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Mit leichtem Gepäck

Fragmente und letzte Texte von Herbert Riehl-Heyse

Von Astrid Hölscher

Es war nur so eine Idee. Keine fixe Idee, sondern eine fein gesponnene, liebevoll ausgemalt in Biergärten nach Redaktionsschluss, wenn Riehl und andere Kommentatoren der Süddeutschen Zeitung so ins Sinnieren kamen über die Muße nach dem rasenden Reporterdasein. Ein Altersheim für Journalisten, das wär's. Wo sie der großen Momente und kleineren Niederlagen gedenken könnten, ohne den Wohngenossen erklären zu müssen, welche Schmach es dereinst bedeutete, von der Seite 3 auf die "Berichte aus Deutschland" verschoben zu werden, weil gerade ein mittelmäßiger Minister zur Unzeit geschasst worden war. Wo keiner allein bliebe mit seinen Anekdoten, weil - schreckliche Vorstellung - immer ein anderer noch eine Pointe draufsetzen müsste aus eigenem Erfahrungsschatz. "Die Idee, dass einer von uns dann nicht mehr da sein könnte, kam uns nicht", schreibt der Londoner SZ-Korrespondent Stefan Klein im Vorwort zu Herbert Riehl-Heyses nachgelassenem Buch.

Mit dem Gepäck ist das so eine Sache in Altersheimen; da muss sorgsam abgewogen werden, was noch hinein passt in den kargen Regalraum. Der schmale Band über Jugendwahn und Altersstarrsinnaber findet aber sicher Platz. Nicht weil es das wichtigste Werk Riehl-Heyses wäre, da steht allemal Ach, du mein Vaterland davor, jene vor fünf Jahren erschienene Lebensbilanz. Doch auch nicht nur, weil es das letzte Buch des Autors ist, der im April verstorben ist. Sondern weil der Mensch und Journalist Riehl-Heyse so höchst anwesend erscheint auf diesen Seiten.

Zum Beispiel mit seiner unbekümmerten Eitelkeit, doppelt gebrochen durch stilisierte Selbstironie. "Die Genies sterben gerne in ihren mittleren 60er Jahren", heißt es im Kapitel über den medizinischen Fortschritt, selbst erlitten im verlorenen Kampf gegen "7,5 Kubikzentimeter Feind in meinem Kopf". "Da braucht man dann ja nur hoch zu rechnen, wenn man gelegentlich unter Genieverdacht in eigener Sache laboriert, weil einem ein paar ältere Damen gar zu liebreizende Briefe aus ihrem Wohnstift Augustinum geschrieben haben."

Oder mit seiner fröhlichen Polemik, gegen den Stern-Redakteur etwa, der auf der Suche nach dem Generationenkonflikt herausgefunden hat, dass die über 65-Jährigen über ein Viertel des Vermögens in Deutschland verfügen, obwohl sie doch nur 13 Prozent der Bevölkerung stellen. "Ja, wirklich, sehr ungerecht: Das Vermögen müssten anteilsmäßig die Säuglinge, Kindergartenkinder und Schüler besitzen, die es sich in langen Jahren im Laufstall mit ihrer Hände Arbeit erwirtschaftet haben."

Mit seiner Versöhnlichkeit, die Jugendwahn und Altersstarrsinn als "besonders gefährliche Geistesverwirrungen" enttarnt, die am besten nebeneinander gedeihen. Und den behaupteten "Krieg" zwischen den Generationen nach Absurdistan verbannt. "Ich führe doch keine Kriege gegen Leute, denen ich nichts anderes vorwerfen kann, als dass sie in einem bestimmten Jahr geboren sind."

Ein Fragment nur, aber eines, das zum Selber- und Weiterdenken einlädt. Geschrieben in Sichtweite des eigenen Todes, den der Autor gar zu ernst wiederum nicht zu nehmen bereit ist. Weil die Menschen, zumal in der Riehlschen Ausprägung, nun einmal nicht ausschließlich "für den Ernst des Lebens und der Bücher" geschaffen seien. "Der Tiefgründler, der vor allem im dichtend-denkenden Deutschland schon immer einen sehr guten Ruf genießt, ist leider nur zu oft verquast. Und das ist viel schlimmer als oberflächlich." Also mahnt der heitere Gründler, auf dass der Starrsinn nicht einziehe ins Alterheim für Journalisten.

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