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Die Ausgezeichneten des Preises der Leipziger Buchmesse, Eva Ruth Wemme (Übersetzung, l-r), Anke Stelling (Belletristik) und Harald Jähner (Sachbuch).

Preis der Buchmesse Leipzig

Selbst schuld, Katapult

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Gesplittert und doch ein guter Ausgang: Anke Stelling, Harald Jähner und Eva Ruth Wemme gewinnen den Preis der Leipziger Buchmesse.

Das schöne Wort „Splittrigkeit“ fiel der Jurorin Katrin Schumacher ein, um etwas Gemeinsames für die fünf nominierten Romane zum Preis der Leipziger Buchmesse zu nennen. Dass dann das am wenigsten splittrige Werk gewann, Anke Stellings „Schäfchen im Trockenen“ (Verbrecher Verlag), war keine Irritation, erzählt das neue Buch der Berliner Autorin, Jahrgang 1971, doch von der splittrigsten Existenz. Das hat sie nicht geahnt, die Existenz, darum eben geht es.

Die Erzählerin Resi hat einen Mann, der Maler ist, und vier Kinder, alte Freunde und einen ebenfalls interessanten Beruf (sie ist Schriftstellerin). Sie hat dabei nicht mitbekommen, dass die anderen mehr Geld hatten, schon die Eltern hatten nämlich mehr Geld. Die anderen waren auf besseren Schulen, sie haben auch etwas lukrativere Berufe ergriffen. Das hat nie eine Rolle gespielt. In den siebziger, achtziger Jahren, glaubt Resi, hat es tatsächlich keine Rolle gespielt, danach brauchte sie noch eine Weile, um zu merken, dass da etwas nicht stimmt. Dann schreibt sie einen Roman, in dem sich ihre alten Freunde unschwer wiedererkennen, aber die liberalen, aufgeklärten, umweltbewussten, familienfreundlichen, weltoffenen alten Freunde machen in dem Buch offenbar keine gute Figur. Daraufhin kündigt Frank die Wohnung, in der Resi, ihr Mann und ihre vier Kinder Bea, Jack, Kieran und Lynn – ja, so heißen Kinder in diesen Jahren, und bis eben hat Resi ja noch dazugehört – durch einen günstigen Umstand zur Untermiete wohnen konnte.

Diese fabelhaft einfache Konstellation, die Resis bisherige Existenz zernichten dürfte – „selber schuld, Katapult“, sagen in solchen Fällen die Kinder mit Kita-Humor –, trägt durch das Buch wie rasend. Jurorin Wiebke Porombka nannte es in ihrer Laudatio „scharfkantig“ und „harsch“, das stimmt ebenso wie ihr Hinweis auf seine immense Klarheit, die den Kopf zum Denken frei macht. Resis Kopf übrigens nicht, Resi, die Gesplitterte, ist auch eine zutiefst Verstrickte. Das liegt an Bea, Jack, Kieran und Lynn. Stelling erinnerte natürlich daran, dass auch Resi im Roman einen Preis gewinnt. Und dass ihre eigenen Kinder jetzt vermutlich ebenfalls Probleme bekommen werden. Und dass es sie glücklicherweise nicht gibt, die Kinder. Nicht zur Sprache kam, wie witzig „Schäfchen im Trockenen“ ist, und dass Stelling manchmal ins Satirische übertreibt. Bei einem legendären Weihnachtsmusizieren bei Resis damaligem Freund fragte die Großmutter, aus welchem Hause sie denn sei. Da hat Resi ihr Mietshaus beschrieben. Beim Lesen ist es aber auch gut, gelegentlich nicht mehr zu wissen, ob man mehr zu Resi oder mehr zu ihren alten Freunden gehört.

Katrin Schumacher hatte noch darauf aufmerksam gemacht, dass man Stellings Roman und die Bücher der anderen Nominierten, Kenah Cusanit, Jaroslav Rudis, Matthias Nawrat und Feridun Zaimoglu, in einem Zug lesen könne und ihnen damit die Möglichkeit geben, sich gegenseitig zu kommentieren. Das gilt aparterweise auch für den Gewinner aus der Sachbuch-Kategorie, Harald Jähners Buch „Wolfszeit“ (Rowohlt Berlin), das gewissermaßen die Vorvorgeschichte zu „Schäfchen im Trockenen“ erzählt. Jähner, Jahrgang 1953, FR-Lesern als Autor und Rezensent wohlbekannt, schildert „Deutschland und die Deutschen“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit: jene „gesteigerte Lebensintensität“, so Jähner vorab, die sich in verschiedenen Bereichen zeigte, im Guten und im Schaurigen. Der Schwarzmarkt mit seiner Relativierung der Werte und seinem radikalisierten Markt, so Jähner, sei eine Staatsbürgerschule par excellence. Juror Marc Reichwein staunte darüber, wie es dem Autor gelungen sei, in einem in Schutt und Asche liegenden Land eine „narrative Wundertüte“ zu entdecken.

Dass eine (üble) Verdrängungsleistung den raschen Aufstieg und Einstieg in die Demokratie möglich machte: eine Ambivalenz, mit der man nicht so leicht fertig wird. Dass ein Nierentisch keine Geschmacksentgleisung ist, sondern ein Symbol für entnazifiziertes Wohnen: anregend. Wie Stelling an ihre nichtexistierenden Kinder dachte, dachte Jähner beim Dank an den unbekannten dünnen Herren, der auf dem Cover und über Jähners Schreibtisch fidel durch das völlig zerstörte Freiburg läuft. Ihm widmete er den Gewinn, ihm rief er einen kleinen Gruß zu.

Zu einem anderen lastenden Drama hatte zuerst der Übersetzungspreis geführt, der an Eva Ruth Wemme für ihre Übertragung von Gabriela Adamesteanus großen Roman „Verlorener Morgen“ (Die Andere Bibliothek) ging. Ein Buch, das, so Gregor Dotzauer, das rumänische 20. Jahrhundert verdichte und zugleich entfalte. Dass es, in einer virtuosen, die Übersetzerin fordernden Vielstimmigkeit offen und böse, in Rumänien 1983 „leicht zensiert“ (Dotzauer) erscheinen konnte, darf als Dokument der Macht und Ohnmacht eines Buches gelten. Wemme hatte vorher nicht geleugnet, dass sie unter Zeitdruck übersetzen musste und dem hier als Lektor behilflichen Schriftsteller Jan Koneffke zu mehr als etwas Dank verpflichtet ist. Was für ein glücklicher Ausgang.

Der Preis der Leipziger Buchmesse ist mit 20 000 Euro pro Kategorie dotiert.

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