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Die Legende vom schwierigen Künstler

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Thomas Bernhard als 45-Jähriger, aufgenommen 1976.
Thomas Bernhard als 45-Jähriger, aufgenommen 1976. © dpa

Noch einer: Schriftsteller Alexander Schimmelbusch hebt Thomas Bernhard in seinem neuen Roman aufs allzu vertraute Heldenpodest.

Von Christoph Schröder

Nach Timur Vermes, der mit seinem Kolportage-Knaller „Er ist wieder da“ Bestsellerhöhen erklomm, holt Alexander Schimmelbusch, immerhin im Jahr 2009 für seinen Debütroman „Blut im Wasser“ mit dem Preis der unabhängigen Verlage ausgezeichnet, den nächsten österreichischen Untoten aus dem Grab: Erst Adolf Hitler bei Vermes, nun Thomas Bernhard bei Schimmelbusch.

Die Lancierung des Romans haben der in Frankfurt am Main geborene Österreicher Schimmelbusch und sein hipper Metrolit Verlag geschickt inszeniert: Am heutigen 12. Februar ist Thomas Bernhard 25 Jahre tot. Der Roman tut so, als sei dieser Tod genau das gewesen, was Bernhard ohnehin in vollendeter Perfektion beherrscht hat – ein geschicktes Vernebelungs- und Täuschungsmanöver.

Nun ist Bernhard spätestens seit seinem Ableben im Februar 1989 eine Schreibvorlage für zahlreiche ihm nachfolgende Autoren geworden; die Wettlesungen um den Ingeborg-Bachmann-Preis in den neunziger Jahren quollen über von Bernhard-Epigonen. Man kann es aber ebenso anders ausdrücken: Auch in seiner stilistischen Selbstdarstellung war Bernhard so präsent, dass jeder Autor, der es nach ihm wagte, sich der Hypotaxe zu bedienen, automatisch in die Reihe der Nachahmer einsortiert wurde. Auch Schimmelbusch schreibt hypotaktisch; allerdings geht es ihm weder um eine Imitation noch um eine Parodie.

Die Ausgangssituation von „Die Murau Identität“ ist folgende: Bernhard wurde von seinem Leiden in New York geheilt und zog sich anschließend nach Mallorca zurück, wo er unerkannt mit seiner attraktiven Ehefrau Esmeralda einen Sohn, Esteban, mittlerweile Banker in New York, zeugte und an dem autobiografischen Roman „Ànima Negra“ arbeitete. Sein Verleger, der nicht namentlich genannt wird, wusste über all das Bescheid und macht das, was er immer getan hat: seinen Autor mit Geld zuschütten. Die Aufzeichnungen seiner Begegnungen mit Bernhard, das ist die zweite Erzählebene, werden einem heruntergekommenen Schriftsteller und Journalisten zugespielt, der überkoketterweise Alex Schimmelbusch heißt und sich auf die Spuren des alten Meisters begibt.

Satire, aber auch Abrechnung

Eine Satire, versteht sich, aber ein zumeist oberflächliches Spiel mit Namen, Motiven, Versatzstücken aus dem Bernhard-Kosmos – wenn die vierte Römerquelle getrunken und zum fünften Mal sich einer aus dem Ohrensessel erhebt, haben wir es verstanden.

Aber auch (und in zunehmendem Maße) eine Abrechnung mit den selbst ernannten Hütern des Bernhard-Grals und deren auf Allgemeingültigkeit pochenden Auslegungen, für den Erzähler bloß wiederum eine „müde Suada vom Übertreibungskünstler, vom Theatermacher, Weltverbesserer und Geschichtenzerstörer, von irgendwelchen Begriffen also, die Bernhard irgendwann einmal so dahergesagt und dahingeschrieben hatte.“

Das Problem ist nur, eines von mehreren Problemen dieses Romans, dass Schimmelbusch den Fertigteilbegriffen (die der Erzähler Schimmelbusch in diversen Tageszeitungen in Artikeln zum 25. Todestag auf dem Flug zu Bernhards Sohn nach New York liest) nichts von Substanz entgegenzusetzen hat. Anstatt der Spur nachzugehen, ob nicht die Bernhard’schen Selbstinszenierungskünste in Bezug auf seine Biografie weit weniger ausgedehnt waren als die in Bezug auf sein Werk, verstärkt „Die Murau Identität“ lediglich die nicht hinterfragte Legende vom schwierigen Menschen (geldgeil, egomanisch, leicht reizbar), aber großen Künstler. Eine Heldenverehrung also, eine weitere.

Dass Schimmelbusch die sprachlichen Mittel zu einer scharfen Satire hat, beweisen die lustigsten Passagen des Romans; jene, in denen der Bernhard-Antagonist Peter Handke und dessen Jugoslawien-Ursprungsmytholgie ihr Fett abbekommen. Auch die Aufzeichnungen des manisch schwimmenden und auf junge Dinger scharfen Bernhard-Verlegers sind, abgesehen von der Küchenpsychologie in Bezug auf den darin angedeuteten Vater-Sohn-Konflikt, durchaus amüsant.

Vollends gescheitert dagegen sind die Gegenwartspassagen, in denen der Ich-Erzähler sich als ebenso abgekochtes wie abgebranntes, mit den Gesten und Ritualen einer intellektuellen Haute-Volée vertrautes Papasöhnchen inszeniert. Das ist, wie überhaupt das gesamte Bernhard-Aficionadotum, nicht nur echt Nineties, sondern in diesem Fall noch nicht einmal als Parodie erkennbar. Darauf eine Römerquelle.

Alexander Schimmelbusch: Die Murau Identität. Roman. Metrolit Verlag, Berlin 2014. 208 Seiten, 18 Euro.

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