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Der Lehrer provoziert

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Von: Arno Widmann

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Weise lächelnde Gottheit: eine zeitgenössische Buddha-Statue.
Weise lächelnde Gottheit: eine zeitgenössische Buddha-Statue. © rtr

"Jingde chuandeng lu": Huangbo zeigt, was eine Harke ist, und die Frau ist wieder mal das Fleisch

Der deutsche Titel dieser Abhandlung aus dem 11. Jahrhundert lautet: „Aufzeichnungen von der Übertragung der Leuchte aus der Ära Jingde“. Das umfangreiche Werk, von dem die Übersetzung nur Teile bietet, schildert, wie die wahre Lehre vom ersten Buddha des derzeitigen Weltzeitalters weitergegeben wurde bis zum Meister Congshen aus Zhaozhou. Also bis in die Gegenwart des Autors der Schrift.

Es soll gezeigt werden, dass die Chan-Schule des Buddhismus die getreue und legitime Fortführung der ursprünglichen Lehre ist. Vor den Buddhas unseres Weltzeitalters werden auch ein paar des vorangehenden vorgestellt. Die Lehre ist älter als die Welt, in der wir leben.

Jeder Meister hat einen Vorgänger, von dem er lernt und einen Nachfolger, den er lehrt. Alle werden vorgestellt. Jeder der fast 1000 Meister hat einen Spruch – wie jeder Konfirmand einen Konfirmationsspruch – und viele werden in Dialogen mit ihren Schülern gezeigt.

Der chinesische Buddhismus, das will diese Sammlung zeigen, ist die getreue Fortsetzung des indischen. Die Gespräche aber sprechen eine andere Sprache. Es sind die für den Zenbuddhismus typischen Dialoge. Oft besteht die Belehrung darin, dass es keine gibt. Der Lehrer provoziert den Schüler. So lernt der Schüler sich kennen.

Leser und Zuhörer werden nicht überzeugt. Sie erfahren die Buddhanatur. Die Meister sind listig und hinterlistig. Zum Beispiel so:

„Huangbo ging eines Tages zur gemeinsamen Arbeit, in der Hand eine Harke. Linji ging hinter ihm her. Huangbo dreht sich um und sah, dass Linji leere Hände hatte, da fragte er: ‚Wo ist denn deine Harke?“ Linji antwortete: ‚Die hat schon jemand weggenommen.“ Huangbo sagte: Komm mal näher, ich muss was mit dir besprechen.‘ Linji kam mit gekreuzten Händen näher. Als Huangbo näher kam, hob er die Harke und sagte: ‚Schau mal her, auf der ganzen Welt gibt es niemanden, der meine Harke aufheben kann. Oder gibt es vielleicht jemanden, der versuchen will, meine Harke aufzuheben?‘ Linji streckte blitzschnell seine Hand aus, ergriff die Harke, hielt sie empor und sagte: ‚Wie kommt es dann, dass sie nun in meiner Hand ist?‘ Huangbo sagte: ‚Heute sind genug Leute da, da brauche ich nicht mitzuarbeiten.‘ Und ging zum Tempel zurück.“

Der Übergang von Indien nach China wird auf den Tag genau bestimmt. Es stimmt nur nichts davon. Denn Bodhidharma, der den indischen König – um 500 – bekehrte, überzeugt auch den chinesischen Kaiser. Er überzeugt ihn allerdings bereits mit den erst viel später entwickelten Weisheiten des Zenbuddhismus. Es lohnt sich aber vielleicht, die Ansichten des indischen Königs, offenbar eines Vertreters der indischen Skepsis, zu referieren.

„Unsere Vorfahren folgten alle dem Weg der Buddhisten, aber durch diese verqueren Ansichten vermochten sie nicht ewig zu leben, und sie waren wie alle den Unwägbarkeiten des Schicksals ausgesetzt. Außerdem, wenn ich selbst wirklich schon ein Buddha wäre, wozu sollte ich dann noch etwas außerhalb von mir suchen? Gut und Böse sind durch die Gesetze der karmischen Vergeltung bestimmt, und dass man diese erkennen müsste, das ist doch alles Humbug und ausgedachte Geschichten, daher sollen nun im ganzen Lande die Mönche und Ehrwürdigen, die von den vorigen Königen Ehren empfangen haben, alle ihrer Ämter enthoben und davongejagt werden.“

Der kurze Besuch der Nonne

Auf Seite 52 hat übrigens die Nonne Zongchi einen kurzen Auftritt in der Männerwelt der Mönche. Auch er sei zitiert:

„Nachdem neun Jahre vergangen waren, wünschte Bodhidharma nach Westen zurückzukehren in sein indisches Heimatland, und er sprach folgendermaßen zu seinen Jüngern: ‚Der Zeitpunkt für meine Heimkehr ist gekommen. Jeder von euch zeige mir, was er erreicht hat.‘ Einer der Jünger namens Daofu antwortete: ‚So wie ich es sehe, so kann es nicht durch Schriftzeichen, aber auch nicht ohne Schriftzeichen erlangt werden. Dies ist das Wirken des Dao.‘ Bodhidharma sagte: ‚Du hast meine Haut erlangt.‘ Eine Nonne namens Zongchi sagte: ‚So wie ich es verstehe, ist es wie ein Blick, den Ananda in das Reich des Buddha Aksobhya tat, ein einziger Blick, der nicht wiederholt werden kann.‘ Bodhidharma sagte: ‚Du hast mein Fleisch erlangt.‘ Daoyu sagte nun: ‚Die vier Elemente sind alle leer, und auch die Fünf Skandhas existieren nicht. So wie ich es sehe, gibt es kein Dharma, das zu erreichen wäre.‘ Nun sagte Bodhidharma: ‚Du hast meine Knochen erlangt.‘ Als letzter machte Huike die traditionelle Verbeugung und blieb einfach auf seinem Platz stehen. Bodhidharma sagte: ‚Du hast mein Mark erlangt.‘ Während er auf Huike zurückblickte, sagte Bodhidharma: ‚Vor langer Zeit übergab der Tathagata das Wahre Auge des Dharma an Mahakasyapa. Seitdem ist es in ununterbrochener Reihe weitergegeben worden und gelangte schließlich zu mir. Heute gebe ich es an dich weiter.‘“

Leider finde ich im Kommentar nichts über Zongchi. Insgesamt treten, soweit ich sehe, fünf Frauen in dem Buch auf. Zwei von ihnen waren berühmt für ihre Debattierkunst. Wie man an Huike sieht, ging es offensichtlich darum. Der Übergang des Buddhismus von Indien nach China fand sprachlos statt.

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