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Meisterin der Zwischentöne: Tana French.

Krimi

Wie die Lebenden miteinander umgehen

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Tana Frenchs Roman „Der dunkle Garten“ erzählt von einem Verbrechen, aber vor allem von einer Familie.

Man weiß bis zuletzt nicht recht, was man von Tana Frenchs Ich-Erzähler halten soll – er selbst übrigens auch nicht. „Wieso war ich mir eigentlich so sicher“, überlegt er einmal, „was ich für ein Mensch war, was ich getan oder nicht getan haben konnte?“ Die Zweifel kommen Toby (und sie steigen und steigen im Laufe der Geschichte), nachdem er in seiner Wohnung von Einbrechern zusammengeschlagen wird. Es trifft auch seinen Kopf, er kann sich danach an bestimmte Dinge nicht mehr erinnern. Er staunt, was er alles über sich erfährt, manchmal erschrickt er auch.

Die irische Krimiautorin Tana French, Jahrgang 1973, ist eine Meisterin der psychologischen Figurenzeichnung. Gern geht sie darum ins Detail bei polizeilichen Befragungen, Verhören, simplen Gesprächen, flicht reichhaltige Zwischentöne ein, deutet an, was verschwiegen wird, deutet an, wenn gelogen wird. Und ist dabei stets nah am Leben: So reden die Leute. Es mag Leser geben, die Frenchs Ausführlichkeit gerade bei Dialogen ermüdend finden – diese Leserin lässt keine Zeile aus.

In diesem jüngsten Roman, „Der dunkle Garten“ (im Original; „The Witch Elm“), sind es vor allem die einstigen Kinderfreunde und Cousins Toby, Leon, Susanna. Der gutaussehende, sportliche, lässige Toby hat vor der schrecklichen Sache mit den Einbrechern als PR-Mann für eine angesagte Kunstgalerie gearbeitet. Leon lebt mit seinem Freund in Berlin. Susanna, blitzgescheit, tatkräftig, kümmert sich um ihre kleinen Kinder.

Diese sind es, die während eines der regelmäßigen Zusammenkünfte und Familienessen im Ivy House in der großen alten, innen hohlen Bergulme einen menschlichen Schädel finden. Kreisch! Natürlich ruft man die Polizei, natürlich wird es ungemütlich, sobald klar ist, dass der Schädel nicht ganz so alt ist wie vermutet, dass von der Spusi weitere Knochen gefunden wurden, dass automatisch unter Verdacht gerät, wer Zugang hatte zum Garten des Ivy House. Dubliner Detectives stellen Fragen, besonders einer, Rafferty, macht Toby Angst, gerade weil er völlig neutral, unpersönlich auftritt: „ein Wesen, das nur tat, wozu es da war.“

Tana Frenchs Krimis sind nie actionhaltig, und sie schreibt auch keine Polizeiromane, obwohl selbstverständlich Polizisten darin vorkommen. Erneut stehen in „Der dunkle Garten“ die Ermittler eher am Rand, während im Ivy House in unterschiedlichen Zusammensetzungen diskutiert, gestritten und an die Vergangenheit gedacht wird (und was er, entdeckt Toby, einst als cooler Teenager alles nicht mitbekommen hat!).

Unter den sich nun Erinnernden ist der bis vor kurzem einzige Bewohner des Familiensitzes, Onkel Hugo. In den Ferien wurden die Kinder gern mal bei ihm abgeladen, die fanden es auch schick, in dem zugewucherten Garten zu spielen. Hugo aber hat nun einen Hirntumor und nur noch wenige Monate zu leben – zu seiner eigenen Überraschung erklärt sich Toby bereit, zu ihm zu ziehen, um ihm zur Seite zu stehen, so lange es noch geht. Denn eigentlich kennt er sich selbst nicht als besonders hilfsbereit oder mitfühlend. Es muss daran liegen, dass er sich immer noch von seinen (Kopf-)Verletzungen erholt, dass ihn die Veränderungen, die er an sich beobachtet, die Schmerzen, die ein bisschen verwischte Sprache, mürbe machen.

So erzählt Tana French zwar auch von einem Verbrechen – der Tote im Baum wurde tatsächlich ermordet –, viel mehr aber davon, wie die Lebenden miteinander umgehen, von Bruchlinien und Empfindlichkeiten, von Zusammenhalt und Sorge. Fast könnte man es diesmal einen Familienroman nennen.

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