Comic „Chew – Bulle mit Biss“

Leckerschmecker in Galle-Grün

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Der Comic zum Nahrungsmittelskandal: In „Chew – Bulle mit Biss“ verfügt der Polizist Tony Chu über die Gabe der "Cibopathie". Sobald er etwas isst, hat er genaue Vorstellungen davon, woher die Speise kommt. Igitt! Selten hat der Ekel eine komischere Form gefunden.

Diesen Comic eine Delikatesse zu nennen, ist durchaus nahe liegend. Denn „Chew – Bulle mit Biss“ handelt eigentlich nur von einem Thema: unseren Essgewohnheiten. Um sie ist es bekanntlich nicht sonderlich gut bestellt. Während ein Teil der Menschheit verhungert, stopft der andere bedenkenlos jeden Mist in sich hinein. Das ist allgemein bekannt, wird aber gerne verdrängt. Unsere Empörung hält sich vorsorglich in Grenzen. Geschrei gibt es nur, wenn es richtig eklig wird.

Der Polizist Tony Chu lebt in einer allzu nahen Gegenwart, in der das Essen vollends verdorben ist. Nach einer weltweit grassierenden Vogelgrippe mit Millionen von Todesopfern herrscht in den USA die Geflügelprohibition. Der Schwarzmarkt floriert, Gangster schmuggeln Hühnerfleisch. Chu und sein Partner observieren ein verdächtiges Lokal. Doch als der brandgefährliche Geflügelschmuggler D-Bear den Laden betritt und die beiden Beamten ihn festnehmen wollen, stellt sich FDA-Agent Mason Savoy in den Weg. Ein kulinarisches Abenteuer beginnt...

In „Chew – Bulle mit Biss“ verbinden der Szenarist John Layman und der Zeichner Rob Guillory sehr verschiedene Genres zu einem vergnüglichen Potpourri. Der Comic ist Detektiv- und Vampirgeschichte, Polit- und Ökothriller, Satire und Appell gleichermaßen. Für diesen unkonventionellen, ja frivolen Mix wollte sich lange Zeit keinen Verlag interessieren. Dann aber gewannen die beiden Amerikaner mit dem Eisner und dem Harvey Award als „Beste neue Comic-Serie 2010“ gleich zwei der wichtigsten Preise in der Branche.

Nur Rote Beete lässt ihm Ruhe

Tony Chu verfügt über eine besondere telepathische Begabung, auch „Cibopathie“ genannt: Alles was er in den Mund nimmt und schmeckt, löst bei ihm eine genaue Vorstellung darüber aus, was mit dieser Speise geschehen ist, woher sie kommt und wer sie wie behandelt hat. Doch sobald er einen Bissen tut, sieht Chu immer nur wieder geschundene Kreaturen. Die Menschen haben jeden Respekt für ihre Lebensmittel, für ihre Tier- und Pflanzenwelt verloren. Allein Rote Beete löst bei dem Cibopathen keine Visionen aus. Dann hat er endlich Ruhe.

Die FDA, die übermächtige Lebensmittelaufsicht, möchte sich das Talent Chus zunutze machen. Denn er sieht nicht nur beim Restaurantbesuch, ob der Koch in den Topf hineinrotzte, sondern kann dem Blut eines Mordopfers auch ein genaues Täterprofil abgewinnen. Und so wird aus dem strikten Vegetarier ein vampiresker Ermittler, der im Dienste des Allgemeinwohls jeden Ekel überwindet, sei es angesichts einer unscheinbaren Hühnersuppe, eines betagten Hamburgers von McBeefy’s oder eines verwesenden Fingers.

John Layman und Rob Guillory sparen in ihrem Comic nicht mit eklig-drastischen Details. Guillorys Zeichnungen hüllen unsere Welt in ein schimmeliges, braungesprenkeltes, giftgalliges Grün. Ob Kadaver oder Sushi – Fleisch müffelt und suppt vor sich hin, schimmert in rötlichen Blutspuren oder ist in leichenkaltes Blaugrau getaucht. Die Menschheit (ver-)west in beispielloser Geschmacklosigkeit, sie ernährt sich von Tod und Krankheit: Dieser, nun ja, kulturkritische Hintergrund bleibt in all den grotesken Wirrnissen, die „Chew“ sonst noch bietet, stets präsent.

Wahrheit tut weh

Doch inmitten dieser kulinarischen Ödnis geschieht auch ein Wunder. Chu lernt das bezauberndste Wesen kennen, das sich ein Mensch mit seinen Talenten nur vorstellen kann: Die Restaurantkritikerin Amelia Mintz, deren große Begabung darin besteht, bei der Beschreibung des Essens so emphatische Worte zu finden, dass ihre Leser genau schmecken, was ihr unbestechlicher Geschmack zuvor erkundet hat. Weil aber das Essen nur noch unappetitlicher, lieblos zusammengestoppelter Schrott ist, führen Mintz’ Artikel massenhaft zur schwallartigen Entleerung der Mägen ihrer Leserschaft und damit zu einer Gefahr für die öffentliche Ordnung.

Wahrheit tut weh: Selten wurde ein eindringlicheres Bild für den Traum von der unwiderstehlichen Macht des Wortes gefunden. Selten hat der Ekel eine komischere Form gefunden. Auch den galligsten Witz erspart uns der Comic nicht: Die als Vogelgrippe annoncierte Heimsuchung der Menschheit ist keine vorübergehende Krankheit, sondern das Symptom unserer hypertrophen Essgewohnheiten: unseres tagtäglichen Nahrungsmittelskandals.

John Layman, Rob Guillory: Chew – Bulle mit Biss. 1. Leichenschmaus, Cross Cult Verlag, Ludwigsburg 2010, 140 Seiten, 16,80 Euro.

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