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In diesem Buch will Adolf Muschg einfach alles.

"Sax" von Adolf Muschg

Die leisen Beben der Seele

Er will alles auf einmal: einen Generationen- und Zeitroman, in dem sich Politik und Wirtschaft spiegeln, ein kritisches Porträt des Kapitalismus mit dem Hang zur Unvernunft, Gott und Religion. In „Sax“ verzettelt Adolf Muschg sich gewaltig, bleibt aber ein Meister des Stilllebens.

Von Anton Thuswaldner

Dieser Roman hat etwas vom Spiel des Igels mit dem Hasen. Er entzieht sich ständig. Kaum meint der Leser, ihn gepackt zu haben, ist er schon wieder ganz woanders. Wo ist die Grundidee, die ein Erzählganzes zusammenhält? Nirgends. Der Roman ist flatterhaft und reizüberflutet. Die Abschweifung ist hier Methode. Dieser Roman will alles und verzettelt sich deshalb.

Fangen wir also von vorne an. Wir befinden uns im Jahr 1970, zwei gestandene Männer kommen miteinander ins Geschäft. Der eine, Thomas Schinz, ist Bankier, der andere, Peter Leu, Briefmarkenhändler. Eine rote Mauritius hat gerade den Besitzer gewechselt. Die Szene spielt sich in Zürich ab, wo handfeste Tatsachen und Geschäfte etwas zählen. Und dann packt der eine aus und erzählt vom Spuk im Haus „Zum Eisernen Zeit“.

Aha, eine Gespenstergeschichte also. Nach und nach kommen mehr Figuren ins Buch, die nächste Generation, die jungen Rebellen, bekommen Aufmerksamkeit. Die sind begeistert vom frischen Wind einer neuen Zeit und der Umsetzung sozialistischer Ideen in der schweizerischen Wirklichkeit. Aha, sie vertreiben die Geister der Vergangenheit. Raffiniert, wie das Muschg anstellt. Dann beobachten wir drei junge Männer, die ein gemeinsames Anwaltsbüro betreiben und Karriere machen. Und allmählich zerfließt das Romanprojekt ins Ungefähre.

Etwas Philosophie

Denn jetzt will Muschg alles, und zwar auf einmal: einen Generationen- und Zeitroman, in dem sich Politik und Wirtschaft spiegeln, ein kritisches Porträt des Kapitalismus mit dem leidenschaftlichen Hang zur Unvernunft, Gott und Religion werden beizeiten als Köder ausgestreut, und dann wird doch nichts Rechtes daraus gemacht. Einen romantischen Spaß will Muschg sich leisten und ernsthaft etwas dazu beitragen, dem Geist – schon wieder ein Geist! – der Zeit auf die Schliche zu kommen; das Phänomen Liebe ergründet er und nimmt nebenbei Anleihen beim Zukunftsroman. Viel sei das, zu viel sogar? Stimmt! Ach ja, etwas Philosophie spielt auch noch hinein ins Buch.

Eines ist gewiss: Alle Figuren sind Getriebene, Scheiternde, Suchende, die mit dem Leben, dem eigenen und dem der anderen, nicht zurecht kommen. Wo ist das eigentliche, das richtige, das unverfälschte und wahre Leben zu finden? Das spukt in den Köpfen der Romangestalten, die sich mächtig ins Zeug legen, die Welt zu verändern. Denn darum geht es doch, die Wirklichkeit so zu drehen und wenden, dass sie am Ende ein Stückchen besser geworden ist. So sieht der Anspruch aus.

Aber Realität gewordene Ideen taugen nicht mehr viel. Das erfahren sie alle, diese sturzbetrunkenen Helden einer neuen Nüchternheit. Am Ende sitzen sie da, etwas resigniert und ratlos. Sidonie, das Flüchtlingskind, das vor den Nazis in der Schweiz Unterschlupf gefunden hat, errichtet später auf dem Hof ihrer Zieheltern eine alternative Gemeinschaft. „Ich wollte irgendwo dazugehören“, resümiert sie sehr spät ihren Lebensplan, „drinnen sein um jeden Preis“.

Nicht geglückt

Lebensplan. Wo kommt der eigentlich her? Ist er der hausgemachte Entwurf eines jeden für sich selbst, oder wird er über einen verhängt und keiner kann ihm entkommen? Das ist bei Muschg keine ausgemachte Sache. Gewiss ist nur, dass das Ich und die Welt einen Kampf um jeden einzelnen Menschen führen, der zehrend und schrecklich ist. „Für mich war draußen die wirkliche Welt, drinnen die wahre.“ So bilanziert Moritz Asser seine Biografie, der sich als abgesprungener Mönch in seiner Gier nach Vertiefung des Daseins stark abhebt von den anderen Anwälten seiner Kanzlei. Ihn sieht man gelegentlich, die Einsamkeit suchend, spirituelle Übungen betreiben.

Nein, als Ganzes ist der Roman ganz und gar nicht geglückt. Aber missraten ist er dennoch nicht. Es verbergen sich da ausgesprochen starke Einzelszenen, wahre Kleinodien. Vielleicht ist Adolf Muschg überhaupt der Meister des Stilllebens. Er beschreibt ein Altarbild der Brüder van Eyck mit Genauigkeit, Empathie und Spürsinn, wie das kaum sonst jemand zustande bringen würde.

Wann hören wir Muschg wirklich gebannt zu? Immer dann, wenn er auch unter Menschen Stillleben arrangiert. Dann ist die Welt vorübergehend zur Ruhe gekommen und gehört für kurze Zeit dem Autor allein. Der horcht dann auf das, was in den Menschen vorgeht, ist ganz Auge und Ohr, ein Gigant der leisen Beben der Seele. Dafür lieben wir dieses Buch.

Adolf Muschg: Sax. Roman. C. H. Beck, München 2010, 459 S., 22,95 Euro.

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