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Leon Weintraub erzählt: Wie es nach dem Bösen weitergehen kann

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Von: Matthias Arning

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Im Ghetto Lodz/Litzmannstadt, 1941.
Im Ghetto Lodz/Litzmannstadt, 1941. © Reinhard Schultz/Imago

Leon Weintraub war als Jugendlicher im Getto Lodz, erlebte den Antisemitismus im Polen der sechziger Jahre und berichtet von Schmerz, Leid und dem Wunsch nach Versöhnung.

Die Zeit im Getto verbindet sich für Leon Weintraub mit verstörenden Bildern. Szenen, die ihm bis heute „unauslöschlich in Erinnerung“ blieben, etwa als der Lagerarzt mit einem Stetoskop die Brustkörbe erhängter Häftlinge abhorchte, er den Chef des Lagers zu sich rief und von Lebenszeichen der Opfer berichtete. Der SS-Mann habe seine Pistole gezogen und „den beiden einen ,Gnadenschuss‘ in die Schläfe gegeben“.

Ende Januar 1940, fünf Monate nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, wählte man Baluty, einen der ärmsten Teile der Stadt Lodz aus, um auf einer Fläche von 4,13 Quadratkilometern eine abgeschlossene Zone zu schaffen. Dort pferchten Angehörige der Wehrmacht und der Polizeibataillone schließlich 160 000 Menschen jüdischen Glaubens ein. Von den 30 000 Wohnungen, in denen sie fortan leben mussten, verfügten nur wenige hundert über fließendes Wasser und Klos. Die Deutschen benannten das Getto später nach einem preußischen Militär, ihrem Helden, „Litzmannstadt“. In den kommenden vier Jahren ist es für jüdische Opfer Durchgangsstation in die Vernichtungslager.

Zu den Bewohnern gehört Leon Weintraub. Er ist 1940 gerade 16 Jahre alt. In einem Gesprächsband erinnert er sich jetzt an das Grauen im Getto Lodz. Eines von 17 Kapiteln, in denen er davon erzählt, wie er den Terror der NS-Zeit, den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und auch danach antisemitische Diskriminierung erlebt. Durch die Gespräche führen Fragen der Journalistin Magda Jaros wie eine Leitlinie. Jaros sammelte die Gespräche in dem Buch „Die Versöhnung mit dem Bösen“.

Im Getto Lodz bringt Weintraubs Mutter ihren Sohn Leon und die vier Töchter in großer Armut allein durch. Sie arbeitet als Wäscherin. Die Tische zum Mangeln und Bügeln der Wäsche nutzt die Familie abends als Betten. In dieser Zeit leidet der Jugendliche Leon an ständigem Hunger. Abends habe sich die Mutter bemüht, „etwas Warmes zu kochen, hauptsächlich Kohlrüben: Wenn ich an deren Geruch und süßlichen Geschmack denke, wird mir noch heute leicht übel“, berichtet Weintraub.

Das Buch:

Leon Weintraub, Magda Jaros: Die Versöhnung mit dem Bösen. A. d. Poln. von Jan Obermeier. Wallstein 2022. 292 S., 26 Euro.

Vor der Deportation

Er sei in dieser Zeit als Elektro-Installateur angelernt worden. Täglich habe er zwölf Stunden lang arbeiten müssen. Die Fähigkeit, Kabel zu reparieren, rettete ihn: Er konnte sich als Arbeitshäftling ausweisen, als die Deutschen das Getto aufgeben wollten. Sie lösten es Ende 1944 schließlich mit der vorgeschobenen Begründung auf, die Rote Armee nähere sich. Die Getto-Häftlinge wussten, dass dies nichts anderes als ein Vorwand war: Stattdessen wollte man die Inhaftierten nach Auschwitz-Birkenau deportieren. Leon Weintraub gelang die Flucht.

Weintraub nahm sich vor, sich „von den dramatischen Erlebnisse der Vergangenheit“ nicht in Starre versetzen zu lassen. Er selbst schildert das so: Die Erinnerung an die furchtbare Zeit sei „nicht ausgelöscht“, aber er habe sich vorgenommen, sie nicht wie „eine dunkle Wolke über meinem Kopf“ hängen zu lassen, „die mir die Sonne verdeckt“.

Weintraub studiert nach 1945 in Göttingen Medizin, kehrt nach Polen zurück und macht dort Karriere als Oberarzt in einem Krankenhaus nahe Warschau. Als junger Pole jüdischer Abstammung sei er, wie auch viele andere, „nach dem Krieg in unser Vaterland zurückgekehrt, um dieses wiederaufzubauen“. Ende der Sechziger habe man ihn dort im Namen der Staatsideologie ungerecht behandelt: „Das quält mich bis heute.“ Er und seine Kollegen seien diskriminiert und mit antisemitischen Anwürfen konfrontiert worden: „Wir verspürten Schmerz, Leid und tiefes Bedauern.“ Man habe ihn von seinem Arbeitsplatz vertrieben. Leon Weintraub wanderte nach Schweden aus. Dort arbeitete er lange Jahre als Arzt.

Er versteht sich grundsätzlich als „Rationalist und Humanist“. Als Opfer von Diskriminierung und Gewalt, eben als Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts, sah er sich in der Pflicht. Als „freier Mensch“ erzähle er bis heute deutschen Jugendlichen bei seinen Besuchen in Schulklassen „über das Martyrium und die Erniedrigung meines Volkes in der NS-Zeit“.

Eine Erzählung, die für Leon Weintraub auch die Aussicht auf Versöhnung eröffnet. Vorausgesetzt, darauf besteht er, alle wollten daran mitwirken. Eine beeindruckende Erzählung.

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