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Chico Buarque.

Brasilien

Legenden um Chico Buarque

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Die grünen Augen sind blau: Vielerlei Legenden ranken sich um den Liedermacher und Erzähler Chico Buarque - bis hinein in die Literatur.

Die Wege der Legenden sind unerfindlich, und wie sehr unberechenbar sie sind, zeigt in dieser Woche, es ist die der Buchmesse, es sind die sechs Tage, in denen sie der brasilianischen Literatur ein Obdach gibt, die junge Renate, 34, aus Rio de Janeiro, der Rua do Careto dort. Rafael Cardoso hat ihre Geschichte aufgeschrieben, die Geschichte einer Sehnsucht, einer Frau, die sich hingibt. Der Fischer Verlag hat sie veröffentlicht, auch das ist nicht unwichtig.

Als Renata aufsteht vom Caféhaustischchen, „stellte sie fest, dass ein Paar hübscher, grüner Augen ihre Aufmerksamkeit zu erregen suchte.“ Eine Formulierung wie vom Bilderbuchstrand, auch wenn man umblättert auf die nächste Seite bleibt der Poesiealbumeindruck manifest: „Die Augen gehörten zu einem gutaussehenden jungen Mann, der sie unverhohlen anstarrte.“

Renata, das geht nicht ihr allein so, das empfindet auch die Erzählerinstanz so, glaubt „Chico Buarque als jungen Mann vor sich zu haben“, und dazu ist einiges zu sagen, Stichwort: A Banda. Bei uns machte man aus Buarques Ohrwurm den Schlager „Zwei Apfelsinen im Haar.“

Verfolger und Verfolgte

1944 kam Chico Buarque zur Welt als Sohn des berühmten Sérgio Buarque de Holanda (siehe Artikel oben), 1966 veröffentlichte der 22-Jährige ein Liederbuch, auch erschien seine erste Erzählung. Chico wurde ein berühmter Liedermacher, und seine Popularität war ein gewisser Schutz, als er 1970 aus dem Exil nach Brasilien zurückkehrte und von den Militärs zum öffentlichen Feind des Regimes erklärt wurde.

Seit Jahrzehnten ist Buarque kein Unbekannter, 1994 veröffentlichte der Hanser Verlag seine bitterböse Parabel „Der Gejagte“, einen Roman, in dem der Gewalt nicht zu entrinnen ist. Zu Militärdiktaturzeiten nutzte der Liedermacher subversive Sprachspiele, um keinen Unterschied zwischen Polizist und Verbrecher zu machen; grotesk lösten sich in „Der Gejagte“ die Unterschiede auf, der Gejagte wurde zum Jäger, der Jäger zum Verfolgten. Brasilien, ein Land der Getriebenen.

Davon erzählt auch „Vergossene Milch“, der Roman über einen Hundertjährigen, der Rückblick auf die „Wurzeln Brasiliens“; er wurde, wie schon Cardosos Erzählungen, ebenfalls veröffentlicht im Fischer Verlag, so fügen sich die Dinge. Es fügt sich der Glaube einer Figur, unserer Renata aus Rio, mit ihrem Verfolger einen jungen Mann vor sich zu haben, der an Chico Buarque erinnert, schon wegen der grünen Augen.

Dass Chico Buarque, wie das Foto auf dieser Seite zeigt, blaue hat, beweist, dass literarische Figuren irren können, irren dürfen, denn in der Literatur fügen sich die Dinge anders als im richtigen Leben, und schon deshalb wollen wir Cardosos 16 Frauenporträts an dieser Stelle nicht rezensieren, wohl aber auf das Buch, trotz einiger Poesiealbumstellen, aufmerksam machen wie ja auch auf Buarques Roman „Vergossene Milch“. Denn darin ist Brasilien kein Bilderbuchland.

Zum Roman passt, dass Buarque, angesprochen auf die jüngsten Zusammenstöße zwischen Demonstranten und der Polizei, meinte: „Die Polizei war immer brutal, nicht erst seit der Militärdiktatur, wie manche glauben, das kommt von weit her, aus den Tiefen der Sklavenhaltergesellschaft.“ Was diese „Wurzeln Brasiliens“ betrifft, handelt es sich um das Gegenteil des „herzlichen Menschen“, von dem Vater Buarque sprach.

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