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MAGNUS SCHLETTE

Die Leiden des großen Weber

Endlich liefert Joachim Radkau eine voluminöse Biografie des Gründervaters der deutschen Soziologie

Max Webers Biografie war überfällig. Seit dem verständlicherweise befangenen Buch seiner Frau Marianne vor fast achtzig Jahren war das Leben des Gründervaters der deutschen Soziologie, wie das Salatblatt auf dem Teller, allenfalls Beilage seines Werks, das die Forschung mit stets wachsendem Appetit verzehrt hat und wofür sie den alten Herrn mittlerweile auch mit einer kritischen Gesamtausgabe würdigt, die keine philologischen Raffinessen scheut.

Die Person hinter der persona, der Autor als Mensch rückte, je mehr sich die Zunft verwissenschaftlichte, immer schemenhafter ins Halbdunkel des Vorvergangenen zurück, in Zeiten und an Orte, die vom alten Berlin vor der Reichsgründung über die wilhelminische Gelehrtenwelt Heidelbergs gerade noch in den Vorfrühling der Weimarer Republik hineinreichen. Joachim Radkau hat nun die erste sozusagen unabhängige Biografie vorgelegt, die den Quellenstand berücksichtigt. Und er setzt Maßstäbe. Mit beeindruckender Detailkenntnis, die sich vor allem auf die Auswertung einer Unmenge von Briefen stützt, präsentiert Radkau eine fesselnde Lebensgeschichte, die zudem die Epoche, in der sie sich abspielt, auf anschauliche Weise vergegenwärtigt und auch dem Werk, das ein Teil von ihr ist, zu größerer Tiefenschärfe verhilft.

Webers Schreibstil zeigt beide Pole, Engagement und kühle Sachlichkeit

Tiefenschärfe gewinnen vor allem die Spannungen, die Webers Persönlichkeit charakterisieren. Als Student pflegt und genießt er die männerbündischen Gemeinschaften, aber Jahrzehnte später treibt er sich unter Auswanderern der Schwabinger Bohème und Anhängern der Lebensreformbewegung auf dem Monte Verità bei Ascona herum. Die Freiburger Antrittsvorlesung versprüht den Charme eines ungebändigten Chauvinismus, als Weber aber im Rahmen einer deutschen wissenschaftlichen Delegation zur Weltausstellung nach St. Louis reist, zeichnet er sich vor allen anderen durch Offenheit, Neugier und Vorurteilsfreiheit gegenüber der Neuen Welt aus.

Er schreibt mit unverhohlener Faszination über die religiöse Askese und vertritt eine steile kantianische Ethik, um dann wiederum mit feinstem Gespür über die Erotik als innerweltlichen Erlösungsweg nachzudenken. Er identifiziert sich mit dem bürgerlichen Arbeitsethos seiner familiären Herkunft - etwas davon schwingt noch in der berühmten Formulierung vom "stählernen Gehäuse" der kapitalistischen Wirtschaftsordnung mit -, sieht den Kapitalismus aber andererseits auf ein schäbiges utilitaristisches Glück zusteuern, das er im Ergebnis charakterisiert wie Nietzsche den "letzten Menschen": verweichlicht, unentschieden, formlos. Andernorts bezeichnet er sich gar als verkappten "Mystiker". Sein Schreibstil wirkt schier ausufernd und pointiert zugleich, leidenschaftlich engagiert, dann wieder sachlich, kühl. Brieflich klagt er einmal, nur "einen winzigen Bruchteil von Allem, was sich innerlich gestaltet", zu Papier bringen zu können. Immer wieder wirft er sich mit äußerster Intensität auf ein Thema, um sich nach kurzer Zeit einer neuen Aufgabe zuzuwenden.

Hier Webers leibliche Natur, dort die bürgerliche Existenz: eine stete Dissonanz

Radkau zeichnet die Konturen der Persönlichkeit vor allem anhand von brieflichen Selbstreflexionen Webers und einer extensiv wahrgenommenen Korrespondenz über Weber nach, aber sein eigentliches Anliegen ist es, diese Konturen zu füllen. Der Schlüssel zum Verständnis des Disparaten ist die grundlegende Dissonanz zwischen Webers leiblicher Natur und bürgerlicher Existenz, zwischen Impotenz, nächtlichen Pollutionen und Liebessehnsucht einerseits, Pathos der Distanz, Wissenschaftsethos und moralischer Integrität andererseits, im Grunde ein typisches "Schicksal" um 1900, eingeklemmt zwischen Sexus und Kultur, deren Spannung Arthur Schnitzler in der Traumnovelle so unnachahmlich in Szene setzte.

