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Leïla Slimani: „Schaut, wie wir tanzen“ - Kleine Aufbrüche in bleierner Zeit

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Von: Stefan Michalzik

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Leila Slimani.
Leïla Slimani. © FETHI BELAID / afp

„Schaut, wie wir tanzen“: Leïla Slimani führt ins Marokko der sechziger Jahre

Die Dinge anders machen. Anders als die vorhergehende Generation. Das war, mehr noch als ohnedies immer, in den späten sechziger Jahren ein treibender Impuls der Jugend – nicht allein in Paris, Berlin, Frankfurt oder den USA, sondern auch in Marokko, wo „Schaut, wie wir tanzen“ spielt. Der neue Roman von Leïla Slimani ist der zweite Teil der Trilogie um die eigene Familie der 1981 in Rabat geborenen und heute in Paris lebenden französisch-marokkanischen Autorin. Wie schon „Das Land der anderen“ erzählt auch dieses Buch von einer Frau zwischen zwei Welten.

Im Kern ist das ein Entwicklungsroman um die Zentralfigur Aïcha, in Marokko geborene Tochter einer Elsässerin und eines Marokkaners, zugleich zeigt sich ein Zeitpanorama des Landes zehn Jahre nach der Unabhängigkeit von Frankreich 1956. Amine, der Vater von Aïcha, ein erfolgreicher Zitrus- und Olivenfarmer, einst von den Franzosen „Kameltreiber“ geheißen, findet nun Anerkennung und wird bei den Rotariern aufgenommen. Aïcha studiert in Straßburg Medizin. Sich die Haare glätten lassen, moderne Kleidung in Gestalt des Minirocks: Das markiert auch für andere junge Menschen aus dem Maghreb den Eintritt in eine moderne Welt.

Fremd ist Aïcha die Heimat mit ihrer Enge bald nicht weniger als Frankreich, wo die anderen Studierenden den Historischen Materialismus, das Schicksal der Schwarzen in den USA und den israelisch-palästinensischen Konflikt debattieren, derweil sie strebsam lernt und zu alledem keine Meinung hat. Irgendwann verspürt Aïcha, dass sie keine gute Medizinerin sein kann, wenn sie die Welt nicht besser begreift. Zu ihren Lektüren gehört „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir.

Es sind die Brüche, von denen Leïla Slimanis Roman handelt, die politischen und jene zwischen Tradition und Fortschritt. 1968 wieder zurückgekehrt nach Marokko, konfrontiert ein „Karl Marx“ gerufener Student der Wirtschaftswissenschaften Aïcha mit dem Gedanken, dass sie in einem „schuldhaften Individualismus“ lebe und ihr Vater ein Ausbeuter sei. Später wird „Marx“ im Widerspruch zu seinen Idealen einen Posten als hoher Regierungsbeamter im korrupten und attentatsgeschüttelten monarchistischen Unrechtsstaat annehmen.

Politisch ist es die „bleierne Zeit“ unter König Hassan II. mit ihren Kerkern, zugleich jedoch ist da ein liberal-oppositioneller Geist des Aufbruchs. Das Patriarchat sitzt im Sattel, doch es gibt selbstbewusste Frauen, die sich ihre Freiheit nehmen.

Das Buch

Leïla Slimani: Schaut, wie wir tanzen. Roman. A. d. Franz. v. Amelie Thoma. Luchterhand. 384 S., 22 Euro.

Aïcha, vom rebellischen Geist unbeleckt, ist in der Rollenvorstellung verhaftet, eine „gute Ehefrau“ sein zu wollen – auch angesichts der Haushaltsenthaltsamkeit ihres nunmehrigen Mannes, ebenjener „Karl Marx“. Tatsächlich jedoch kann sie nicht kochen und ist so gut wie nie zu Hause. Sie führt mithin ein fortschrittliches Leben. Das Motiv der Ärztin, die den Frauen hilft, ihnen etwa rät, auch gegen das Verbot des Ehemannes heimlich die Pille zu nehmen, kehrt wieder im Werk Slimanis.

Interessant die Szenerie in einem von Freunden für den Sommer gemieteten Strandhaus, Spiegel einer von Gegensätzen gekennzeichneten Gesellschaft. Die Tatsache, dass Roland Barthes in Rabat lehren wird, führt zu Diskussionen: Das Land stehe am Rande einer Revolution, das Volk lebe in Armut, und „Monsieur Roland Barthes“ erweise den Studenten die Ehre, sie Proust und Racine zu lehren – während es doch darum gehe, die eigene Kultur kennenzulernen und das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Die in der Debatte polemisch angeführte Alternative: eine von konservativer Seite verfochtene vollständige Arabisierung und Rückkehr zu den Traditionen.

Mit einer köstlichen Süffisanz zeichnet Slimani den Einfall der Hippies mit ihren mit Peace-Zeichen bemalten VW-Bussen in Marokko, denen sich Aïchas Bruder als jugendlicher Ausreißer anschließt. Brillant, wie leichthändig diese große Autorin in einem von einer klaren Sprache ohne Umschweife – exzellent übersetzt von Amelie Thoma – geprägten Stil das individuelle Erleben in eine Beziehung mit dem Weltgeschehen setzt. Die Nacht des ersten Kusses von Aïcha ist jene, in der die Mondlandung im Fernsehen übertragen wird, seinerzeit Katalysator der Hoffnung auf eine Zukunft, die auch Armut und Unterdrückung, Krankheiten und Kriegen ein Ende setzen wird.

Von einem, sagen wir: dialektischen Widerspruch um die berufliche Selbstverwirklichung beider Geschlechter in einer Ehe kündet der Roman ebenfalls. Ohne die Hilfe einer Nanny ist das kaum möglich – einem jungen Mädchen aus dem Armenviertel, das auf einen solchen Job angewiesen ist.

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