Jesidische Kinder in einem Flüchtlingslager, Februar 2018.
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Jesidische Kinder in einem Flüchtlingslager, Februar 2018.

Zülfü Livaneli

Das Leiden der anderen

  • vonKatharina Granzin
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In seinem schmalen Roman "Unruhe" erzählt der türkische Autor Zülfü Livaneli vom Schicksal der Jesiden ? und reflektiert die ambivalente Position des Berichterstatters.

Es ist ein schmales, mit eigenartig leichter Hand geschriebenes Buch, Zülfü Livanelis neuer Roman „Unruhe“. Der multitalentierte Autor ist als Musiker, Schriftsteller und Filmemacher einer der auch international bekanntesten Künstler der Türkei. „Unruhe“ stand dort lange auf den Bestsellerlisten.

Der novellenhaft auf ein einziges Thema fokussierte Roman umkreist ein gewissermaßen leeres Zentrum; denn die Hauptpersonen des Romans sind tot oder abwesend. Unter Zuhilfenahme einer Erzählerfigur, die erst nachträglich von Geschehnissen erfährt, die diesen Abwesenden zugestoßen sind, gelingt es Livaneli, von einem der furchtbarsten Schauplätze am Rande der syrischen Schlachtfelder zu erzählen: vom Massenmord an den Jesiden durch die IS-Terroristen.

Der Erzähler ist ein aufstrebender junger Journalist aus Istanbul. Er verkörpert damit die westlich orientierte, intellektuelle Türkei – und uns alle gleichsam, die wir gedankenlos in Sicherheit und Freiheit existieren. Als Ibrahim in seine Heimatstadt im Südosten des Landes fährt, um der Beerdigung seines Kindheitsfreundes Hüseyin beizuwohnen, ahnt er noch nicht, dass damit eine Reise ins Unbekannte beginnt. Hüseyin, zu dem er vor Jahren den Kontakt verloren hatte, hat sich in der Flüchtlingshilfe engagiert und sich in eine Jesidin verliebt, die Aufnahme in dem Flüchtlingslager nahe seiner Stadt gefunden hat. Nun ist Hüseyin nicht mehr am Leben und die junge Frau verschwunden.

Ibrahim, den die ungewöhnliche Liebesgeschichte um so mehr berührt, als Hüseyins hinterbliebene Familienmitglieder erkennen lassen, dass sie die Fremde immer abgelehnt haben, beginnt nach der geheimnisvollen Meleknaz zu suchen.

Erzählbaustein für Erzählbaustein entsteht dabei eine kurze Geschichte der Jesiden und ihrer Verfolgung durch die islamistischen Terroristen. Ibrahim, der seinerseits eine eigenartig emotionale Bindung zu der ihm völlig unbekannten Frau entwickelt, bringt mit einer Mischung aus journalistischer Beharrlichkeit und persönlicher Betroffenheit die Menschen dazu, sich ihm zu öffnen: Hüseyins Schwester berichtet von Meleknaz’ merkwürdig panischem Verhalten in ihrem Haus, als eines Tages die Mutter einen Salatkopf aufschneidet. Ein alter Mann klärt Ibrahim über die Geschichte der Jesiden und ihres Glaubens auf. Eine junge Jesidin im Flüchtlingslager schließlich erzählt ihm die grauenhafte Geschichte ihres Martyriums als Sexsklavin: Auf einem Sklavenmarkt verkauft, von unzähligen Männern vergewaltigt, ebenso wie ihre kleine, erst achtjährige Schwester, ebenso wie ihre Freundin Meleknaz, die schwanger wird. Irgendwann gelingt den dreien die schwierige, entbehrungsreiche Flucht, die eine von ihnen das Leben kosten wird.

Es ist heikel, von fremdem Leid zu berichten. Viele Klippen müssen umschifft, vor allem Elends- und Gewaltpornografie vermieden werden; auch in den Ruch der kulturellen Aneignung will man nicht geraten. Zülfü Livaneli zieht dagegen einen doppelten Boden ein – indem er zum einen eine explizite Außenseiterfigur als zentralen Vermittler verwendet, zum anderen wechselnde Erzählerfiguren einsetzt, die kurz auftauchen, um ihren Erzählpart abzuliefern. Das versachlicht gewissermaßen die Geschichte, die doch von Erlebnissen handelt, die so extrem sind, dass man sie sich kaum vorzustellen wagt.

Die Abwesenheit der zentralen Figuren Meleknaz und Hüseyin gehört ganz wesentlich zu diesem Erzählprogramm. Ibrahim, der Journalist, spiegelt mit seiner irrationalen emotionalen Fixiertheit auf die unbekannte Meleknaz stellvertreterhaft jene Art von Einfühlung wider, die jene Art Roman bei seinen Lesern auslöst, der persönliche Betroffenheit über die Identifikation mit den Figuren erreicht.

Dass diese Art von Betroffenheit hier aber fehl am Platze ist, weil eine Identifikation mit diesem Ausmaß von Leid gar nicht möglich sein kann, wird Ibrahim – und wiederum uns allen – durch Meleknaz’ schroff ablehnende Haltung gezeigt, nachdem er sie endlich gefunden hat. „Durch Mitleid wird die Pein nicht gelindert“, sieht Ibrahim schließlich ein und erkennt, dass es sein Ziel nicht sein kann, von Meleknaz geliebt zu werden, sondern seine Aufgabe darin bestehen muss, der Welt vom Geschehen hinter dem Sindschar-Gebirge zu berichten.

In vielerlei Hinsicht reflektiert Zülfü Livaneli in Ibrahim auch seine eigene Position – die zwiespältige Position des Autors zwischen Berichterstattung und Empathie. Der Wille, ja, die Notwendigkeit, Zeugnis abzulegen, die auch der geläuterte Ibrahim schließlich verspürt, ist Livanelis Roman überdeutlich eingeschrieben. Er will aufrütteln, aufklären und gleichzeitig noch über die Position des außenstehenden Aufklärers reflektieren. Das ist allerhand für so einen schmalen Roman; und vielleicht gibt es hier und dort auch etwas zu viel an thesenhaftem Gepäck. Dass etwa Hüseyin, der, um vor den türkischen Islamisten in Sicherheit zu sein, in die USA ausgeflogen ist, ausgerechnet dort von amerikanischen Neonazis umgebracht wird: eine eigentlich unnötige Verdeutlichung der Tatsache, dass es das Böse überall gibt.

Doch gerade seine skrupulöse Thesenhaftigkeit macht diesen Roman sehr wahrhaftig. Nur aus einem gewissen – und gewissenhaften – Abstand kann es einem Außenseiter überhaupt möglich sein, sich einer menschlichen Katastrophe dieses Ausmaßes erzählerisch zu nähern.

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