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Das Leben, signiert von Marie

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Marie will in der Biene die Natur besiegen.
Marie will in der Biene die Natur besiegen. © rtr

Jean-Philippe Toussaint schließt mit „Nackt“ seinen Romanzyklus ab. Ist es wirklich möglich, dass er von Marie Abschied nimmt? Und verrät er zuvor noch ihr Geheimnis?

Von Katrin Hillgruber

Was für ein herrlich überflüssiges, was für ein Luxusproblem: Die Pariser Modeschöpferin Marie Madeleine Marguerite de Montalte will ihre neueste Herbst-Winter-Schau in Tokio mit einem Honigkleid krönen. Wochenlange Vorbereitungen und zähe Verhandlungen mit Imkern, Biotronikern und Versicherungsgesellschaften erfordert der dreißig Sekunden dauernde Auftritt eines Models, das zuvor in Honig getaucht wurde. Das Ergebnis ist der Anblick eines Körpers wie aus „Bernstein und Licht“, dem das „elektrische Gesumm Tausender Insekten“ als Schleppe folgt.

Doch als das Mannequin am Ende des Laufstegs plötzlich in die falsche Richtung abgeht, irritiert das den Bienenschwarm und er fällt gnadenlos stechend über seine „Königin“ her. Der vermeintliche Triumph der Kunst über die Biologie, den die selbstherrliche Marie intendiert hatte, endet im Chaos, mit einem deutschen Imker im Schutzanzug und ratlosen japanischen Feuerwehrleuten. „Marie hatte sich geweigert, sich von der Wirklichkeit besiegen zu lassen“, ist der in seine Hauptfigur vernarrte Erzähler dennoch überzeugt, „sie hatte ihre Signatur unter das Leben selbst gesetzt, unter seine Unberechenbarkeiten, seine Zufälligkeiten und Unvollkommenheiten“.

Diese irrlichternde Szene bildet den furiosen Prolog zu Jean-Philippe Toussaints Roman „Nackt“, mit dem der in Paris lebende Belgier seinen vierteiligen Zyklus über die nah am Wasser gebaute Grande Dame Marie und ihren namenlosen, sie nimmermüde beobachtenden und über sie räsonierenden Liebhaber abschließt.

Im ersten Teil, „Sich lieben“ (2003), führte der Ich-Erzähler, offenbar ein Schriftsteller, während einer Japanreise, mit der das schwierige Paar nach sieben Jahren seine Trennung besiegeln wollte, ein Fläschchen Salzsäure mit sich, was für eine ständig brodelnde kriminalistische Spannung sorgte. Und mit einer „unendlich kleinen Katastrophe“ endete: Der sinistre Mann ermordete mit Hilfe seines Säurefläschchens eine Blume – keine Butterblume wie bei Alfred Döblin, sondern eine lila-weiße asiatische Leidensgenossin. Das wahre Attentatsopfer aber war – vorläufig – der Glaube an die Liebe.

Die rätselhafte Frau

Es folgten die sublimen, vielfach ausgezeichneten und auch einzeln zu lesenden 160-Seiten-Bücher „Fliehen“ und „Die Wahrheit über Marie“, in dem unter anderem ein Rennpferd am Flughafen durchging.

Nun will sich Marie in einer regnerischen Septembernacht mit ihrem On-and-Off-Liebhaber wieder treffen. Wochenlang hat er in seiner Pariser Wohnung nach einem Liebesurlaub auf Elba auf ein Zeichen von ihr gewartet. Bei der unerwarteten Audienz wirkt sie etwas derangiert: „Es schien mir sogar – würde ich das zu sagen wagen – nein, ich sage es natürlich nicht, ich wollte hier nicht mit einer solchen tödlichen Unterstellung kommen, dass sie ein wenig an Gewicht zugenommen hatte, oder eher, um den Affront, diese Unterstellung, diese Majestätsbeleidigung etwas abzumildern, dass ihr Gesicht an diesem Abend etwas von dem Ausdruck angenommen hatte, den ich von ihr beim Aufwachen kannte (…).“ Kurz gesagt, und weit weniger elegant, als es Toussaints langjährigem deutschen Mentor Joachim Unseld in seiner Übersetzung gelingt: Die als „ozeanisch“ gepriesene Marie wirkt leicht aufgedunsen. Sie teilt ihm mit, dass auf Elba Maurizio gestorben sei, ein Vertrauter ihres ebenfalls verstorbenen Vaters. Ihr Freund soll sie zur Beerdigung begleiten.

Als das Paar samt Maries gut dreißig Kilo schwerem Koffer auf der Insel eintrifft, erfüllt die Luft ein brenzliger, penetranter Schokoladengeruch. In der Nacht, erfahren sie von Maurizios Sohn Giuseppe, sei eine Schokoladenfabrik abgebrannt. Nach der Honig-Katastrophe zum Auftakt folgt nun also ein Schokoladen-Unglück mit heftiger olfaktorischer Auswirkung auf den Text. Erneut scheut der 1957 geborene Jean-Philippe Toussaint selbst Elemente des Kitsches nicht, um archaische Gefühle in hochaktueller Szenerie zu präsentieren und dabei im Sinne Alain Robbe-Grillets auf die spannungsfördernde Wirkung der Auslassung, der Lücke, zu vertrauen. Mit makabrer Meisterschaft vermengt Toussaint den bedrängenden Geruch mit der Atmosphäre auf dem Friedhof, auf dem die beiden herumirren: „Von den Mausoleen troff der Regen, Schokoladendampf stieg von dem nassen Stein der Gräber auf, wohingegen aus dem Marmor der Grabstätten der organische Totensaft hervorzuquellen schien.“

Jede noch so hektische Aktion lässt dem Erzähler stets Raum, um über Marie zu sinnieren, diese rätselhafte, kapriziöse Frau. Ein unausgesprochener Mafia-Verdacht legt sich auf den unsympathischen Giuseppe, der sich in den Resten der abgebrannten Fabrik sehr gut auszukennen scheint. Doch das sind nur bildmächtige Details, Thriller-Fragmente, die sich in luftiger Narration geschmeidig um den Kern des Romans legen: Maries letztes Geheimnis. Der einst als „belgischer Candide“ und Vertreter des „nouveau nouveau roman“ gerühmte Autor bewahrt es bis zum Schluss, und es ist kaum zu glauben, dass er sich nun von Marie verabschieden will. Wirklich „nackt“, wie es der Romantitel suggeriert, wird diese Glückliche nie sein: Stets umhüllt und birgt sie die Phantasie des Erzählers.

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