Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Henning Mankell im Juni 2015.
+
Henning Mankell im Juni 2015.

Henning Mankell

Lehrstunde in Kolonialismus

  • VonAnja Ruf
    schließen

"Der Sandmaler": Henning Mankells erster Afrika-Roman ist noch nicht raffiniert, aber interessant.

Zwei junge Leute fliegen für vierzehn Tage in ein nicht namentlich genanntes afrikanisches Land. Der Urlaub war nicht gemeinsam geplant, doch nun unternehmen sie einiges zusammen. Viel mehr passiert nicht in diesem langsam erzählten Buch, das Henning Mankell 1974 nach seiner ersten Afrikareise schrieb. Ein Meister der Kunst, Spannung aufzubauen, war er damals noch nicht. Von einem Politthriller wie „Die weiße Löwin“ ist der jetzt ins Deutsche übersetzte Roman weit entfernt. Trotzdem ist er nicht reizlos: Mit Interesse verfolgt man, wie die beiden Protagonisten Stefan und Elisabeth, zwei gegensätzliche Charaktere, Land und Leute wahrnehmen und ihre Eindrücke verarbeiten.

„Unsere Welt ist eingeteilt in solche, die haben, und solche, die nichts haben“, hat Mankell einmal gesagt. Stefan gehört zu denen, die haben. Er ist 17 und wirkt wie 22. Sein Vater besitzt mehrere Autowaschanlagen. Man merkt schnell: Stefan ist kein junger Kurt Wallander. Fast könnte man ihn einen Anti-Wallander nennen. Denn ganz anders als später der melancholisch-menschliche Kommissar aus Mankells Krimi-Reihe ist er ein Sonnyboy und herzloser Unsympath. Dazu ein Rassist mit ausgeprägtem Überlegenheitsgefühl. Als er mit dem schwarzen Mädchen Yene Sex hat – schnellen, ungeschützten, Aids existiert noch nicht –, fühlt er sich zwar vorübergehend unsicher. Doch das kompensiert er mit groben Beschimpfungen.

Ahnungslose Schweden

Elisabeth hingegen ist die Sensible, die Aufgeschlossene. Sie kommt aus kleinen Verhältnissen und lässt sich von dem fremden Land und den Menschen, denen sie dort begegnet, berühren. Eines Nachmittags entdeckt sie ein Bild im Sand: ein Frauengesicht, das die Form Afrikas hat. Darunter hat der einheimische Künstler in den Sand geschrieben: „Die Zukunft ist ein sozialistisches Afrika.“ Elisabeth findet das Kunstwerk wunderschön.

Sie verkörpert den Teil der jungen Generation, der offen dafür ist, die Rolle der Weißen zu hinterfragen. Allerdings benötigt sie dazu Sven, Lehrer und Tourist, der ihr die Geschichte der ehemaligen britischen Kolonie nahebringt. Vorher wusste sie kaum, was Kolonialismus überhaupt ist.

Gab es im Schweden der 68er wirklich politisch so ahnungslose junge Frauen? Überzeichnet wirkt auch Stefan, beispielsweise wenn er erklärt, die Engländer seien gebraucht worden, „um die Paviane unter Kontrolle zu bringen“. Elisabeth, Stefan und Sven hat der Autor, damals in der Studentenbewegung aktiv, vermutlich vor allem erschaffen, um durch sie über die Nachwirkungen des Kolonialismus aufzuklären. Teilweise übernimmt er auch selbst die Rolle des Erklärers und Aufklärers. Die politische Absicht tritt deutlicher hervor als später in den Kriminalromanen. Trotzdem zeigt sich bereits Henning Mankells Gespür für das Innenleben seiner Figuren. Und ein Gefühl für Afrika.

Seine Beschreibungen des Lebens in dem afrikanischen Land bestechen immer wieder durch überraschende kleine Beobachtungen. So gibt es mitten im Gewirr der Behausungen Straßennamen wie Westminster Street oder London Avenue. Und mitten im Elend einer dieser Hütten leuchten weiße Kleider „wie Fahnen der Hoffnung“. Mankell war dort, er hat mit eigenen Augen gesehen. Das macht dieses schmale, bescheiden wirkende Buch lesenswert und bringt den 2015 gestorbenen Autor auf andere Weise nah als seine Bestseller.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare