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Leicht erkennbare Inspiriation: „Ema – Akt auf einer Treppe 1966“, Gerhard Richter.
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Leicht erkennbare Inspiriation: „Ema – Akt auf einer Treppe 1966“, Gerhard Richter.

Bernhard Schlink „Die Frau auf der Treppe“

Der leise Stolz des Lesers

  • Harald Jähner
    VonHarald Jähner
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Bernhard Schlink will uns in seinem neuen Roman reinlegen, aber so einfach funktioniert das dann doch nicht.

Als Ich-Erzähler macht man sich am besten möglichst klein. Mit einer tapsigen, etwas farblosen und notorisch überforderten Gestalt teilt der Leser gern die Perspektive. Mach’ dich zum Horst, und die Leute lieben dich, so lautet eine alte Regel für Schreiber.

Die kennt auch Bernhard Schlink. Der ehemalige Richter und emeritierte Professor für Öffentliches Recht in Berlin wollte mit seinem neuem Roman nach fast zwei Jahrzehnten und etlichen nicht ganz so prominenten Büchern an den grandiosen Erfolg anschließen, den er mit der „Der Vorleser“ 1995 erzielt hatte. Dieser Ehrgeiz ist auf fast jeder Seite zu spüren. Die Frage ist, wie sehr er stört.

Der Ich-Erzähler ist diesmal wieder ein Anwalt, ein ganz junger noch, ein außerordentlich beflissener und braver obendrein, der aber irgendwie dazu einlädt, dass seine Klienten rücksichtslos auf ihm herumtrampeln. Der berühmte Maler Karl Schwind zum Beispiel: Er erscheint bei dem Anwalt mit dem Auftrag, ein Bild, das er einem reichen Unternehmer verkauft hat, zurückzufordern. Das Bild zeigt die Frau des Besitzers, Irene Gundlach, nackt eine Treppe heruntersteigend. Die Frau sei inzwischen aber zu ihm übergelaufen, erzählt Schwind stolz. Bei den Arbeiten am Werk sei man sich näher gekommen.

Der Maler will nun auch das Bild seiner Eroberung zurück – ein Schlüsselgemälde für sein Werk, wie er findet, und bei dem Unternehmer in völlig falschen Händen. Dieser nämlich rächt sich für die Untreue der Frau, indem er immer wieder aufs Neue das Bild beschädigt und dann den Maler Schwind zu langwierigen Reparaturen tagelang in sein Haus kommen lässt.

Irene selbst ist auch nicht ohne. Zu Beginn erscheint sie noch in Schwinds Begleitung bei dem Anwaltswelpen, bald aber taucht sie allein auf. Des jungen Mannes unübersehbare Verliebtheit nutzt sie für die Durchsetzung einer eigenwilligen Interpretation des Rechts am eigenen Bild. Sie will es für sich. Verständlich, denn ihre Macker sind dreiste Egomanen: Sie haben sich darauf verständigt, über den schwach protestierenden Anwalt folgenden Deal abzuwickeln: Der Maler kriegt sein Bild zurück, der Unternehmer seine Frau.

Statt brav ins Heim des Gatten zurückzukehren, klaut Irene mit des Anwalts Hilfe, dem sie ein gemeinsames Leben versprochen hat, das Bild und braust auf und davon – aber anders, als unser Horst sich das dachte, für immer und für immer ohne ihn. Und zusammen mit einem Werk, für das ein Sammler inzwischen Abermillionen hinblättern würde.

Das alles ist spannend erzählt und geht einigermaßen spannend weiter, wenn auch eine gewisse Blässlichkeit der Figuren die Anteilnahme ausbremst.

Hier kommt des Autors verbissener Wille zum Erfolg ins Spiel. Die Figuren wirken blutleer, weil Bernhard Schlink sie mit dramaturgischen Aufgaben überfrachtet hat. Karl Schwind vertritt die Kunst, Peter Gundlach das Kapital, der Ich-Erzähler unsere Rechtsordnung und Irene schließlich vertritt die Rebellion von unten.

