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Das leere Glas ist der Tod

  • VonChristoph Schröder
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Schwitzensaufenbumsen: Pierre Mérot seziert die Gesellschaft mit den Augen eines Zynikers

Der Onkel taugt nichts. Ein in jeder Hinsicht gescheiterter Säufer, der eine kaputte Ehe mit einer Polin, eine fragwürdige Berufslaufbahn hinter sich und eine triste Zukunft in einem 30-Quadratmeter-Loch vor sich hat. Depressionen hat er auch noch, aber die haben sie alle in dieser Welt, dazu einen Psychiater, der aber auch nicht mehr viel auszurichten vermag. Von seiner gutbürgerlichen Familie ist er geächtet und verstoßen worden, aber etwas ist ihm doch noch geblieben: die Fähigkeit zu beobachten.

Nach einer stringenten Handlung, einer geradlinigen Chronologie sucht man vergeblich in diesem Roman. Vielmehr ist Säugetiere ein lose Aneinanderreihung von Erinnerungen und Reflexionen, Thesen und Aphorismen, die hier freilich in Form von Axiomen daherkommen, erzeugt von einem sich im Zustand der Resignation befindlichen Aussteiger.

In drei große Abschnitten - die sich, mit wechselseitigen Durchdringungen, unter den Themenbereichen "Alkohol", "Arbeit" und "Sex" einordnen lassen - bekommen wir die Menschheit als eine durch und durch unappetitliche Horde von saufenden, schwitzenden, bumsenden, schlecht riechenden, größtenteils saudummen Tieren vorgeführt.

Das ist nicht unbedingt substantiell, ebenso wenig wie der abendliche Barmonolog eines Säufers. Aber so, wie Pierre Mérot es aus seinem maroden Protagonisten heraus lässt (der seine hellsichtigen Momente hat), ist es zumindest amüsant. Der Alkohol also: "Man darf nie aufhören zu trinken. Das leere Glas ist der Tod." Oder die Liebe (mit der Ehe als Steigerung), ein einziger "emotioneller Selbstmordversuch". Und die Arbeit: "Jeder gewöhnt sich letztlich an die Hölle. Der wahre Unterschied besteht zwischen denen, die sich daran gewöhnt haben und sie akzeptieren, und jenen, die sich daran gewöhnt haben, sie aber nicht akzeptieren."

Selbstverständlich steckt hinter all dem die tiefe Sehnsucht des Enttäuschten; eines Menschen, der lieber am Alkohol zugrunde geht als aus einem Mangel an Liebe (an dem er zudem noch zugrunde geht). Der Onkel, wie er im gesamten Text nur genannt wird, taugt also nichts. Das weiß er, und das gefällt ihm. Und sämtliche Zuschreibungen dieser Art, die automatisch auf einen Menschen wie ihn angewendet werden, hat er als Erzähler einkalkuliert, um ihnen in perspektivischen Wendungen den Boden zu entziehen.

Denn die Konfrontation mit der scheinbar normalen Welt zeigt, dass die anderen nicht weniger gestört, nicht weniger verkorkst sind, man sieht es nur nicht: Die stärkste Passage des Romans erzählt vom zwischenzeitlichen Wiedereinzug des Onkels in die elterliche Wohnung, nachdem die erste Beziehung gescheitert ist. Der erdrückenden Fürsorge der Mutter, der "Säugerin", kann er sich nur erwehren, indem er auf einer Zechtour eine Automatenknackerin aufliest und im Badezimmer anal penetriert, während in der Küche das Sonntagsessen zubereitet wird.

Neu ist das alles nicht, diese Anti-Utopien zum bürgerlichen Leben, die zynischen Weltbetrachtungen des Außenseiters, schon gar nicht die kulturpessimistische Erkenntnis, dass die zwischen Arbeits- und Schlafplatz pendelnde Masse immer dumpf ist, sei sie nun medial aufgeklärt oder nicht. So ist der saufende Onkel, Bukowski nicht mehr als ein scharfsinniger Narr, der im großen System auf nichts anderes verweist als auf sich selbst. Und trotz der direkten Leseransprache, die die Allgemeingültigkeit des Onkel'schen Weltbildes suggerieren soll; trotz der apokalyptischen Schlussprophezeiung, dass die Explosion nah sei - den großen (größenwahnsinnigen), über den gesellschaftlich-visionären Anspruch eines Houellebecq - mit dem er natürlich verglichen wurde - verfügt Pierre Mérot nicht.

Einen Ausweg, eine Vision, gar eine genetische Verbesserung oder moralische Läuterung der grunzenden Spezies Mensch hat er nicht zu bieten. Stattdessen präsentiert uns Säugetiere nicht uncharmant eine jener Stimmen, denen wir sonst noch nicht einmal nachts um halb vier in einer üblen Spelunke zuhören wollen: "Sie wünschen sich zwar Zärtlichkeit, aber Hass ist auch nicht schlecht."

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