Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Erdung eines Kontinents

Leben und Werk eines Fischvogels

Ein Moslem in Italien: Natalie Zemon Davis erzählt von dem Mann, den sie "Leo Africanus" nannten. Von Judith von Sternburg

Der Mann aus Fes, der sich nach seiner Taufe Yuhanna al-Asad nannte, in Europa aber als Leo Africanus bekannt war, erzählte zum Beispiel folgende Geschichte: Es habe einen Vogel gegeben, der auch unter Wasser leben konnte. Bei den Vögeln blieb er, bis er dort Steuern zahlen sollte. Gleich tauchte er unter und erklärte den Fischen, er sei schließlich einer von ihnen. Als auch der Fischkönig nach einiger Zeit Steuern von ihm forderte, begab er sich flugs wieder in die Luft. Und so weiter.

Yuhanna al-Asad aber schreibt nicht, dass er sich sowohl die Quelle seines Märchens als auch das Märchen selbst ausgedacht hat (ein Europäern vertrautes Verfahren). Und er geht nicht darauf ein, dass es selbst für einen Vogel mit Kiemen anstrengend sein muss, immer wieder ganz Vogel oder ganz Fisch zu sein, ist er doch etwas anderes: ein Fischvogel.

Dabei findet sich hier schon vieles von dem, was in dem 2006 auf Englisch, jetzt auf Deutsch erschienenen Buch der soeben achtzig Jahre alt gewordenen Historikerin Natalie Zemon Davis wesentlich ist - die List eines Mannes, der zwischen die Fronten geraten ist, aber die Nerven behält; seine souveräne, geradezu gut gelaunte und unterhaltsame Art, den Balanceakt anzugehen. Davis macht darauf aufmerksam, dass Yuhanna durchaus früher als 1527 nach Afrika hätte zurückkehren können. Gerne will man mit der Autorin zusammen glauben, dass er zu neugierig war, um das zu tun.

Wie wir es gewöhnt sind, interessierten sich die Europäer auch damals mehr für originelle Tiere als für gestrandete Menschen. Davis schildert das Aufsehen, das der weiße Elefant erregte, den Papst Leo X. 1514 geschenkt bekam. Weniger Wind wurde um den nordafrikanischen Diplomaten gemacht, den er bald darauf, 1518, erhielt. Dass der Mann, der damals etwa 30 Jahre alt gewesen sein dürfte und noch al-Hasan al-Wazzan hieß, Opfer eines Piratenüberfalls geworden war, hat heute wieder seinen aktuellen Bezug (wer hätte sich das träumen lassen). Kurz vor der Eroberung Granadas durch die Spanier war er dort geboren worden, als Sohn also einer Flüchtlingsfamilie wuchs er in Nordafrika auf. Als Rechtsgelehrter und Botschafter war er in der arabischen Welt unterwegs gewesen. Als Gefangener in Rom konnte und musste er auf seine diplomatischen Fähigkeiten zweifellos zurückgreifen.

Allerdings geriet er im Verlauf seiner neun europäischen Jahre in eine verwickelte Gemengelage. Einerseits stand er unter dem Druck, Christ zu werden - nicht zuletzt, um frei zu kommen.

Die Erbarmungslosigkeit, die ihm in dieser Frage begegnete, kannte er bereits von den eigenen Leuten. Interessanter aber ist, dass er andererseits in ebenso zeittypische Kreise der Aufklärung geriet, mit hochgebildeten Christen und Juden verkehrte, an einem Wörterbuchprojekt mitarbeitete - und neben anderen Büchern sein bekanntestes vorantrieb, das "Libro de la Cosmographia et Geographia de Affrica".

Auch hier, macht Davis deutlich, zeigt er sich als Diplomat, der in Fragen der Religion zurückhaltend bleibt, jedoch eine (leider sehr individuelle) Ablehnung von Fanatismus und Sektiererei an den Tag legt. Dass dieses Lavieren in der gerade erst mühsam erlernten Fremdsprache Italienisch besonders schwierig gewesen sein muss, versteht sich. Davis gelingt es derweil, eine nie ermüdende Exegese zu betreiben, indem sie den Blick schärft für Details, ohne das Gesamtwerk aus dem Blick zu verlieren. Sie macht uns mit Übersetzungproblemen vertraut, auch begreifen wir die Kühnheit, die al-Wazzan begeht, wenn er Jesus als Sohn Gottes bezeichnet und damit ein islamisches Tabu berührt. Und bei allen Verbeugungen gegenüber den "Gastgebern" auf einem kulturellen Kräftegleichgewicht zwischen Islam und Christentum besteht, die Islamisierung mit der Zivilisierung Afrikas gleichsetzt, den bereits gängigen Rassismus gegen Schwarzafrikaner indes beiseite lässt.

Der vielgereiste Diplomat ist sich im Klaren darüber, was seine Leser interessiert (und die vielwissende Natalie Zemon Davis ist es auch), berichtet von der Schönheit der Frauen und von sexuellen Angewohnheiten, erdet aber zugleich einen Kontinent, von dem viele Europäer immer noch mit Herodot glaubten, hier bete man Krokodile an und werde von Amazonen überfallen. "Dieses fabelhafte, monströse, ewig neue Afrika wurde von Yuhanna al-Asad auf den Boden der Realität geholt, mit all seinen Städten, Dörfern, Bergen und Sandwüsten, seinen Dynastien und Stämmen, den blutigen Kriegen, den klappernden Webstühlen ?" Wenn wir einen Moment ehrlich sind, ist das allerdings ungefähr der Stand, auf dem wir uns heute noch oder wieder befinden. Kommt ein neues, gutes Afrika-Buch auf den Markt, sagen wir: Donnerwetter, das ist anders, als wir dachten. Davis, deren stupende Belesenheit wir anzapfen dürfen, ist die perfekte Führerin durch diese für uns dummerweise weiterhin fremde Welt.

Schwieriger ist es für die Autorin übrigens, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie Yuhanna schreibt. Das merkt man vor allem, als sie im "Epilog" auf seine innere Verwandtschaft mit dem tollkühnen Erzähler Rabelais eingeht, den er in Wirklichkeit knapp verpasste, aber theoretisch hätte in Rom kennenlernen können. Da hat der europäische Leser Boden unter den Füßen und kann sagen: Ach ja, ach so!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare