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Leben aus dem Medikamentenkoffer

  • VonSteffen Hebestreit
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Der Historiker Robert Dallek legt eine neue Biografie über John F. Kennedy vor. Sie zeigt den Präsidenten als chronisch Kranken, als Sexjunkie - und als verhinderten Helden

Der 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika schluckte jeden Tag mehr Arzneimittel als eine DDR-Schwimmerin. Codein-Sulfat und täglich mehrere Procain-Spritzen sollten seine unerträglichen Schmerzen im Rücken lindern, Penizillin die chronischen Infektionen von Dickdarm und Harnwegen. Er nahm Cortison gegen die Auswirkungen des Morbus Addison, Bentyl, Transentin und Kampfer-Opium-Tinktur gegen seine Magenschmerzen, Testosteron gegen Gewichtsverlust und Ritalin für eine ungestörte Nachtruhe.

In der Öffentlichkeit zeigte sich John Fitzgerald Kennedy (1917 - 1963) als sportlicher, kraftstrotzender Politiker mit sprühendem Charme. Ohne seinen täglichen Medikamentencocktail wäre Kennedy aber nicht einmal in der Lage gewesen, sich seine Socken selbst anzuziehen, geschweige denn, die Fassade des dynamischen Jungpolitikers aufrecht zu erhalten. Der Mann war ein körperliches Wrack.

Für seine Biografie John F. Kennedy - Ein unvollendetes Leben durfte der US-Historiker Robert Dallek mit Genehmigung der Angehörigen erstmals Einblick in die komplette Krankenakte Kennedys nehmen. Der Befund: Von seinem 13. Lebensjahr an musste sich Kennedy wegen verschiedenster Leiden immer wieder für längere Zeit ins Krankenhaus begeben. Allein zwei Mal gaben katholische Geistliche dem Patienten die letzte Ölung.

"Vielleicht hätte der Doc doch noch ein anderes Buch lesen sollen, bevor er zur Säge griff", schrieb Kennedy 1945 nach einer Bandscheiben-Operation einem Freund. Nach zwei weiteren Monaten in dem "gottverdammten Krankenhaus", ohne dass sich seine Rückenschmerzen gebessert hatten, ärgerte er sich über seinen Arzt, den "bescheuertsten Hurensohn", den man sich vorstellen könne. "Ein Verrückter mit einem Messer."

Die Öffentlichkeit hatte davon nie eine Ahnung. Für sie verkörperte Kennedy den neuen Typus eines glanzvollen Politikers, der gut aussieht, ein überwältigendes Lachen und mitreißenden Witz hat, der sich dennoch zu ernsten Problemen klug und durchdacht zu äußern versteht. Bereits vor seiner politischen Karriere war JFK eine Berühmtheit. Als Kriegsheld, Autor, Pulitzer-Preisträger und Sprössling aus reichem Hause galt er früh als einer der begehrtesten Junggesellen des Landes. Sein Aufstieg verlief rasant: Im Alter von nur 29 Jahren zog Kennedy ins Repräsentantenhaus ein, sechs Jahre später wurde er bereits Senator von Massachusetts.

Eifersüchtig wachte der Kennedy-Clan darüber, dieses erfolgreiche jugendliche Image zu bewahren. Unter keinen Umständen durften Informationen über Kennedys Gesundheitszustand an die Öffentlichkeit gelangen. Als bei einer Wahlkampfreise sein Arzneikoffer einmal verloren ging, bekniete Kennedy einen Vertrauten: "Da geistert irgendwo ein Medikamentenkoffer herum, der niemandem in die Hände fallen darf." Kennedy fürchtete das Ende seiner Karriere, sollte seine Abhängigkeit von Medikamenten publik werden.

Die Sorge war nicht unberechtigt. Noch knapp 40 Jahre nach seinem Tod war die Nachricht über Kennedys tatsächlichen Gesundheitszustand der New York Times ein Bericht auf der Titelseite wert. Kennedy-Gegner frohlockten, die Informationen seien ein weiterer Beleg für die Doppelgesichtigkeit des Präsidenten, dessen Mythos wenig mit der Realität korrespondiere. Die JFK-Getreuen wiederum sahen die Enthüllungen als Beweis für die Charakterstärke, die Selbstdisziplin, den außergewöhnlichen Willen ihres Idols.

Robert Dallek bezieht in dieser Frage eine klare Position. Kennedy wäre, so Dallek, wohl niemals ins Weiße Haus gewählt worden, wenn die Öffentlichkeit um seine labile Gesundheit gewusst hätte. Doch beeinträchtigten seine Krankheiten und die täglichen Medikamente seine Entscheidungen als Präsident? Nein, nicht im Geringsten, bilanziert der Historiker. Deswegen sei Kennedys Entscheidung letztlich richtig gewesen, seinen Gesundheitszustand zu verheimlichen. Punkt.