Im Falle Webers nahm sie aber besonders dramatische Formen an, von den hemdsärmeligen Praktiken der Mutter zur "Vermännlichung" ihres kränkelnden Sohnes und dessen berserkernder Burschenherrlichkeit über die Flucht vor der Depression, wohl auch vor den Manierlichkeiten der freundlich-kraftlosen Kameradschaftsehe mit der Gattin Marianne in die alltagsbeherrschende Arbeit bis zur Erkrankung an "Neurasthenie", wie es damals hieß (Weber war immerhin froh, dass die Diagnose nicht auf Hysterie lautete und sein Krankheitsschicksal mithin, zum Schmunzeln der Gelehertenwelt, "verweiblicht" worden wäre).

Walter Benjamin notierte im Passagen-Werk, die ökonomischen Bedingungen einer Gesellschaft kämen im Überbau zum Ausdruck, "genau wie beim Schläfer ein übervoller Magen im Trauminhalt, obwohl er ihn kausal ,bedingen' mag, nicht seine Abspiegelung sondern seinen Ausdruck findet". Benjamins Einsicht passt auch auf Radkaus Anspruch einer biografischen Konstellierung von Leben und Werk. Die Lebensleistung Max Webers wird niemals auf einen bloßen Reflex der gesellschaftlichen Umstände und psychischen Dispositionen seines Autors reduziert, aber immer auch als Ergebnis einer individuell eigentümlichen Weise gedeutet, unter diesen Bedingungen schöpferisch tätig zu sein. Die Ambivalenz zwischen Bindung und Ablösung steckt ja schon im Begriff der Lebensleistung, wonach das Werk im Leben wurzelt, ihm aber ebenso sehr abgerungen, gegen Widerstände geleistet werden muss. Für niemanden gilt das mehr als für Max Weber, der in einer wichtigen Phase seiner intellektuellen Entwicklung wegen seiner nervösen Erkrankung über Jahre arbeitsunfähig wurde und sich nur langsam - und mit Rückschlägen - wieder erholte.

Die Genesung, zumindest ihren durchaus erfolgreichen Verlauf, knüpft Radkau an Webers erste Liebe zu Else Jaffé im Jahr 1909. Diesem Ereignis spricht er die Bedeutung einer Art Zäsur zu: Die Verhärtungen im Selbstverhältnis lösen sich, Anschauungen und Forschungsinteressen ändern sich, Weber rückt etwa von der Idolatrie religiöser Askese ab und stellt den Erlösungsgedanken ins Zentrum seiner religionssoziologischen Überlegungen. Radkau fasst schließlich den originellen Gedanken, die Entwicklung des Charisma-Konzeptes mit der erstmaligen Erfahrung der erotischen Liebe des fast Fünfzigjährigen zu verknüpfen: "Wohl nicht zufällig taucht dieser Begriff zu einer Zeit auf, als Weber an sich selbst unversehens eine Erfahrung der Gnade gemacht und eine Ahnung von Erlösung bekommen hatte."So läuft die Biografie auf einen doppelten Weber hinaus, den vor dem Aha-Erlebnis mit der "Hetäre höchster Kunst", wie noch Jaspers - möglicherweise nicht nur im Unterton schwärmelnd - über Else Jaffé schreibt, und den danach.

Was Marianne angeht, räumt die Biografie mit dem üblichen Bild der verhärmten Weber-Gattin auf und belegt, mit welcher Sensibilität und Aufgeklärtheit sie sich intellektuell und lebenspraktisch dem vertrackten Problem bürgerlicher Lebensführung gestellt hat, an dem nicht nur ihr Mann, sondern auch sie selbst litt, ohne ihre bürgerliche Identität - wie die Spukgeister auf dem Monte Verità um Otto Gross - aufgeben zu wollen. Vielleicht tragisch: Sie war, trotz ihrer geistigen Selbstständigkeit, von der Weber fachlich profitierte, traditionsgemäß ganz die Frau zum Gedeih ihres Gatten - und schien doch zu empfinden, ihm dabei im Wege zu stehen.

Radkaus neunhundert Seiten sind vielleicht eine Spur zu stofflastig, um sich lässig von Anfang bis Ende lesen zu lassen - irgendwann bekommt man doch vor Anstrengung rote Backen, und sei es nur beim Halten des Buches. Aber die Kapitel sind in präzise betitelte Unterabschnitte von wenigen Seiten eingeteilt, die sich auch unter Umgehung der Chronologie mit Gewinn lesen lassen - dann fügt sich das Weber-Bild langsam und reizvoll zu einem Puzzle von narrativ geschickt verwobener Quellenarbeit.

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