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Zwischen zwei Welten, zwischen zwei Sprachen muss man sich eigene Worte erfinden: die in Persien geborene Schriftstellerin Shirin Kumm.
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Zwischen zwei Welten, zwischen zwei Sprachen muss man sich eigene Worte erfinden: die in Persien geborene Schriftstellerin Shirin Kumm.

Lebenserhaltende Sehnsucht

Autorin zwischen Deutschland und Iran: Shirin Kumm

Von Susanne Broos

Das deutsche Verb "träumen" war ihr einfach zu schwach. "Was ich sagen wollte, ist mehr als Traum und träumen. Es ist ein Zustand, in dem man die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verliert", sagt Shirin Kumm. Um diesen Zustand und zugleich die Sehnsucht danach auszudrücken, erfand die Schriftstellerin das Wort "Royadesara". Ein Wort, das im Grunde die ganze Lebensgeschichte seiner Erfinderin enthält und nun den Titel eines Buches abgibt.

Roya ist der persische Ausdruck für Traum: Shirin Kumm wurde in Teheran geboren, wo sie auch aufgewachsen ist. Desara leitet sich vom englischen Begriff desire ab - in England hat die gebürtige Iranerin während ihres Studiums der Bankwissenschaften gelebt.

Das deutsche (Kunst)wort Royadesara (das dazu gehörige Verb heißt übrigens royadesieren) wiederum spielt die Hauptrolle in dem gleichnamigen Debütroman von Shirin Kumm - in Deutschland, genauer in Frankfurt, lebt die Autorin seit Mitte der achtziger Jahre. Das Leben habe sie hierher gebracht. Und Deutsch wurde ihre zweite Sprache. "Ich lebe, liebe, hasse und schimpfe in dieser Sprache", sagt Kumm. In ihr zu schreiben war ihr Spaß und Herausforderung in einem.

Geschrieben hat sie schon immer, in ihrer Muttersprache, in englisch und schließlich auf deutsch. Entweder notierte sie Gedanken und Beobachtungen oder sie schrieb Kurzgeschichten und Gedichte. Aber dann war eines Tages der erste Satz eines Romans in ihrem Kopf.

Mit "Maria sagt, die Welt sei ein gigantisches Irrenhaus", hat es angefangen, im Laufe eines Jahres hat der Roman Gestalt angenommen. Gleichsam über Nacht, denn "dieses Buch ist meistens nachts entstanden". Getragen von einer Art Euphorie, die nichts anderes zuließ, als bei jeder neuen Idee aufzustehen, den Computer anzuschalten und zu schreiben.

Royadesara ist nicht das erste Wort, das Kumm erfunden hat. "Ebenwürdig" (statt ebenbürtig) ist ein anderes, das in dem Buch auftaucht. "Meine Freunde kennen das schon", sagt die Autorin, für die Wörter erfinden auch "ein bisschen ein Spiel" ist. Jedoch nicht nur.

Ihr (mitunter etwas eigenwilliger) Umgang mit der deutschen Sprache zeige die Gedankengänge, die sie habe. Und die seien eben nicht zu hundert Prozent wie die deutsche Sprache (die in der Schule gelehrt werde). "Meine Gedankengänge sind anders", sagt Kumm, "ich habe eine persische und eine deutsche Denke".

Dass dies oft problematisch für sie ist, davon erzählt auch ihr Roman. "Sehr vieles an der Ich-Erzählerin hat mit mir zu tun", sagt die Autorin. Zwei Sprachen, zwei Kulturen, ein gespaltenes Ich und zwei Männer. Die Männergeschichten allerdings waren für Shirin Kumm nur ein literarisches Vehikel, "um auszudrücken, was ich sagen wollte" - eine "Verwirrung", wie es im Untertitel heißt.

Eine Verwirrung, die auch aus der Schwierigkeit herrührt, sich zu verorten. Letztlich finde man sich nirgendwo zuhause, sagt die gebürtige Iranerin, deren Leben sich zwischen den Polen Sehnsucht (immer nach dem jeweils anderen Land, in dem sie gerade nicht ist) und Enttäuschung (dass es dort dann nicht so ist wie ersehnt) aufspannt. Doch empfindet Shirin Kumm es auch als Privileg, zwischen zwei Kulturen zu leben. "Die Sehnsucht ist etwas, was einen am Leben hält", sagt die Autorin, die ihre Erfahrungen durchaus als typisch für Migrantinnen ansieht.

Die Wahl-Frankfurterin weiß, wovon sie redet. Fünf Jahre lang leitete sie für den Verein Berami eine Literaturwerkstatt für Migrantinnen, vor drei Jahren hat sie zusätzlich einen Literaturclub für Migrantinnen gegründet, der auch deutschen Frauen offensteht.

Zur Zeit arbeiten die zwölf Club-Mitglieder an einer Anthologie zum Thema "Fremdheit. Fremdsein", wobei das Thema, so Kumm, durchaus weit aufzufassen sei. Ein Ansatz, der ihr wichtig ist. "Ich möchte frei von Grenzen, Zwängen, Farben und Schattierungen schreiben und bin bereit, mich der literarischen Kritik auszusetzen", hat Shirin Kumm einmal gesagt, die nicht als Repräsentantin "ihres" Landes gesehen werden möchte. Und auf einen "Migrantinnenbonus" gut verzichten kann.

• Shirin Kumm: Royadesara. Eine Verwirrung. Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, 123 Seiten, 15,50 Euro. Der Literaturclub für Migrantinnen trifft sich jeweils am zweiten Mittwoch eines Monats von 16.30 bis 19 Uhr in der Denkbar, Schillerstraße. Nächster Termin ist der 14. Mai.

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