Welt.

So schnell geht die Welt nicht unter, auch wenn er fortschreitet, der Untergang. In Leona Stahlmanns Roman „Diese ganzen belanglosen Wunder“ steht Venedig bereits zu weiten Teilen unter Wasser. „Den Städtern verbrennen die Reiseziele“ für die Sommerferien. Und seit Zenos achtem Geburtstag gibt es keine Wale mehr. Jetzt ist Zeno zwölf.

Es ist noch nicht so weit, aber es ist weiter als heute, und – das ist erschütternd – die Rettungsversuche scheinen weitgehend eingestellt worden zu sein. Eine Frau namens Katt erklärt: „Jeder ging auf seine Weise mit der planetaren Endlichkeit um. Es gab die unaufdringlich Resignierten wie mich. Es gab die Befreiten wie Stine. Die Verzweifelten hatten sich weiterentwickelt: Wer sich vor zehn, zwanzig Jahren noch die Kugel gegeben hätte, trug heute T-Shirts mit der Aufschrift ,Apokalypse ist ein produktiver Zustand‘, man könnte sagen, sie hatten dazugelernt; das, oder sie hatten endgültig aufgegeben.“

Obwohl es auch heißt, alle Witze seien erzählt und man fange wieder mit dem Glauben an, ist für das eine oder andere Späßchen also doch noch Platz. Das ist ein gewitztes, fantasievolles Buch einer dem Leben und Vergehen des Lebens gegenüber aufmerksamen Autorin. Trotzdem geschieht offenbar nicht mehr viel in dieser Zeit, die von der jetzigen bloß ein paar Jahre entfernt sein dürfte. „Wir hatten uns an den Rändern der Katastrophe gut eingerichtet“, berichtet Katt: „Wir wussten, dass es uns nicht zuerst erwischen würde. Wir wussten, dass wir das Zusehen aushalten mussten.“

Die Leute haben aber fantastische Zähne. Zahnseide ist ein Dauerthema, und Mundhygiene gehört zu den letzten Obsessionen der Menschheit. Eine andere sind partnerschaftliche Kontakte und Sexpraktiken, für die man sich nicht mehr nahe kommen muss. Eine weitere sind Filme, in denen nur noch Möbel zu sehen sind. Der Regisseur Roy Perlmann ist damit berühmt geworden. Perlmann im Interview: „Ein Sofa will keine Gage, es ist immer pünktlich, es leiht sich nicht meine Zahnseide aus und gibt sie nie zurück.“

Das Buch

Leona Stahlmann: Diese ganzen belanglosen Wunder. Roman. dtv. 389 S., 22 Euro.

Stahlmann bereitet das Feld für die Apokalypse mit kunstvoller Beiläufigkeit. „Diese ganzen belanglosen Wunder“ ist (nach „Der Defekt“, 2020) der zweite Roman der 1988 geborenen Autorin, und man kann nur bewundern, wie verschwiegen sie ist – verschwiegen bis ins Verrätselte, obwohl sie plaudert und ihre Figuren ebenso – und wie klug und sparsam sie vor dem Hintergrund einer ökologisch (und ökonomisch) vor die Hunde gehenden Welt eine eigene, überraschende Geschichte erzählt.

Zeno ist ihr Zentrum, ein sonderbarer Junge mit zuweilen jesushafter Ausstrahlung, was aber schon Interpretation ist. Zeno ist ein einsames Kind in einer einsamen Gegend. Seine Mutter Leda hat sich mit ihm in eine Marschlandschaft zurückgezogen, in eine alte Saline. Nicht direkt eine Besetzung, aber Miete zahlt Leda nicht. Sie hat manchmal ein schlechtes Gewissen, dann wieder denkt sie sich: „Wer besetzt nicht das Land eines anderen?“, und da ist etwas dran.

