Literatur

Leipziger Schule? Ein Mythos

Die Autobiographie Hans-Hendrik Grimmlings.

Von UDO SCHEER

Hört man den Namen Hans-Hendrik Grimmling, assoziiert sich mit ihm augenblicklich die Farbe Schwarz. Nicht nur seine Kleidung wegen. Schwarz ist ein zentrales Element seiner Malphilosophie von Hell und Dunkel, Fläche und Farbe.

Sehr wahrscheinlich wurzelt die besondere Affinität zur dieser Nichtfarbe bereits in Urerlebnissen der Kindheit, im landschaftsfressenden Schwarz der Braunkohletagebaue um seine Geburtsstadt Zwenkau bei Leipzig und in den sie durchfließenden toten Wassern der Weißen Elster. Schon in frühen Malversuchen findet er in der Vogelmetapher, in großflächigen schwarzen Vögeln, in aus Enge und Eingeschlossensein aufstrebenden und stürzenden Vogelmenschen ein Thema, das bestürzt, das ihn über Jahrzehnte beschäftigen wird. Dabei hat sein aus "falscher Buntheit" sich lösendes Schwarz "das Pathos des Rufens, vielleicht des Verkündens. Und es ist verhängnisvoll anmaßend, weil es Stille und Schrei vereint. Schwarz empfinde ich nicht als düster... Das eine Farbe schwer sein kann, dass eine Farbe schweben kann, dafür brauche ich das ganze Leben."

Grimmlings Autobiografie ist ein Novum. Erstmals bietet hier ein Insider unaufgeregt und freimütig Einblicke in einen Künstlerkreis, der sich mit seinem Selbstverwirklichungsanspruch bewusst jeder ideologischen Nutzbarkeit entzog und unweigerlich mit dem "Sozialistischen Realismus" kollidieren musste. Man gewinnt den Eindruck, als sitze einem der mit sechzig Jahren jung gebliebene, verschmitzte Provokateur greifbar gegenüber. Das ist zweifellos auch das Verdienst der Co-Autorin Doris Liebermann.

Wider Tübkes Renaissance-Stil

Die spartanische Nachkriegskindheit der Flüchtlingsfamilie scheint ebenso auf wie der Vater, von dem er sich ungeliebt fühlt, der nach früher Scheidung als dogmatischer Parteigänger der SED seine Karriere sucht und scheitert. Und doch bleiben auch schöne Erinnerungen. Während die Mutter als Gemeindeschwester arbeitet, machen der Junge und seine Geschwister die Doppelerfahrung einer amputierten Wochenendfamilie und des Aufgehobenseins im Wochenkinderheim.

Als Jugendliche bestärken ein Freund und er sich in ihrem Traum, Maler zu werden. Eine aufgegebene Drogerie wird ihr erstes Atelier. Sie sind stolz auf diesen Rückzugsraum. Doch der eigentliche Sehnsuchtsort heißt Leipzig.

Nach mehreren Ablehnungen gelingt Grimmling die Annahme zum Studium an der Dresdener Malschule, dann an der berühmten Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Zunächst findet er sich der Malklasse des Rektors Werner Tübke zugeteilt. Doch dessen "rückwärtsgewandte Renaissance-Meisterschaft" befremdet ihn. Im zweiten Jahr darf er sich als einer von fünf Schülern Wolfgang Mattheuers wertschätzen - für ihn ein moderner Maler, dessen Bilder "erzählen, was gerade geschieht". Dennoch bleibt eine lebenslange Distanz, da Grimmling, anders als Mattheuer, nicht in die Partei eintritt und somit nicht in den Genuss üblicher Privilegien, etwa Westreisen, kommt.

Grimmlings Bildsprache steht in klarem Kontrast zu der auf das figürlich Erzählende eingeengten, propagandistisch missbrauchbaren "Leipziger Schule". Er resümiert: "Heute existiert die Legende von großartiger handwerklicher Ausbildung an der Leipziger Hochschule...", doch "Begriffe wie Kreativität und Experiment existierten nicht mal in der Umgangssprache."

Einmaliges Schelmenstück

Ihm gelingt die Aufnahme in den Künstlerverband - Voraussetzung für eine Steuernummer und das Recht, freiberuflich arbeiten zu dürfen. Mit als Werkstätten getarnten Privatausstellungen versuchen Künstlerfreunde und er die Zensur zu unterlaufen, aber es gibt Ausstellungsverbote wie in Merseburg, wo Grimmling sich weigert, das Bild "Flugsehnsucht" abzuhängen, das einen kopflos, nackten, verkrampft fliegenden Männerkörper mit Erektion zeigt.

Desillusioniert reift die Idee zu einem einmaligen Schelmenstück im DDR-Staatskunstbetrieb. Für 12 000 Mark mieten die sechs Künstler Lutz Dammbeck, Günter Firit, Frieder Heinze, Günther Huniat, Olaf Wegewitz und er Ende 1984 für drei Wochen eine Etage im Leipziger Messehaus am Markt. Für die Verantwortlichen ist zunächst unvorstellbar, dass sie ihren 1. Leipziger Herbstsalon nicht im Auftrag des Künstlerverbandes gestalten. Zu spät für ein Verbot ohne "größeren politischen Schaden" beschäftigen sie danach Funktionäre bis hinein ins Politbüro. Dem Freundeskreis ist klar - nach ihrem legendären Auftritt, der, einmalig in einem staatlichen Raum, der offiziellen Kunst ihre eigene Handschrift entgegensetzte- Ihre Perspektive als Maler in der DDR ist beendet. Grimmling stellt einen Ausreiseantrag und wird 1986, nach gut einem Jahr voller Schikanen, einer von 1500 in 40 Jahren DDR vertriebenen Künstlern.

In Westberlin gründet er eine Malschule, mischt sich ein in deutsch-deutschen Kunstdebatten und lehrt heute als Professor an der Berliner Technischen Kunsthochschule. Doch in den Legenden rund um die Leipziger Schule werden die Rebellen der 80er Jahre weiter ignoriert - wohl auch, weil das bis zum Erscheinen dieses Buches möglich war.

Doris Liebermann/Hans-Hendrik Grimmling: Die Umerziehung der Vögel. Ein Malerleben. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2008, 288. S., 24,90 Euro.

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