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Das Zimmer in der Gedenkstätte Buchenwald, 2017.
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Das Zimmer in der Gedenkstätte Buchenwald, 2017.

Gedenkstätte Buchenwald

Lenin, Goethe und Pfefferminzbonbons

  • VonChristian Eger
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Vor dem Verschwinden gerettet: Die Gedenkstätte Buchenwald präsentiert das Arbeitszimmer von Louis Fürnberg.

Weimar – Warum hier? Warum an diesem stummen, fernen, todernsten Ort? Warum steht das Arbeitszimmer eines Dichters, der nach 13 teilweise höchst brutalen Stationen in NS-Gefängnissen ins Exil entkommen konnte, ausgerechnet an einem Ort, der das bekannteste NS-Gefängnis war? Ganz so, als wäre er am Ende doch nicht entkommen. Warum steht das nachgelassene Arbeitszimmer des 1957 gestorbenen deutsch-jüdischen Schriftstellers Louis Fürnberg im Dachgeschoss der Verwaltung der Gedenkstätte Buchenwald, dem Sitz der ehemaligen SS-Verwaltung?

Diese Frage stellt sich. Auch dann, wenn man die im Juni erfolgte Aufstellung des Zimmers als eine Rettung begrüßt, die sie tatsächlich ist. Aber wer wird Fürnberg in Buchenwald suchen? Gegen die Touristenströme den Weg in die am Rand gelegene Verwaltung finden? Welche Chance hat der zarte, oft traumverlorene Autor der „Mozart-Novelle“ und des „Bruder Namenlos“ im Schlagschatten einer monströsen Vergangenheitsgegenwart, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht?

Der lange Weg der Erkenntnis

Die fehlt Fürnberg seit Jahrzehnten. Der 1909 geborene Deutschböhme mit tschechischem Pass, der über Rilke, Karl Kraus und Gorki zum Kommunismus gekommen war. Der 1939 über Jugoslawien nach Jerusalem floh, wo er mit Else Lasker-Schüler befreundet war, 1946 nach Prag zurückkehrte und 1954 in die DDR übersiedelte – nach Weimar, wo er Vize-Direktor der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten wurde, dem Vorläufer der Klassik-Stiftung Weimar. Fürnberg, ein Pate der jungen DDR-Literatur. Er war es, der Christa Wolf zum Schreiben ermuntert hatte. Mit ihm, notierte sie in „Stadt der Engel“, habe für ihre Generation „der lange Weg der Erkenntnis“ begonnen.

Heute weiß man nur noch das: Dass es dieser eigentlich feinsinnige, zu einem sentimentalen Pathos neigende Dichter war, der 1950 das Lied „Die Partei“ schrieb und vertonte: „Die Partei / die Partei / die hat immer recht“. Denn: „wer / für das Recht kämpft, / hat immer recht, / gegen Lüge und Ausbeuterei“. Ein Lied, das nicht für die SED geschrieben wurde, die es sofort übernahm, sondern für die Tschechische Kommunistische Partei – in einer Phase, als diese Fürnberg doppelt ausgrenzte: als Deutschen und als Juden. Der schrieb die Verse zur Selbstmobilisierung wider besseres Wissen. Verse, für die er bis heute zahlt.

Im Jahr 2004 starb in Weimar Fürnbergs Witwe Lotte, 92 Jahre alt. Das Wohnhaus in der Rilke- Straße musste geräumt werden, sagt Holm Kirsten, Leiter der Buchenwald-Sammlungen. Die Klassik-Stiftung habe Interesse für die Bibliothek des Dichters gezeigt, nicht für das Interieur. Über Kontakte der beiden Fürnberg-Kinder zur Buchenwald-Stiftung konnte das Zimmer zusammengehalten werden: Bevor die Bücher verstreut, Teile nach Prag transportiert worden wären, erfolgte die Rettung auf Vorschlag der Gedenkstätte. Die zeigt das Zimmer als Dauerleihgabe, aufgebaut hinter einer Glaswand. Als Erinnerungsort für einen verfolgten deutsch-jüdischen Dichter, der am Ende gezwungen war nach Weimar zu übersiedeln, wo sein Bruder Walter 1942 in Buchenwald ermordet worden war.

Eine Halbwand teilt das Zimmer, die Dachschräge nimmt ihm die ursprüngliche Höhe. Der Charme des vollgestellten Wohnzimmers ist weg, aber die Möbel, Bilder und Skulpturen sind noch da – bis auf Sofa und Flügel. Wandhohe Regalwände, die rund 5000 Bücher fassen, ein Schreibtisch, ein Sofatisch, zwei Sessel, eine Fernsehtruhe. An den Wänden hängen Bildreproduktionen nach Brueghel und Toulouse Lautrec. Eine Lenin-Büste steht auf, eine Goethe-Maske hängt an einem Regal, darunter ein Gipsabguss von Fürnbergs Händen. Eine Böhmen-Karte, ein Brecht-Porträt, ein Foto der Tochter Alena neben einem Marx-Bildnis.

Mit dem Sammeln von Büchern muss Louis Fürnberg schon früh begonnen haben. Holm Kirsten fand beim Aufstellen ein Ticket zu einem Eishockey-Spiel im Prag der dreißiger Jahre. Fürnbergs Bildungsgang ist an den Buchrücken ablesbar: von Georg Trakl und Rainer Maria Rilke, den Fürnberg besuchte, über Karl Kraus, Ernst Toller und Heinrich Mann hin zu Marx, Engels und Lenin; Stalins Werke stehen in der zweiten Reihe – von Fürnberg mit einem „H“ versehen, für „hinten“.

Im Schreibtisch des Dichters, dessen Nachlass die Berliner Akademie der Künste besitzt, liegen Visitenkarten, Brieftaschen, eine Rolle Pfefferminzbonbons („Fermint“), ein Hörgerät – die Nazis hatten dem Dichter das absolute Gehör zerschlagen – und einige Hufeisen. Fürnberg, der alt wie ein Baum werden wollte und mit 48 Jahren starb, suchte das Glück.

Ob es ihn in Buchenwald finden wird, ist sehr die Frage. Es soll pädagogisch gearbeitet werden, sagt Holm Kirsten. Wie, das sei noch offen. Es wird nicht reichen. Die Klassik-Stiftung müsste die Bibliothek digital erfassen, das Exilarchiv in Frankfurt um die Sammlung wissen. Die muss für die Forschung sichtbar werden: in Sachen Pragerdeutsche Kultur, Kommunismus und Literatur, Exil in Palästina, frühe DDR, Geschichte der Klassik-Stiftung. Viele Wege führen zu Fürnberg; der Weg über Buchenwald sollte ein vorläufiger sein.

Das Zimmer ist nach Anmeldung zu besichtigen. www.buchenwald.de

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