Die beiden führen Touristengruppen durch die Saline, wenn Busse vorfahren, sie halten Seidenhühner. Leda, die oft zu viel trinkt und dann nicht ansprechbar ist, hat auch einen kleinen Gemüsegarten, aber im salzigen Boden gedeiht wenig. Das Wetter ist stramm, endlos der Wind. Mit dem übertretenden Fluss – der sein Gegenstück in den allgegenwärtigen Datenströmen findet – gilt es sich zu arrangieren. Im Sommer trocknet alles heillos aus. „Öde Speiche“, „Blanke Elle“, „Toter Grund“, Flur- und Flussnamen, die sagen, dass hier nicht viel zu holen ist. Zeno hat nichts dagegen. Jobs, die er sich vorstellen könnte, wären auch hier möglich: Gerne würde er morgens das Licht reingießen. Oder eine Deponie für aussortierte Zaubersprüche betreuen.

Auch wenn die Frage, welche Richtung man einschlagen soll, im Roman wiederholt gestellt wird – nach oben, immer nach oben, rät Leda ihrem Sohn, was vernünftig ist, wenn die Wasser steigen –, geht es doch vor allem darum zu warten und mit relativ wenig zurechtzukommen. Aussichten, Zukunftspläne, das sind keine Themen mehr, und zwar ohne Larmoyanz. Es ist einfach vorbei.

Stahlmann versucht nicht, dieser Situation einen Sinn oder Wert abzugewinnen. Sie stellt ihr aber eine hochpoetische Sprache entgegen, die sich von unerträglichen Wettervorhersagen nicht so leicht den Schneid abkaufen lässt, und sie stellt ihr Zeno entgegen, der im zweiten Teil des Romans zum zwölfjährigen Waisen wird.

Leda ist verschwunden, aber über das Internet lernt Zeno andere Leute kennen, die sich bei ihm im Marschland zu einer kleinen Kommune zusammenfinden. Der unausgesprochene Zweck ist, nach dem auf sich gestellten Kind zu schauen, andererseits hat hier keiner mehr viel zu verlieren. Fade die Jobs, unverbindlich die Beziehungen, auch Katt hat ihre Geliebte verloren, Stine, obwohl sie sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen konnte.

Das Leben in der Saline darf man nicht mit einer Utopie verwechseln, keinen Moment ist es das. Nichts ist mehr auf Dauer eingestellt – auch wenn Katt allen das Schwimmen beibringt. Die Weite des Marschlandes ist zugleich – typisches Phänomen des Landlebens – eine Enge. Zeno kennt es nicht anders. Katt begreift: „Zeno und sein Leben bauen auf einem Dreiwortsatz auf: was da ist. Was nicht da ist, was es nicht gibt, ist nie entscheidend; es ist nicht einmal wert, erwähnt zu werden.“ Das klingt plausibel, ist aber als Haltung zum Leben ohne Zukunft. Tatsächlich fängt Zeno auch schon an, Totengaben zusammenzusuchen.

Mag sein, dass sich Stahlmann auf die lange Strecke im zweiten Teil gelegentlich etwas in Seitensträngen und Andeutungen verrennt. Dann wieder ist das sehr menschlich: Auch die Figuren, obwohl sie immer wieder von dem ganzen Bedeutungsgehuber wegwollen, können nicht anders. Und es sind die Verzweigungen und es ist die Vielfalt der Geschichten, die den Roman frisch und lebendig halten.

Ledas unerwartete neue Liebe, ein selbstbewusster junger Forscher namens Osander, nimmt die Geräusche von Fischen auf. Er prahlt mit dem ungewöhnlichen Projekt, das dem Aussterben der Arten wenigstens einige Tonaufnahmen entgegensetzen will (Osander hätte nichts dagegen, damit reich zu werden). Leda ist schwer beeindruckt, Zeno weniger. Er kommt Osanders Betrug auf die Spur, als er eines der angeblichen Fisch-Geräusche von einer einschlägigen Pornoseite wiedererkennt.

Stahlmann fehlt es weder an gelungenen Fantastereien noch an guten Beobachtungen, die auch Sentenzen sein können, aber gute Sentenzen. Dazu gehört die „tröstliche Vorstellung, dass sich der ganze Wahnsinn auf nur dieser einen kleinen Kugel abspielt. Dass dieser ganze Wahnsinn nicht unendlich ist“. Nun macht das für den Menschen keinen Unterschied, aber tröstlich ist es dennoch, das stimmt.

Auch interessant

Kommentare