So gerippehaft wird das zum Glück erst allmählich deutlich. Irene zum Beispiel hat im ersten Teil nur die Aufgabe, allen den Kopf zu verdrehen. Aber als sie Jahrzehnte später als Todkranke wieder auftaucht und die drei Männer auf einer unwegsamen Halbinsel in Australien noch einmal um sich versammelt, da hat sie eine Vergangenheit als RAF-Terroristin hinter sich, von der wir wenig erfahren. Und nicht nur Terroristin war sie, sondern eine der RAF-Aussteigerinnen, die das Glück hatten, in der DDR von 1980 bis zur Wende Aufnahme zu finden.

Ein klassischer Fall von Aufmotzung. Irenes illustre Geschichte ist nur Dekor; die linken Sprüche, die sie am Ende ihres Lebens noch immer klopft, taugten nicht mal zur Karikatur. Das Tuning des Romans mittels Politik und Zeitgeschichte bleibt Zierrat: am Heck ein RAF-Spoiler, unterm Chassis erzählerische Breitwandreifen wie für einen Jahrhundertroman. Aber der Motor unter der Haube reicht gerade für einen kleinen Liebesroman, einen, zugegeben, ziemlich originellen.

Äußerlich auf ein Zeitpanorama von Thomas-Mann’schen Dimensionen zielend, ist auch die Ausstaffierung der Figur des Künstlers Schwind. Gleich zu Beginn denkt jeder, der nur ein bisschen von moderner Kunst versteht, bei Schwind sofort an Gerhard Richter, gleicht doch das beschriebene Bild der Frau auf der Treppe dem berühmten „Akt auf einer Treppe“, Richters Frau Ema zeigend. In einer Nachbemerkung weist Bernhard Schlink darauf hin, dass eine Postkarte des Richter-Gemäldes jahrelang auf seinem Schreibtisch stand und ihn tatsächlich inspiriert habe. Ansonsten jedoch hätten die Figur Karl Schwind und der Künstler Gerhard Richter aber nichts miteinander gemein.

Das mag wohl sein, dennoch hat man Gerhard Richter des öfteren vor Augen, vor allem in einem Gespräch zwischen dem Unternehmer und dem Künstler über die Postmoderne, bei dem Gundlach in wiederum ziemlich holzschnittartiger Manier die These vom Ende der Geschichte vertritt: „Ich finde die Welt nicht bleiern. Ich mag sie so, wie sie ist, und Sie mögen sie auch. Sie ist wieder, wie sie immer war, bis Kommunismus und Faschismus sie durcheinandergebracht haben.“ Derweil die alten Säcke gemütlich über eine alternativlos gewordene Gesellschaft schwadronieren, geht nebenan die todkranke Irene, die einstige Rebellin, die, wie Schwind schwärmt, die Zukunft vertrat, ihrem Ende entgegen.

Ein starkes Bild, das noch stärker sein könnte, wenn es vom Willen zum Erfolg nicht so arg überzeichnet worden wäre.

Spekulativ ist auch der abermals verwandte Kniff, die Literatur und das Erzählen selbst zum Thema des Romans zu machen. Leser mögen das, spiegelt sich doch ihr Tun im Gelesenen wider. Beim „Vorleser“ spielt die Macht des Lesens eine tragende Rolle, bei der „Frau auf der Treppe“ ist es nun die Macht der Erzählung. Der um die Erfüllung seiner großen Liebe gebrachte Jurist hat das traurige Glück, der Angebeten wenigstens am Ende ihres Lebens pflegerisch auf den Leib rücken zu dürfen. Auf ihr Geheiß hin erzählt er ihr, wie ihr Leben hätte verlaufen können, hätten sie es gemeinsam geführt. Und macht sie Momente lang glücklich.

Jetzt könnte man sagen, „wen das nicht rührt, der hat kein Herz“. Aber dem armen Herz wird es auch arg schwer gemacht, weil das Hirn, das über ihm wacht, die Absicht des Autors merkt, die Mechanismen der Rührung durchschaut und daraufhin dem Herzen seufzend Entwarnung gibt: Brauchst nicht zu krampfen, mein Schatz!

Zurück bleibt ein geschwind gelesenes Buch, eine Zeit, die man nicht bereut, und der leise Stolz des Lesers darüber, dass er so leicht dann doch nicht hereinzulegen ist. Das tröstet über die enttäuschenden Momente des Romans hinweg.

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