Die Erkenntnisse aus der Krankenakte mögen als Sensation gelten, Dallek ist in seiner 792 Seiten starken Biografie aber an etwas anderem interessiert. Ein unvollendetes Leben lautet der programmatische Untertitel. Die zweite, die stärkere Hälfte des Buchs widmet er der Frage, wie sich die Politik Kennedys entwickelt hätte, wenn es kein Attentat auf den Präsidenten an jenem vermaledeiten Novembertag 1963 gegeben hätte. Der Kalte Krieg, Kuba, Vietnam - wie hätte Kennedy in seiner zweiten Amtszeit bei diesen Konflikten agiert? "Auf alle Fälle besser", lassen sich Dalleks Vermutungen resümieren.

Der Autor entwirft das Bild eines Präsidenten, der nach der frühen außenpolitischen "Katastrophe", der gescheiterten Invasion in Kubas Schweinebucht, überlegt und meist klug handelt. Dessen oberste Maxime es ist, einen "nuklearen Holocaust" zu verhindern. Dallek skizziert einen ernsten Präsidenten, der sich umringt sieht von kriegslüsternen Militärberatern, die früh auf den Einsatz von Atomwaffen dringen. Einen Präsidenten, der im Oktober 1962 beim "Showdown" mit dem sowjetischen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow über den Bau von Raketenstellungen auf Kuba seinen stärksten Augenblick erlebt. Einen Präsidenten, der nach Ansicht des Autors durch sein entschlossenes, dennoch vorsichtiges Handeln einen Atomkrieg verhinderte.

Die Innenpolitik vernachlässigt Dallek in seiner Darstellung fast völlig. Unklar bleibt, ob er damit hervorheben will, wie wenig Energie Kennedy auf innenpolitische Themen verwandte. Jedenfalls findet nur der Streit um die Bürgerrechtsgesetzgebung einen gewissen Raum.

Ausführlicher geht Dallek auf die menschlichen Schwächen Kennedys ein. Sein zögerliches Engagement auf besagtem Gebiet der Bürgerrechte beispielsweise oder seine Fixierung auf Vater Joseph Kennedy, unter Präsident Franklin D. Roosevelt Botschafter in London. JFK litt oft unter dem strengen Regiment des Vaters, andererseits nutzte er gerne dessen gute Kontakte und Vermögen, um seine eigene politische Karriere voranzubringen.

Die größte Schwäche Kennedys waren die Frauen. Seine Affären sind legendär. Schauspielerinnen, Sekretärinnen, Praktikantinnen, die Ehefrauen von Freunden - kaum jemand konnte sich seinem Charme entziehen. In den frühen sechziger Jahren gab es mehrfach Sex-Partys im Weißen Haus, mehrere Mitarbeiter waren damit beschäftigt, dem Staatschef junge, attraktive Frauen zuzuführen. Selbst seiner Ehefrau Jacqueline blieb das amouröse Jagdfieber ihres Mannes nicht verborgen. Bei einem Treffen mit dem britischen Premier Harold Macmillan im Dezember 1961 auf Bermuda bekannte der junge Familienvater einmal, "wenn er nicht alle drei Tage eine Frau hätte", bekäme er fürchterliche Kopfschmerzen.

Die angeschlagene Gesundheit, das Gefühl der eigenen Sterblichkeit sieht Dallek als Motiv für das rastlose Sexualleben Kennedys. Seine zahllosen Krankheiten hätten JFK zu der Überzeugung geführt, dass ihm nicht viel Zeit auf Erden bleibe. Damit erkläre sich nicht nur sein rasanter, atemloser Aufstieg bis ins Präsidentenamt in relativ jungen Jahren, getreu seinem Motto "carpe diem" (Nutze den Tag!) habe Kennedy auch die Annehmlichkeiten des Lebens ungehemmt genießen wollen - sein privates Fin de Siècle.

Robert Dallek hat eine faktenreiche Biografie über John F. Kennedy vorgelegt, in der ihm das Kunststück gelingt, Geschichte oft so spannend und lesbar zu beschreiben, dass sie wie ein Polit-Thriller wirkt, ohne dafür die historische Wahrheit zu vernachlässigen. Trotz Hang zum Detail verliert Dallek nie den Blick fürs Wesentliche. Wer es sich leisten kann, gerade einmal zwei Absätze auf das Kennedy-Attentat zu verwenden, hat offensichtlich Wichtigeres zu klären als die Frage, ob Oswald als Einzeltäter gehandelt haben könnte.

Bei all seiner ausgewogenen, durchaus auch kritischen Würdigung von John Fitzgerald Kennedy kann sich Dallek - ebenso wenig wie der Leser - der Faszination entziehen, die JFK auch 40 Jahre nach seinem Tod ausstrahlt. Kennedys Berater Ted Sorensen beschrieb den Schock über das Attentat auf ihn einmal wie folgt: "Zahllose Menschen haben gesagt, dass der Tod des Präsidenten sie noch stärker berührt habe als der Tod ihrer eigenen Eltern. Ich nehme an, der Grund dafür dürfte darin zu finden sein, dass letzteres zumeist einen Verlust an Vergangenheit darstellt - doch die Ermordung Präsident Kennedys stellte einen unschätzbaren Verlust an Zukunft dar."

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