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Lebens-Umwege

  • VonHans-Jürgen Linke
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Hans-Josef Irmens Biografie zu Joseph Haydn

Tonkünstler? Also so etwas wie ein Töpfer? Die Zollbeamten an der österreichischen Grenze im Jahre 1794 wussten nicht recht, was sie von Joseph Haydn halten sollten, aber der hatte kein Problem, die Frage zu bejahen und, auf seinen Privatsekretär Johann Elßler deutend, hinzuzufügen: "Und dieser, der neben mir im Wagen sitzt, ist mein Geselle."

Hans-Josef Irmen zitiert diese Anekdote als Beleg dafür, dass Haydn sich vom Selbstbewusstsein eines Handwerkers nie allzu weit entfernt hat, auch wenn er von seinem Rang als Komponist und Künstler schon eine recht genaue Vorstellung hatte und ein relevanter Teil seines Schaffens als Begleitmusik des Sturm und Drang gelten kann.

Haydn stammte aus einer niederösterreichischen Wagner-Familie und stellte sich noch während seiner ersten England-Reise die englischen Staatsschulden als eine riesige Fuhre Silbermünzen vor, bei der "die Wägen dicht aneinander von London bis Yorck als 200 Meyl sich erstrecken würden, ungeachtet man nicht mehr auf jeden Wagen als 6000 Pfund legen könte."

Irmen widmet sich in seiner Haydn-Biografie dem Handwerker-Motiv nicht nur, um einen Anhaltspunkt für die sympathische und aus heutiger Sicht völlig berufsuntypische Bescheidenheit Haydns zu haben, sondern um zu demonstrieren, aus was für einer Welt er aufgebrochen war und was für einen weiten Weg er hinter sich brachte bis in die Gipfelwelt eines Jahrhunderte überdauernden Komponisten-Ruhms. Rechtzeitig bevor im Jahre 2009, wenn der Todestag Haydns sich zum 200. Male jährt, der Musikbetrieb (der eher ohne zeitgenössische Musik als ohne dezimale Jubiläen existieren könnte)ein Haydn-Jahr ausruft, hat Irmen das Buch fertig gestellt.

Es sollte ihm einige Beachtung einbringen. Irmen erfüllt keine Pflichtaufgabe. Ohne Pathos, aber mit viel Empathie, mit klarem Blick für die sich leicht vernebelnde Welt der historischen Tatsachen, auf der Basis eines großen Wissensstandes und einer kritischen Art der Abwägung schreitet er in klassischem Tempo durch Haydns Leben. Er findet neben den Spuren des alten Handwerker-Geistes Topoi des höfischen und religiösen Lebens und Wegmarken der österreichischen Geschichte in der umwegige Karriere Haydns, lässt Blicke auf persönliche Opfer und Triumphe zu und entfaltet aus mittlerer Distanz einen anschaulichen Kontext der österreichischen Musik-Szene im 18. Jahrhundert.

Blick auf den Stand der Dinge

Irmen beherrscht und überblickt das Material, und er weiß es erzählerisch einzubinden and anzuwenden. Immer wieder gestattet er sich Seitenblicke in die umfangreiche Literatur zum Thema, referiert den aktuellen Stand der Dinge und gerät nie dabei in Gefahr, seinen Gegenstand aus dem Blick zu verlieren.

So schafft er es, zugleich eine Biografie zu schreiben wie eine kritische Sichtung anderer Biografien; den zeitgenössischen Musikbetrieb kenntnisreich zu charakterisieren und kundige Beiträge zum Themenkreis historisch informierter Aufführungspraxis zu formulieren. Über allem schwebt die permanente selbstkritische Frage, wieviel man überhaupt heute noch über einen Menschen des 18. Jahrhunderts wissen könne.

Es ist frappierend und sorgt für erhebliches Lesevergnügen, wie leicht Irmen die enorme Materialfülle, die er geschultert hat, an Haydns Lebensweg entlangzu bewegen vermag und wie nebenher Neues zu Tage zu fördern. Für die zu erwartende Bücherfülle im nächsten Jahr hat er früh hohe Maßstäbe gesetzt.

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